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Johannes Klietmann, Querdenk
Bild: Walter Kvapil 

Autismus: Ein hochintelligenter Motor für Innovation

06.11.2017 | 17:52 |  Von Andrea Lehky (Die Presse)

Porträt. Johannes Klietmann ist Autist. Was ihn nicht daran hindert, Vorträge und Workshops zum Thema „Innovation“ zu halten. Weil er nicht so denkt wie alle anderen.

Als Schüler liebte er Physik. Er erklärte auch gern seinen Klassenkollegen, was sie nicht verstanden hatten. Da fühlte er sich wohl, sagt Johannes Klietmann (34), weil das Sachgespräche waren. Wovor ihm graute, waren die Pausengespräche: „Ich spürte, da war ein Subkontext. Aber ich wusste nicht, welcher.“

Johannes Klietmann ist hochintelligent, Doktor der Biologie – und Autist. Er spricht Schönbrunner Deutsch („weil ich so viele Bücher las“), obwohl er im Burgenland aufgewachsen ist. Er holt gern Details aus den Tiefen eines beachtlichen Wissens, mit denen er sein Gegenüber beeindruckt. Vor allem, aber nicht nur, wenn es um Autismus geht.

Autisten, sagt er, können nicht filtern. Viele registrieren jedes Detail, finden den einzigen Tippfehler in einem 1000-Seiten-Schmöker, kennen jede Eisenbahnstation Österreichs beim Namen – aber sie fühlen sich in sozialen Situationen entsetzlich unwohl.

Klietmann weiß, warum: „Weil man sich schwertut, Dinge zu vernetzen, die im Gehirn nicht so nah beisammen liegen. Aussage, Sprachmelodie und Mimik etwa sind keine Einheit. Das ist dreifach anstrengend.“ Wiewohl alles registriert und gespeichert wird – um Wochen später plötzlich hochzukommen und „verstanden“ zu werden.

Klietmanns Intelligenz ermöglichte ihm, sein Anderssein („ich bin der Löwenzahn im Rasen des Lebens“) lang zu verbergen. Mit Workarounds, wie er sie nennt. Muss er etwa über sich selbst sprechen – grundsätzlich ein Gräuel für Autisten –, betrachtet er sich als Sachthema. Dann macht es ihm nichts aus.

Als kleines Kind konnte er selbst die längsten Dinosauriernamen aussprechen. Als Teenager hängte er ein Froschposter an die Klassenwand, wo alle anderen Popgruppen verewigten („damit konnte ich nichts anfangen“). Später studierte er Paläobiologie mit Spezialgebiet Kleinsäuger. Nach der Promotion wollte er an der Uni bleiben, „aber sie nimmt keine Wissenschaftler, die sie selbst ausgebildet hat“. Auch hätte er dort seine Projekte verkaufen müssen: „Das liegt mir gar nicht.“

Nur ein Konstruktionsfehler

Also verdingte er sich bei einer Firma, für die er Erdproben auf Baustellen nahm. Der Stress war ihm ein Albtraum. Er verstand: „Wenn ich überleben will, muss ich auf mich achten. Das ist wichtiger, als Geld zu verdienen.“

Als er im Fernsehen einen Film über Autismus sah, keimte in ihm der Verdacht, selbst betroffen zu sein. Ein Test vergangenes Jahr brachte Gewissheit. „Endlich wusste ich, es ist nicht meine Schuld. Nur ein Konstruktionsfehler.“

Das Leben meinte es gut mit ihm. Seine Talente fielen der Gruppe Denkquer auf, für die er nun Innovationsworkshops hält. Die Idee dahinter: Menschen mit Autismus sagen unmittelbar ehrlich, was streng logisch keinen Sinn für sie ergibt – und sprechen damit aus, was sich viele im Unternehmen denken, aber keiner zu sagen wagt.

Darauf baut Klietmann auf und sucht gemeinsam mit den Unternehmen bessere Lösungen für deren Innovationsthemen. Derer findet er viele, weil er sich auf Analogien aus der Biologie bezieht. Bei diesem Thema ist er in seinem Element: „Es gibt inkrementelle Innovationen: Pferde etwa wurden immer größer, bis sie ihre heutige Größe hatten. Und es gibt Radikalinnovationen: Fledermäuse sind mit Igeln verwandt, lernten aber fliegen. Eine Parallele aus der Technik: Der Verbrennungsmotor wurde inkrementell immer weiter verbessert. Der Elektromotor ist eine Radikalinnovation.“

Die Bionik weist den Weg

Noch ein Beispiel, bei dem Bionik eine Rolle spielt, bei dem also Phänomene der Natur auf die Technik übertragen werden: Modulare Innovationen werden im Detail optimiert (Flügelformen bei Vögeln), architekturale Innovationen völlig neu konstruiert (Insektenflügel, die, anders als bei Vögeln, keine umgebauten Arme sind).

Klietmanns Vorträge und Workshops sind fruchtbar, wenngleich anstrengend für ihn. Wegen der sozialen Interaktionen: „Ich kann das, weil ich mich gut vorbereite.“ Danach braucht er Ruhe: „Dann lege ich mich auf mein Bett. Und mache es ganz dunkel.“

 

Auf einen Blick

Störungen aus dem Autismusspektrum (zu dem auch die mildere Form des Asperger-Syndroms gehört) haben einen breiten Formenkreis. Fast immer betreffen sie soziale Interaktion und Kommunikation. Je nach Intelligenzgrad kann das teilweise kompensiert werden. Unterschiedlich stark betroffen sind Sprachentwicklung (typisch: wörtliches Verständnis ohne Sinn für Zwischentöne) und Verhaltensmuster (unterschiedlich stark eingeschränkte, repetitive, unflexible Muster).


[NYL2A]

(Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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