Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
Bild: Pixabay 

Mein Traum von Oxford

25.10.2017 | 14:00 |  Lukas Mautner Markhof (Die Presse)

Von Voltaire über die Haltung von Sklaven bis zu Christbäumen: Der 19-jährige Lukas Mautner Markhof erzählt von seinem fünf Monate dauernden Bewerbungsprozess an der britischen Eliteuniversität Oxford.

Es war der Moment, in dem die Maturaergebnisse verkündet wurden, als für mich die Welt unterging. Ein Notendurchschnitt von 1,4 ist zwar prinzipiell nicht schlecht, für mich glich er dennoch einer Katastrophe. Ich hatte mich nämlich an der University of Oxford beworben. Meine Chancen sah ich mit diesem Notendurchschnitt schwinden.

Nach dem ersten Schock wollte ich es dennoch versuchen und startete das, vor allem für österreichische Verhältnisse, durchaus langwierige und komplexe Uni-Bewerbungsprozedere. Ich bewarb mich für Geschichte und Politikwissenschaften. In Großbritannien laufen alle Bewerbungen über eine Plattform ab: das Universities and Colleges Admissions Service (UCAS). Auf dieser trägt man den Lebenslauf ein. Zusätzlich benötigt man einen „Letter of Reference“, ein Empfehlungsschreiben eines (ehemaligen) Vorgesetzten. 

Das Wichtigste im Bewerbungsprozess – so sehen das alle Poster in Internetforen, alle Zeitschriften und Zeitungen – ist das Personal Statement. In Wahrheit ist es nichts anderes als ein Motivationsschreiben. Aber irgendwie doch wieder besonders. In 4000 Zeichen muss man erklären, wer man ist, was man gerne macht, wieso man sich für dieses Fach bewirbt, was einen daran fasziniert, was man sich von einer Uni erwartet und was man können will, wenn man den Bachelor hat. Ich habe einen ganzen Monat daran gefeilt.

Dann muss ein Test absolviert werden. Österreicher können die schriftliche Aufnahmeprüfung über den „British Council“ in Wien ablegen. Für jedes Fach ist der Test anders und enthält weniger inhaltliche und mehr analytische Fragen. Die Prüfungen der vergangenen Jahre wurden glücklicherweise online gestellt. Jede Woche schrieb ich zwei dieser Tests – die etwa je zwei Stunden dauerten – zudem habe ich viel gelesen: Bücher, Zeitschriften und Nachrichten.

Zu dem Test erschienen alle in Österreich lebenden Bewerber für Oxford und Cambridge. Es gab drei Aufgaben: Zuerst musste die Meinung eines Autors zum Thema Umweltgeschichte interpretiert, dann ein geschichtlicher Essay geschrieben und zu guter Letzt der „Code Noir“, ein Gesetzestext für Sklavenhaltung in französischen Kolonien aus dem 17. Jahrhundert, analysiert werden. Zudem musste ich einen wissenschaftlichen Text einreichen.

Ein Flug nach Oxford

All diese Hürden habe ich genommen und durfte einen Flug nach Oxford buchen. Dort warteten drei Interviews auf mich. Die ersten beiden liefen ähnlich ab. Zuerst musste ich von mir selbst erzählen. Dann kamen inhaltliche Fragen – etwa zu einem Text über Eigentum von Voltaire. „Was bedeutet Eigentum für dich? Ist man ohne Sorgen, wenn man nichts verlieren kann? Und wie hat sich die Einstellung zu Eigentum verändert?“, wollte man von mir wissen. Auch über die Bedeutung von Macht sowie über gescheiterte Staaten haben mich die Professoren befragt. Ich wusste, dass es auf alle diese Fragen (siehe Artikel rechts) keine richtigen und falschen Antworten gab, aber ich musste meine Meinung gut begründen und meinen Denkprozess laut und strukturiert darlegen. Schwierig genug.

Bei meinem letzten Interview wurde mir ein fünf Seiten langes Skriptum über volkswirtschaftliche Entwicklungen in die Hand gedrückt. Nur mit Mühe gelang es mir, den Text innerhalb der Stunde, die für die Vorbereitung vorgesehen war, zu lesen. Beim Interview saßen mir fünf Professoren gegenüber. Wobei einer in die Rolle eines Diktators eines fiktiven Landes schlüpfte und mit mir als solcher diskutierte. Dann kam ein etwas abrupter Themenwechsel. Ich durfte über eine mir beliebige Tradition sprechen. Ich entschied mich spontan für Christbäume. Das war ein Fehler. Was wusste ich schon über die Tradition von Christbäumen? Leider nicht viel. 

Einen Monat später ließ ein E-Mail meinen Traum von Oxford endgültig platzen. Fünf Monate an Bewerbungsschritten und Vorbereitungen haben am Ende leider nicht gereicht. Begründung für die Absage gab es keine. Ich werde nun an der University of Warwick in Großbritannien studieren. Ebenso eine renommierte Universität. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es, den Master an der Universität meiner Träume zu absolvieren.

(UniLive, 27.09.2017)

AnmeldenAnmelden
DiePresse.com