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Bild: Pixabay 

Wer vertraut dem Roboter-Rechtsanwalt?

22.10.2017 | 13:00 |  von Michael Köttritsch (Die Presse)

Zukunft. Die Digitalisierung ist dabei, auch die Anwaltskanzleien zu verändern: Sie bringt neue Arbeitsweisen und neue Möglichkeiten, ergab eine Studie im Auftrag von Future-Law, die kürzlich in Wien präsentiert wurde.

Es war tatsächlich so: Österreichs Juristen haben mit der Digitalisierung begonnen, als sich nur wenige unter dem aktuellen Modewort etwas vorstellen konnten: Bereits 1990 wurde der Elektronische Rechtsverkehr (ERV) eingeführt, 2007 die webbasierte Variante (webERV) gestartet, seit 1998 ist das Rechtsinformationssystem (RIS) online. Diese Einführungen waren damals revolutionär, und Österreich war ein Vorreiter, sagt Sophie Martinetz, die Gründerin der Plattform Future-Law.

In der Zwischenzeit ist der Eindruck entstanden, dass die Juristen von der digitalen Dynamik etwas überrannt worden seien. Mag sein. Sie wollen sich aber nicht vollends abhängen lassen. Aktuell arbeiten rund 6300 Anwälte in Österreich, und darf man der von Future-Law in Auftrag gegebenen Umfrage glauben, will knapp die Hälfte der Anwaltskanzleien in den nächsten fünf Jahren digitaler werden.

Den Einsatz innovativer Workflow-Tools sehen sie weitgehend als unerlässlich an. 83 Prozent der Anwälte können sich außerdem vorstellen, einen digitalen Assistenten für die Recherche einzusetzen. Dass dieser Assistent auch die Rechtsberatung von Mandaten übernimmt, halten jedoch drei Viertel der Anwälte für sehr bis eher unwahrscheinlich.

Wettbewerbsdruck steigt

Zwar sagen laut dem Whitepaper zur Digitalisierung der Rechtsbranche von LexisNexis 70 Prozent der Österreicher, sie würden für ausgewählte Leistungen durchaus einen Roboteranwalt zu Rate ziehen. Vertraut wird automatisierten Services dann, wenn gesichert ist, dass sie von Rechtskundigen kontrolliert werden. Das entspricht auch dem Bild, das die Rechtsanwälte von ihrer Rolle auch im Jahr 2035 haben – die Rolle als rechtliche Experten hat weiterhin Bedeutung.

Generell erwarten Anwälte, dass der Wettbewerbsdruck – unabhängig von der Entwicklung im Legal-Tech-Bereich – zunehmen wird. Hier wird die Digitalisierung dezidiert als Chance und Hebel für einfachere Abläufe, mehr Effizienz und flexibleres Arbeiten gesehen. Insbesondere Letzteres steht bei Österreichs Anwaltschaft sehr hoch im Kurs: Flexible Arbeitszeiten (82 Prozent) und Familienfreundlichkeit (63 Prozent) rangieren weit vor Weiterbildung (30 Prozent) und überdurchschnittlichen Verdienstmöglichkeiten (22 Prozent) und gelten als wichtigste Anreize, neue Mitarbeiter zu gewinnen.

Und wie sehen die Anwälte die Situation aktuell? Sie sehen sich überwiegend als rechtliche Experten und juristische Berater, die gerne mobil arbeiten und auf technische Tools vor allem dann setzen, wenn es um Volltextsuche in Dokumenten, Dokumentenmanagement, mobilen Zugriff auf diese Dokumente sowie digitales Diktieren samt Schreibservice geht.

Digitalisierung positiv gesehen

Dem Einfluss der Digitalisierung auf den Erfolg ihrer Kanzlei misst mehr als Hälfte starke oder sehr starke Bedeutung bei. 40 Prozent halten ihn für eher gering. Gründe für die überwiegend positive Haltung sieht Martinetz darin, dass die Kanzleien in der Digitalisierung Chancen erkennen: in der Vereinfachung der Arbeitsabläufe (83 Prozent), in der Steigerung der Effizienz (78 Prozent) und in der Zeitersparnis (77 Prozent).

Reduktion der Kosten erwartet die Hälfte der Befragten, eine Qualitätssteigerung ein schwaches Drittel. Dem stehen die erwarteten Gefahren gegenüber: Cyber-Kriminalität (65 Prozent) und Datenschutzprobleme in fast ebensolchem Ausmaß.


[NXN2U]

(Print-Ausgabe, 21.10.2017)

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