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Bild: Marin Goleminov 

Wie man ein Assessment-Center überlebt

21.10.2017 | 17:00 |  von Andrea Lehky (Die Presse)

Taktik. Herbst ist Recrutingzeit. Jetzt werden die Kandidaten für Planstellen, die ab Jänner besetzt sein sollen, auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Die gute Nachricht: Man kann sich vorbereiten.

Recruiter fürchten Fehlbesetzungen. Die machen Ärger, kosten Geld und fallen auf sie zurück. Sie wollen sich absichern. Im Assessment-Center (AC), hoffen sie, lassen sich Kandidaten in fingierten Realsituationen gut einschätzen. Was krause Blüten trieb: Zeitweilig waren AC aufwendige Events mit astronomischem Zeit-, Geld- und Personaleinsatz.

Kein Wunder, dass der Trend weg von den Mammutveranstaltungen hin zu straff-kompakten Formaten geht. Für Bewerber bedeutet das: Der Zeitplan ist noch enger getaktet, Pausen sind minimiert, Leistungsdruck ist maximiert.

Zweiter Trend: Das AC wird ins Internet verlegt. Vieles lässt sich online genauso gut (manchmal sogar besser) durchspielen.

Ein dritter Trend ist aufgabenübergreifender Kontext. Statt sich für jede Übung in eine neue Rahmenhandlung hineinversetzen zu müssen, bauen die Aufgaben aufeinander auf. Im Idealfall beleuchten sie den Kandidaten bereits in seiner künftigen Rolle.

An den klassischen Übungen hat sich wenig geändert. Für Kandidaten heißt das: keinesfalls improvisieren, sondern gut vorbereiten. Ob mit Coach, Lehrbuch oder Peers, hier sind Tipps für die wichtigsten AC-Klassiker.

„Stellen Sie sich kurz vor.“

Um eine Selbstpräsentation kommt im AC niemand herum. Sie lässt sich wunderbar daheim vor dem Spiegel üben. Roter Faden: Was man für die Stelle mitbringt und warum man sie unbedingt haben will. Ersteres ist eine adaptierte Form des Lebenslaufs: aktuelle Position („Derzeit verantworte ich...“) plus jene früheren Positionen, die relevant für die angestrebte sind. Für Zweiteres heißt es nachdenken: Warum will ich den Job wirklich? Und will die Jury das hören?

„Präsentieren Sie uns Ihr Ergebnis.“

Erst eine Aufgabe lösen, dann präsentieren. Ich konzentriere mich auf die Aufgabe, denken viele, die Präsentation ist nicht so wichtig. Schwerer Fehler: Mehr als die richtige Lösung zählen Visualisierung, sprachlicher Ausdruck und Überzeugungsfähigkeit. Also: nicht drauf losreden, sondern ein Drittel der Zeit für eine strukturierte Präsentation reservieren.

„Überzeugen Sie einen Gleichrangigen von Ihren Plänen.“

Im Rollenspiel geht es darum, einen Partner für eine Auftrag zu gewinnen. Aufgabe genau durchlesen, nebensächliche Infos könnten wichtig sein. Maximal- und Minimalziel (bei dem man gerade nicht das Gesicht verliert) bestimmen. Argumente vorbereiten. Am wichtigsten ist, gesellschaftliche Konventionen im kleinen Finger zu haben: mit Handschlag begrüßen, nette Gesprächsatmosphäre schaffen, Sichtweise des Partners erfragen, gemeinsame Lösung finden, verbindlich vereinbaren, mit Handschlag auseinandergehen. Niemals Blickkontakt mit der Jury suchen!

„Kündigen Sie einem Mitarbeiter.“

Schlechte-Botschaft-Gespräche sind beliebt bei Unternehmen, in denen sie öfter vorkommen. Zusätzlich zum oben Gesagten gilt: nicht um den heißen Brei herumreden, nicht die Verantwortung abschieben („Ich wurde beauftragt,...“), nicht die Firmenleitung anpatzen („die da oben“).

„Erarbeiten Sie gemeinsam ein Konzept.“

Mehr noch als um das Konzept geht es bei einer Gruppendiskussion um die Rolle, die man einnimmt. Als Führungskraft sollte das der Lead sein. Man führt durch den Prozess, klärt Auftrag, verteilt Aufgaben (z. B. Zeitwächter), holt Infos ein, gewichtet sie und steuert die Gruppe – wie im echten Leben. Schnappt einem ein anderer den Lead weg, wach und aktiv zur Lösung beitragen. Und ja, Selbstdarsteller darf man unterbrechen. Sie stehlen der Gruppe nur die Zeit.

„Ach, darauf sind Sie stolz?“

Stressfragen zielen auf die Nerven des Kandidaten ab. Der reagiert gelassen. Die Jury will nur herausfinden, ob er standhaft und bei seiner Linie bleibt. Die besten Konter sind nachfragen („Was genau stört Sie?“) oder sachlich-nüchtern begründen („Ich habe so entschieden, weil...“). Ganz Coole lassen den Stressor auflaufen und sagen „Ja.“ Sonst nichts.

 

Am Montag startet die neue Serie zum Thema „Assessment-Center“. Mit Tipps zu allen Aufgaben.


[NX9RM]

(Print-Ausgabe, 21.10.2017)

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