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Bild: Pixabay 

Die Masterfrage

19.10.2017 | 12:03 |  Cornelia Holzbauer (Die Presse)

Für viele Studenten entwickelt sich die Entscheidung für oder gegen ein Masterstudium zur Gretchenfrage. Wie viel ist ein Bachelor wert? Und wann lohnt es sich, weiterzustudieren?

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, lautet ein bekanntes Sprichwort. Heißt: Man muss sich alles hart erkämpfen, auch den Abschluss. Vielleicht ein weiterer Grund, warum der Bachelor noch nicht genug Anerkennung erfährt.

Seit Bologna existiert die Kritik, dass Universitäten zu verschult sind ein Vorwurf, der den Fachhochschulen immer schon anhaftete. Die Stereotype sind schwer zu bekämpfen. Gerade an der Universität ist der Bachelor oft nur die Tür zu weiterführenden Studien. An der FH sieht das anders aus. "Dort reicht ein Bachelor häufig aus für das, was man beruflich erreichen möchte", sagt David Binder. Deshalb sind die Übertrittsraten vom Bachelor in den Master an der FH deutlich niedriger als an der Universität.

"Das liegt daran, dass Fachhochschulen berufsfeldnahe Studiengänge anbieten, die den Jobeinstieg leichter machen. So ist ein Master häufig gar nicht nötig", erklärt Binder. 40 Prozent der Abschlüsse passieren inzwischen an Fachhochschulen. Der geregelte Stundenplan an der Fachhochschule garantiert den Abschluss in Mindeststudienzeit.

Du hast nur einen Bachelor?" Wenn das Wörtchen "nur" nicht wär. Kein Lob für drei Jahre Studium inklusive Prüfungen, Seminararbeiten und schließlich die Bachelorarbeit. Auch die romantische Vorstellung von einer pompösen Abschlussfeier mit farbigem Talar und Hut, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, ist hierzulande an Unis inexistent. Ein Bachelortitel, den man im besten Fall nach sechs Semestern in Händen hält, ist ein Studienabschluss per Definition. Allerdings wird dieser oft nur als Teilstück eines Studiums angesehen. Liegt das daran, dass die Bologna-Reform, die das Diplomstudium in Bachelor und Master aufgeteilt hat, noch nicht in den Köpfen angekommen ist? Oder ist der Bachelorabschluss tatsächlich nicht genug?

"Die Übertrittsquoten vom Bachelor in den Master gehen derzeit insgesamt stark zurück", sagt David Binder, vom Institut für Höhere Studien (IHS) und Mitautor der Studierendensozialerhebung 2015. Haben kurz nach Start der Bologna-Reform bis zu 90 Prozent der Bachelorabsolventen eine weiterführende Ausbildung begonnen, so sind es jetzt nur noch 70 Prozent. Diese Statistik ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil die unterschiedlichen Studiengänge zu verschiedenen Zeiten umgestellt wurden. Ausgerechnet einige Technikfächer, in denen am ehesten ein Master gemacht wird, wurden als erste umgestellt.

Master-Motive

Der häufigste Grund ein Masterstudium zu beginnen, ist das Interesse am Fach, sagt Binder. Spezialisierung ist ein weiteres Motiv. Auch das Gehalt spielt eine Rolle. Viele Studenten entscheiden sich für einen weiteren Abschluss, weil der Bachelor schlichtweg zu wenig anerkannt ist. Teilweise spielen soziale Effekte mit hinein. So hätten Studierende, deren Eltern hochgebildet sind, ebenfalls höhere Karriereaspirationen, sagt Binder.

Geschlechterunterschiede gebe es bei den Motiven für einen Master übrigens kaum, sagt der Forscher. Zwar sei Männern das Gehalt ein wenig wichtiger, "allerdings stellen auch Frauen oft fest, dass der Bachelor teilweise weniger Arbeitsmarktperspektiven bringt und studieren deshalb weiter", analysiert Binder.

Aber stimmt es wirklich, dass man mit einem Master automatisch mehr Geld bekommt, besser angesehen ist und die Karriere vorantreibt? Diese Frage lässt sich nicht klar beantworten. Es komme auf die Studienrichtung an, sagt Binder. "90 Prozent der Ingenieurwissenschaftsstudenten machen einen Master, bei den anderen Studienrichtungen sind es zwischen 60 und 70 Prozent", erklärt der Forscher. In den Geistes- und Kulturwissenschaften, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sei ein Master weniger üblich.

Musterbeispiel

Matthias Steiner, Treasury Accountant bei der Erste Group, verkörpert vieles, was der Bologna-Prozess erreichen wollte. Der 31-Jährige hat 2012 seinen Bachelor an der WU Wien abgeschlossen und war danach Praktikant bei der Erste Group. 2013 fing er seinen Master an der FH Wiener Neustadt an, den er zwei Jahre später abschloss. Trotz Jobs: Denn ein paar Monate nach Semesterbeginn stieg er diesmal mit einem Fixjob wieder bei der Bank ein. "Ich habe bereits während des Bachelors Vollzeit gearbeitet und als ich das Jobangebot bekam, versicherten sie mir, ich könne mein Studium gut mit der Arbeit kombinieren", sagt er.

Das war wirklich so. Die Firma kam dem damaligen Studenten besonders mit flexiblen Arbeitszeiten entgegen. "Gerade in ruhigeren Zeiten konnte ich es mir so einteilen, dass ich auch mal zwei Stunden früher aus dem Büro ging", erzählt der Masterabsolvent. Als zu stressig empfand Steiner die Doppelbelastung nicht. "Im Gegenteil: Ich habe in meinen ersten Monaten nur studiert, ich hätte sofort anfangen können, parallel zu arbeiten", sagt er. "Ich würde alles wieder so machen."

In seiner Firma haben die meisten einen Masterabschluss oder sind gerade dabei, ihn zu machen. Und was hat Matthias Steiner im Master gelernt? Zweierlei, sagt er. Einerseits habe er sich persönlich weiterentwickelt, andererseits habe er Handfestes gelernt: etwa, wie er eine Bilanz erstellt.

Endziel Bachelor

Nicht immer sei ein Masterabschluss notwendig, findet Bernhard Reisner, Vice President Human Capital bei der Miba Gruppe, einem Technologieunternehmen. "Wer einen Bachelor und entsprechende Zusatzqualifikationen hat, kann ein genauso wertvoller Kandidat für unsere Firma sein wie ein Masterabsolvent", sagt der Personaler. Als Beispiel nennt er Auslandspraktika. Außerdem müssten Zusatzqualifikationen, die man normalerweise im Master erwerbe, nicht immer akademischer Natur sein, betont Reisner, Stichwort Freiwilligenarbeit. Die Entscheidung für oder gegen die postgraduale Ausbildung sei eine individuelle.

Die meisten, die sich bei der Miba Gruppe bewerben, haben allerdings einen Master. "Das liegt aber auch daran, dass viele gar nicht auf die Idee kommen, sich nach dem Bachelor zu bewerben", sagt Reisner. Eigentlich schade, war das doch die Intention hinter Bologna: Bachelor abschließen, Erfahrung sammeln, Master anhängen und spezialisieren. Dieser Weg werde so kaum beschritten, sagt IHS-Forscher Binder.

Karriere mit Bachelor

Pervin Yüksel hat ihren Bachelor auf einer FH gemacht. Die 25-Jährige entschied sich für ein duales Studium mit Peek & Cloppenburg und ist dort inzwischen Abteilungsleiterin. "Nach der Matura wollte ich gleich ins Berufsleben einsteigen, Erfahrungen sammeln und Geld verdienen", sagt sie.

Ein duales Studium ist eine Mischung aus studieren und arbeiten, in Pervin Yüksels Fall pro Semester viereinhalb Monate Arbeit und sechs Wochen Studium. Die Abteilungsleiterin schließt einen Master in der Zukunft nicht aus, aber zuerst will sie bei der Arbeit richtig Gas geben. "Um bei P&C Karriere zu machen, zählt vor allem persönliche Weiterentwicklung und Engagement", sagt Karen Hey-van de Rijdt, Leiterin Employer Branding. "Dabei ist nicht immer der Abschluss entscheidend."

In Zukunft werden mehr Studenten nach dem Bachelor ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln und erst dann den Master machen, denkt Forscher Binder. "Lifelong Learning und immerwährende Fortbildung ist ein Trend, der wahrscheinlich zu größerem Respekt für Bologna führen wird."

(UniLive, 27.09.2017)

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