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Bild: Pixabay 

Freud und Leid der großen Beraterfreiheit

08.10.2017 | 13:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Angestellt oder Freelancer? Die einen schätzen fixe Rollen und Strukturen eines Consulting-Hauses. Die anderen tauschen diese Sicherheit gern gegen mehr Breite und Selbstbestimmung. Was auch seinen Preis hat.

Als „freies Radikal“ einsam und allein Berateraufträge akquirieren? Oder bei einer wohlreputierten Agentur unterschlüpfen? Tina Deutsch erlebte beides. Als Senior Consultant genoss sie jahrelang eine sichere Anstellung bei einer der Big-Four-Beratungen, Karriere inklusive. Dann gründete sie mit Klaiton ihre eigene Plattform, die Berater in Projekte vermittelt. Nach „gefühlt tausend Interviews“ erkennt sie heute schnell, wer besser angestellt oder selbstständig arbeitet. Nach drei Kriterien:

Wie man arbeiten will

Der angestellte Consultant muss als Erstes Rahmenbedingungen und Arbeitsweise seines Hauses verinnerlichen. Die Teams werden ständig neu zusammengewürfelt, da müssen alle gleich arbeiten. Man weiß, wer verkauft, wer für den Kunden „denkt“ (ihn berät), wer die Präsentationsfolien „zum Behübschen nach Indien schickt“ und wer die Rechnung legt. Man arbeitet rollenzentriert. Um die Infrastruktur kümmern sich andere. Der Preis ist die eingeschränkte persönliche Entscheidungsfreiheit.

Der Freelancer hat weder Vorgaben noch Infrastruktur. Selbst wenn er Musterfolien von seinem alten Arbeitgeber mitgenommen hat (was üblich ist), sind die nach zwei Jahren überholt. Er muss sich um Website, Computer und Telefonie kümmern, seine Leistungen verkaufen, durchführen, verrechnen und versteuern. Man sollte meinen, so bliebe ihm weniger Zeit für seine Kunden. Stimmt nicht, sagt Deutsch: Er spare sich unzählige Stunden interne Meetings.

Allerdings schickt ihn auch niemand routinemäßig auf Weiterbildung oder legt ihm schlaue White Papers auf den Tisch. Um seine Fortbildung muss sich der Freelancer selbst kümmern. Was auch nötig ist, weil jeder, absolut jeder Zweig des Consultings von der Digitalisierung betroffen ist, sagt Deutsch. Strategieberater bekommen Konkurrenz von Datenanalysten, IT-Berater von Scrum-Managern, Marketingberater von Social-Media-Experten. Deutschs Rat an alle: „Lernt ein bisserl programmieren. Damit ihr mitreden könnt.“

Wie man leben will

Deutschs Überzeugung: Ein angestellter Consulter muss bereit sein, sein Leben der Karriere zu opfern. Bis in die Nacht zu arbeiten, aus dem Koffer zu leben, Tag für Tag an seiner internen Positionierung zu feilen. Privates steht hinten an. Das hält man ein paar Jahre durch und springt dann ab – außer man hat es schon zum Partner gebracht.

Der typische Freelancer kann viel Leben neben seiner Arbeit haben. Deutsch kennt Teilzeitbauern und Start-up-Gründerinnen, die erfolgreich zwei Tage pro Woche beraten. Das macht ihren Horizont breiter, ihre Lösungen kreativer und ihr Netzwerk bunter. So viel Freiheit hat aber auch einen Preis: Wer gerade keinen Auftrag hat, den fängt niemand auf.

Wie man zusammenarbeiten will

Der fest Angestellte hat mit sehr vielen sehr gescheiten Menschen zu tun, sagt Deutsch. Man folgt dem Prinzip der Ähnlichkeit. Der Junior Consulter ist wie man selbst, nur jünger und billiger; der Senior Consulter tickt auch synchron und wird einem wohl ein positives Feedback geben. Rivalität und Konkurrenz existieren, aber sie zielen eher nach innen. Man fordert sich selbst alles ab, weil man weiterkommen will.

Der Freelancer arbeitet in heterogenen Teams: der Analytiker mit der Systemikerin, der Texter mit der Zahlenfrau. Man reibt sich und rauft sich zusammen. Man kann gar nicht anders: Der gemeinsame Erfolg hängt daran.

Zur Person

Nach Wanderjahren zwischen Wien und Kopenhagen blieb die IBWL-Absolventin Tina Deutsch (35) vier Jahre bei Deloitte, zuletzt als Senior-Managerin Human Capital. 2015 gründete sie mit Nikolaus Schmidt die Beraterplattform Klaiton. Dort schreiben Firmen Projekte aus und treten mit freien Beratern in Kontakt.


[NW0KR]

(Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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