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Bild: Pixabay 

Finanzdienstleister: Sie keilen wieder

02.10.2017 | 10:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Sie versprechen selige Selbstständigkeit. Zur Bewerbung soll man gleich den Bausparvertrag mitbringen.

Woher man seine Kontaktdaten habe?, fragt der Angerufene. Das könne er nicht sagen, antwortet der Anrufer, der sich als „stellvertretender Personalleiter“ vorgestellt hat. Der andere sei ihm empfohlen worden, er wisse nicht mehr von wem. Er habe ihm eine Stelle anzubieten. Als Teamleiter bei Vion, einem aufstrebenden Finanzdienstleister. Der Angerufene – verbrieft sind KFZ-Mechaniker, Installateure und Rettungsfahrer auf Jobsuche – ist verblüfft. Als Teamleiter hat er sich doch gar nicht beworben?

Zeit zum Nachdenken bekommt er keine. Er möge morgen um 9.00 Uhr zum Vorstellungsgespräch kommen, bestimmt der stellvertretende Personalleiter. Und neben seinen Personaldokumenten auch gleich Bausparvertrag und Sparbücher mitbringen. Für ein lukratives Finanzinvestment, langfristig sechs Prozent. Deutlich besser als jeder Bausparer, nicht wahr?

Sie keilen wieder. Als hätte die Finanzkrise nie stattgefunden, schießen neue „Finanzdienstleister“ aus dem Boden. Sie heißen Vion, Questra, Agam oder Q Vtec. Sie adressieren nicht die reifen, geläuterten Zielgruppen, die (vielleicht) aus der Krise des vergangenen Jahrzehnts gelernt haben. Sondern junge, Mittzwanziger vielleicht, aus Berufen mit geringer Finanztangente. Und sie fahren eine Doppelstrategie: Sie ködern mit unrealistisch hohen Zinsen – und mit einem Führungsjob.

Zu schön, um wahr zu sein

Vion rekrutiert telefonisch. Questra, Agam und Q Vtec jagen zielgruppenaffin im Netz (wo sich Warnungen der Finanzmarktaufsicht und beunruhigter Anleger finden, deren Auszahlungen plötzlich stoppten).
Das Schneeballprinzip dahinter ist dasselbe. Bei Vion soll der frisch Rekrutierte, im Handumdrehen zum Teamleiter ernannt, Familie und Freunden das Ersparte abluchsen und bei der hauseigenen „Partner Bank“ in Fonds und Edelmetallen anlegen. Sein Verdienst sind die „wie von selbst sprudelnden“ Provisionen. Team wartet keines auf ihn, das muss er selbst aufbauen. Gleichzeitig darf er das System mit seinen eigenen Ersparnissen füttern.
Das funktioniert, solange sich immer neue Anleger finden. Bleiben die aber aus oder übersteigen die Provisionen die Neueinlagen, bricht alles in sich zusammen.

Wie sie arbeiten

„Stell' dir vor, du gewinnst ein tolles Haus, riesig, mit Pool und Garten. Es gehört dir. Unter zwei Bedingungen: Erstens, du schmeißt eine Einweihungsparty. Die Kosten übernehmen wir. Zweitens, du bringst 250 Gäste auf diese Party. Dann gehört das Haus dir. Schaffst du das?“
Die Menge jubelt. Genau das erlebt unser staunender Neo-Teamleiter bei seiner ersten Einpeitschveranstaltung. Dass mit 250 Gästen 250 zahlende Kunden gemeint sind, fällt ihm nicht auf. „Was willst du denn vom Leben?“, fragt der Wortführer und zeichnet Bilder von Häusern und Autos (auf letztere reagiert die Zielgruppe besonders gut). Deshalb steht vor der Tür ein dicker Audi mit Silberglanz-Lackierung, damit ihn auch jeder sieht. Man trägt edles Tuch und teure Uhren, erwähnt beiläufig Promis, die man kennt, und Orte, die man besucht hat („Das Marina Bay Sands in Singapur...“).

Man macht auf Kumpel, duzt sich und bejubelt jene, die schon „Punkte“ bringen. Ist es nicht toll, endlich die Anerkennung zu bekommen, die man sich immer gewünscht hat?
Sie holen aber auch Arglose aus festen Anstellungen, indem sie wortgewaltig über böse Chefs und freudlose 9-to-5-Tage schimpfen. Um wie viel besser schmecken da Selbstständigkeit und Freiheit! Die Neulinge nicken zustimmend. Von Klinkenputzen, unternehmerischem Risiko und und sozialer Unsicherheit ist keine Rede.

Die Finanzmarktaufsicht warnt

Die FMA warnt vor solchen tendenziösen Darstellungen – nebst den illusorischen Ertragsversprechen. Genretypisch sind auch Schmeicheleien („Du wurdest ausgewählt“) und forcierter Zeitdruck („Du musst dich sofort entscheiden“). Ebenfalls suspekt: Geschäftsadressen in Steuerparadiesen und fantasievolle Firmenkonstruktionen. So steht die Vion GmbH im Besitz der General Construction (Europe) AG mit Sitz in Vaduz. Diese hat als Gesellschafter u.a. selbst wieder die Vion GmbH. Mit anderen Worten: Man gehört sich gegenseitig. Haftungsfragen sind damit unlösbar.

(Print-Ausgabe, 30.09.2017)

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