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Bild: Marin Goleminov 

Heute bleibe ich zu Hause

02.09.2017 | 07:00 |  Cornelia Holzbauer (Die Presse)

Flexibilität. Moderne Technologien ermöglichen das Arbeiten unabhängig von Ort und Zeit. Um Home Office effektiv praktizieren zu können, braucht es Vertrauen und festgesteckte Grenzen.

Arbeiten könne heute unabhängig von Zeit und Ort stattfinden, sagt Andreas Gnesda, Experte für Bürokonzepte. Flexible Arbeitszeitmodelle und -orte sind ein Thema, das viele Unternehmen beschäftigt. In den Niederlanden wurde vor zwei Jahren sogar ein Gesetz verabschiedet, das Mitarbeitern das Recht auf Home Office einräumt. Wie sinnvoll ist das Arbeiten von zu Hause aus, und wie erfolgreich wird es in Österreich umgesetzt?

Hierzulande bieten 20 Prozent der Unternehmen Home Office an, dort macht etwa die Hälfte der Mitarbeiter davon tatsächlich Gebrauch. Anita Widmann, Personalleitern bei Philips Austria, ist fest davon überzeugt, Mitarbeiter entscheiden zu lassen, wann und wie sie am besten arbeiten können. „Es geht um flexible Zeitgestaltung, die Privatem und besonders der Familie zugute kommt“, sagt Widmann. Mit der Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, könne auch Unvorhergesehenes besser bewältigt werden, findet die Personalerin. Andreas Gnesda sieht einen weiteren Vorteil von Home Office: Es sei mitunter ein viel anregenderes Arbeitsumfeld, in dem man sich besser konzentrieren könne als im Großraumbüro.

Allerdings kann ein Faktor verloren gehen: der soziale, sagt Christian Korunka, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Wien. „Es ist ein psychologisches Grundbedürfnis des Menschen, soziale Kontakte zu pflegen.“ Das könne erschwert werden, wenn Mitarbeiter regelmäßig zu Hause bleiben, anstatt im Büro präsent zu sein. Ein weiteres Problem aus arbeitspsychologischer Sicht: Privates und Berufliches verschwimmen leichter, da das Wohnzimmer zum Büro wird und das Smartphone permanent geschäftliche E-Mails empfängt. Dafür solle es klare Grenzen geben. „Die E-Mail-Erreichbarkeit einschränken, daheim einen definierten Arbeitsplatz einrichten und klare Zeiten festlegen“, rät Korunka.

Als Teil des Lernprozesses gab es deshalb bei Philips vorübergehend ein E-Mail-System, das freitagnachmittags alle Mitarbeiter „ins Wochenende schickte“. „Unsere Führungskräfte mussten den Mitarbeitern die Einstellung, dass sie getrost ins Wochenende starten dürfen, einige Zeit vorleben“, sagt Widmann. Auch Andreas Gnesda ruft dazu auf, sich ganz bewusst freizunehmen. „Sonst ist alles, was ich nicht als Freizeit definiere, Arbeit.“

Das Ergebnis der Arbeit zählt

In einem sind sich die Experten einig: Für Home Office ist Vertrauen notwendig. Früher wurde Arbeitsleistung über die investierte Zeit definiert. Heutzutage zählt das Ergebnis. „Bei Philips weiß jeder Mitarbeiter genau, wofür er da ist, und die Arbeit wird inhaltlich beurteilt“, sagt Widmann. Das entgegengebrachte Vertrauen hat auch einen wirtschaftlichen Vorteil. „Glückliche Mitarbeiter bringen gern Leistung“, betont sie.

Andreas Gnesda findet, dass jeder Mensch selbst am besten wisse, wie er am besten arbeiten könne. „Die Aufgabe einer Firma ist es, jedem Mitarbeiter das Arbeitsumfeld zu bieten, in dem er optimal performen kann“, sagt der Bürogestalter, der sich zur besseren Konzentration auch gern einmal ins Kaffeehaus setzt.

(Print-Ausgabe, 2.9.2017)

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