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Was führt man eigentlich?

21.08.2017 | 12:15 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 65. InForMent. Komplexität und Führung: Wie man den besten Führungsansatz findet.

Unternehmen und Institutionen sind hochkomplexe Systeme. Kann man sie überhaupt führen? Und wenn ja, wie? Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne MANAGEMENT IM KOPF dazu Anregungen auf der Basis ihrer langjährigen Erfahrung mit der praktischen Anwendung verlässlicher Erkenntnisse der Systemwissenschaften.

Es gibt für das Führen und Managen die verschiedensten Ansätze. Braucht man sie alle? Genügt einer davon, Hauptsache, es ist der richtige? Am besten nähert man sich dieser Frage mit einer weiteren: Was/ wen führt man eigentlich?

Unbedingt die Worte richtig stellen

Jeder hat von Konfuzius gehört, dem Philosophen, der ungefähr 55o bis 480 v. Chr. in China wirkte. Sokrates kam erst auf die Welt, als er schon ein älterer Herr war, Aristoteles war noch gar nicht geboren. „Angenommen, der Herrscher unseres Staates würde Euch die Regierung anvertrauen, was würdet Ihr als Erstes tun?“, wollte einer seiner Schüler wissen, man nannte ihn Zi-Lu. "Unbedingt die Worte richtigstellen", antwortete Konfuzius. "Damit würdet Ihr beginnen?! Das ist doch abwegig! Warum eine solche Richtigstellung der Worte?" Zi-Lu wollte immerhin noch wissen, weshalb Konfuzius ausgerechnet beim Sprachgebrauch begonnen hätte. Heute gäben sich viele mit einem "dislike" zufrieden. Führungs- bzw. Managementfragen werden oft wie Waren in Mode-Boutiquen behandelt und gehandelt: gefällt mir oder gefällt mir nicht. Löst das und vermeidet man so Probleme?

Ordnung

Konfuzius ließ sich von seinem Schüler nicht beeindrucken: "Wie ungebildet du doch bist, Zi-Lu! Der Edle ist vorsichtig und zurückhaltend, wenn es um Dinge geht, die er nicht kennt. Stimmen die Worte und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten in Frage gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um."

Siegen

Ein anderes Mal wollte Zi-Lu von Konfuzius wissen: "Meister, hättet Ihr ein großes Heer zu führen, wen würdet Ihr dann neben Euch haben wollen?" Und Konfuzius lehrte: "Wer sich mit bloßen Händen auf einen Tiger wirft, ohne Boot den Fluss überquert und sich ohne weiteres in den Tod stürzt, den würde ich nicht nehmen. Es müsste einer sein, der mit Vorsicht an die Dinge herangeht, der alles sorgsam bedenkt und schließlich auch zustande bringt, was er vorhat." Schon Konfuzius ging es nicht so sehr um die Frage, wie man führt bzw. managt, als um die Frage, wie man mit komplexen Problemen, Aufgaben und Systemen am erfolgreichsten umgeht.

Subjekte und Objekte

Was führt man eigentlich? Im tradierten Denken ist man es gewohnt, sich an Subjekten und Objekten zu orientieren. Subjekte – hier laut Duden als Wesen zu verstehen, die mit Bewusstsein ausgestattet sind, also denken, erkennen und handeln – sind in unserem Fall Menschen, die führen. Objekte – laut Duden hier als Gegenstände zu verstehen, auf die das Interesse, Denken und/bzw. Handeln gerichtet ist – sind dann das, was geführt wird: Menschen, Teams, Abteilungen, Geschäftsbereiche, Unternehmen, Gemeinden, Bezirke, Länder, Staaten, Unionen, usw. In den meisten Führungsfunktionen führt man vieles, in anderen alles davon. Aber die Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Objekte geführt werden, halten sich immerhin in Grenzen.

Verb

Was bedeutet es nun, zu führen? Damit sind wir beim Verb. Laut Duden wäre das eine Tätigkeit, ein Geschehen bzw. ein Vorgang – in unserem Fall des Führens. Ab hier scheiden sich die Geister. Was führen bedeutet und wie man führt, darüber herrschen unendlich viele Meinungen. Mit anderen Verben ist das nicht so. Beim Verb „malen“ wird man sich zumindest bald darin einig sein, dass hier etwas durch Farbe gestaltet wird. Beim Verb „fahren“ wird man sich auf eine Fortbewegung mit Bodenhaftung durch Hilfsmittel wie Räder oder Kufen einigen können, beim Verb „denken“ ohne große Diskussionen auf geistige Arbeit. Weshalb führt die Frage des Führens zu so vielen unterschiedlichen Meinungen? Ich vermute, wegen des Führens selbst. Hier herrscht Führungsanspruch. Hier sollen Meinungen durchgesetzt werden. Aber ist das führen?

Was führt man eigentlich?

Betrachtet man Objekte ein bisschen genauer, so stellt sich heraus, dass die Objekte, die nach Führung verlangen, aus vielen verschiedenen Systemen bestehen. Das Skelett eines Menschen unterscheidet sich zum Beispiel extrem von seinem Gehirn, das Fahrwerk eines PKWs extrem von seinem Motor. Teams ergeben sich erst aus Menschen mit unterschiedlichen Charakteren, Abteilungen und größere Einheiten aus den verschiedensten Menschen, Werkzeugen, Maschinen, Produktions- und Verwaltungssystemen, usw. Führt man also ein Objekt, führt man unterschiedliche Systeme. Verlangt das nun unterschiedliche Arten von Führung?

Professionelle Vereinfachung

Es macht einen großen Unterschied, ob man von Objekten oder Systemen ausgeht. Es gibt zum Beispiel keine zwei identen Menschen, Teams, Abteilungen, usw. Nicht einmal zwei Dienstfahrzeuge desselben Modells sind im gleichen Zustand. Durch die objektorientierte Betrachtung erscheinen Führungs- und/oder Managementaufgaben unfassbar komplex, weil es so viele verschiedene Objekte gibt. Geht man hingegen von Systemen aus, und das mithilfe relevanter Systemwissenschaften, steht man nur noch vor wenigen unterschiedlichen Systemarten. Die Dinge werden hier völlig anders unterschieden. Die Betrachtung richtet sich nur daran aus, wodurch und unter welchen Umständen alle Systeme und bestimmte Arten besser oder schlechter funktionieren.

Die Umstände

Das Anwenden der Systemwissenschaften bringt die Strategiekunst von Clausewitz mit dem chinesischen Denken unter einen Hut. Man konzentriert sich nicht nur auf die Zwecke, Ziele und Mittel, sondern vor allem auch auf die Umstände. Man arbeitet mit den Wirkkräften der Systeme, anstatt gegen sie. Einer meiner Schüler, der in China lebt und arbeitet, hat kürzlich einen wunderbaren Vortrag von François Jullien in einem Satz auf den Punkt gebracht. Er behandelt die Unterschiede zwischen der Wirksamkeit und Effizienz im chinesischen und westlichen Denken: Im Westen macht man zuerst einen Plan, der danach umgesetzt werden soll. Das klappt meistens nicht, verantwortlich macht man dafür die Umstände. In China geht man gleich von den Umständen aus und nutzt sie für seine Vorhaben. Beim Anwenden der Systemwissenschaften orientiert man sich am Systemzustand (Umstände) und leitet davon das erwünschte und unerwünschte Mögliche und Machbare ab.

Einmal kapiert, immer gerüstet

Mithilfe verlässlicher Systemlehren (ich würde nicht auf alle wetten), wuchtet man also jenen Anteil an Komplexität mit einem Schups über Bord, der nur kontraproduktiven Ballast darstellt. Dieses Wissen kann man – und zwar völlig egal, mit welchen Objekten man es gerade zu tun hat – immer und überall auf die passenden Systemarten und -zustände anwenden. Das lernt man nur einmal für immer, alle und alles. Dieses Wissen ist zeitlos und universell gültig. Weil es viel weniger Systemarten gibt als Objekte und die hilfreichen Hinweise für die möglichen Umstände immer gleich mitgeliefert werden, ist das ziemlich einfach und praktisch – sofern man es verstanden hat.

Systemarten

Manche Systemlehren gelten für alle Arten von Systemen, andere nur für bestimmte Systemarten. Alle, die sich in der Praxis seit jeher als hilfreich erweisen, geben wertvolle Hinweise für die unterschiedlichen Systemzustände, gemeinhin als Umstände bekannt. Die Ordnung der Systemwissenschaften ergibt sich aus den Funktions- und Wirkweisen, die alle oder bestimmte Systemarten gemeinsam haben. Man ordnet die Theorien anhand präzise definierter gemeinsamer Charakteristika von Systemen. Zum Beispiel für einfache Systeme – steuer- und regulierbar, komplexe Systeme – eigendynamisch, offene und geschlossene Systeme – abhängig davon, was ausgetauscht werden kann, für lebende/biologische Systeme – Menschen, Tiere, Pflanzen, …, soziale – Paare, Gruppen, Organisationen, …, technische – Werkzeuge, Maschinen, Anlagen, IT, Roboter, …, oder soziotechnische Systeme – Organisationen, in denen Menschen verknüpft mit technischen Systemen in organisierter Weise etwas produzieren oder wiederherstellen, z.B. Unternehmen.

Das Gemeinsame von Menschen und Maschinen

Zieht man nun die Allgemeine Kybernetik der Macy-Konferenzen und die Allgemeine Systemtheorie von Ludwig von Bertalanffy heran, erfährt man, was bei allen Arten von Systemen gleichermaßen funktioniert. Damit gewinnt man bereits die wichtigste Orientierung über das, was für das Führen und Managen in Unternehmen und Institutionen schon immer relevant war und im Zuge der totalen Digitalisierung von besonderem Interesse sein muss. Nämlich, was Menschen und Maschinen gemeinsam haben. Menschen und Maschinen haben in der Frage, unter welchen Umständen sie effektiv sein können und unter welchen nicht, das Entscheidende gemeinsam. Die für das Führen, Organisieren und Managen fundamentalen Phänomene Information, Kommunikation, Steuerung und Regulierung funktionieren vom Prinzip her gleich.

Das wusste schon Konfuzius

Auch Konfuzius ging die Fragen der Führung/des Managements über die Fragen der Information, Kommunikation, Steuerung und Regulierung an. Deshalb sah er in der Sprache das erste und wichtigste Mittel. Sie ist letztlich das einzige Führungsinstrument, das wir haben. Was führt man eigentlich, wenn man führt? In allererster Linie die eigene Sprache. Der Rest aller Führungsarbeit sind deren Ergebnisse. Sie prägen dann die Umstände. Ob man sie für das Misslingen verantwortlich macht oder ob man sie intelligent nutzt, liegt in der eigenen „Führungskraft“. Mehr dazu nächste Woche.

Schreiben Sie Ihre Frage zum Umgang mit Komplexität in Führungs- und Managementaufgaben an Maria Pruckner. Sie wird darauf eingehen.

 

Maria Pruckner. Die selbstständige Beraterin, Trainerin und Autorin ist seit 1992 auf den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik in Unternehmen und Institutionen spezialisiert. Seither entwickelt sie für diesen Zweck verlässliche kybernetische System-Modelle, die sie mit einem systematischen Anwendertraining verbindet. Damit gehört sie auf ihrem Gebiet weltweit zu den am längsten dienenden Pionieren und Problemlösern in der Praxis. Die langjährige Schülerin von Heinz von Foerster arbeitet seit damals stark vernetzt und konsequent mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Ihr Unternehmenssitz ist in Wien.

Mehr unter www.mariapruckner.com

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