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Die ab 2000 Geborenen wissen, dass sie so selten wie Goldnuggets sind. / Bild: Marin Goleminov 

Ausbildung, als wär's noch gestern

19.08.2017 | 07:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Zeitsprung. Jetzt haben wir endlich die Millennials verstanden, da werden sie auch schon von der Generation Z abgelöst. Und die tickt wieder anders. Ausgebildet wird sie wie eh und je: analog.

Der Handel tut sich schwer, Lehrlinge zu finden. Damit ist er nicht allein. Die meisten Branchen haben sich gerade auf die Millennials eingestellt, da tritt auch schon die nächste Generation, die „Gen Z“, auf den Plan. Und die tickt wieder anders.

Der „Retailreport“ des Zukunftsinstituts fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen:

► Digital ist real. Die Millennials (1980–1999 geboren) fühlen sich in der digitalen Welt zu Hause. Die Gen Z (ab 2000 geboren) trennt nicht mehr zwischen digital und real. Digital ist für sie real.

► Umsturz statt anpassen. Die Millennials hadern mit der Unsicherheit ihrer Zeit, die Gen Z nimmt sie nicht mehr hin. Sie will nicht weniger, als die Gesellschaft umzubrechen.

► Werte statt Sinn. Sucht die Generation vor ihnen nach dem Sinn, baut die Gen Z schon auf ihrem eigenen Wertegerüst auf. An dem kommt kein Arbeitgeber vorbei.

► Steil nach oben. Millennials verlangen flache Hierarchien und direkte Ansprache. Die Gen Z will mehr: Anerkennung nämlich und Karriere. Längst weiß sie, dass sich die Arbeitgeber ihrer geringen Zahl wegen um sie reißen. Und ja, das Selbstbewusstsein der Gen Z ist sehr, sehr ausgeprägt.

Was das alles konkret heißt? Etwa, dass angstfreie unter 20-Jährige unbefristete Verträge und feste Arbeitszeiten verlangen, deren Ausgestaltung sie bitte schön selbst bestimmen wollen. Erreichbar sein nach Dienstschluss? Wochenendschichten? Um das zu erreichen, müssen sich Vorgesetzte laut Zukunftsinstitut gehörig anstrengen. Ihre Freizeit ist der Gen Z heilig.

Warum der Nachwuchs bockt

Im Handel ist diese Kluft zwischen jugendlicher Erwartung und tradierter Realität besonders groß. Im Retailreport monieren künftige Einzelhandelskaufleute die Behandlung durch ihre Ausbilder, fühlen sich über- oder unterfordert, haben Probleme, sich in der Freizeit zu erholen und bezweifeln, nach Ausbildungsabschluss im Betrieb zu bleiben.
Keine rosigen Aussichten also für die Lehrbetriebe. Erschwerend kommt dazu, dass sie ausbilden wie eh und je: analog. Verkäufer aber, wie wir sie heute kennen, sind Auslaufmodelle, die der Automatisierung zum Opfer fallen werden. Seinen Job behalten wird nur, wer Digitalkompetenz mitbringt, Basiswissen im Umgang mit Kundendaten, Data-Mining und -Analyse. Bloß: Wer schult das heute schon?

Exit Onlinehandel

Am meisten interessieren die Jugendlichen Jobprofile aus dem E-Commerce, weil sie zu ihrer eigenen Lebenswelt passen. Dafür aber brauchen sie Programmierkenntnisse, die wieder in der Handelsausbildung nicht geschult werden. Die Jobs weiter oben in der Hierarchie (E-Commerce-Manager, CRM-Manager oder gar Chief Digital Officer) sind daher Quereinsteigern vorbehalten.
Fazit: Klassische Handelsberufe gehen, neue digitale kommen. Es wird Zeit, diese auszubilden.

(Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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