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„War auch dort und kenne mich aus.“ Je mehr man auf der Wissenslandkarte gesehen hat, desto besser, heißt es heute wieder.
„War auch dort und kenne mich aus.“ Je mehr man auf der Wissenslandkarte gesehen hat, desto besser, heißt es heute wieder. / Bild: [ Goleminov ] 

Die Rückkehr der Allrounder

30.07.2017 | 08:00 |  Von Andrea Lehky (Die Presse)

Breites Allgemeinwissen hatte auf dem Arbeitsmarkt lang wenig Wert. Gefragt war enges Spezialistentum. Jetzt dreht sich das wieder. Und stellt Personalisten vor Herausforderungen.

Kann kopfrechnen. Hat Goethes „Faust“ gelesen. Beherrscht genug Latein, um in Italien durchzukommen. So in etwa präsentierte sich ein durchschnittlicher Maturant, den Günter Wenzina, ÖBB-Personalleiter Infrastruktur, vor 15 Jahren rekrutiert hätte. Und ja, Grundbegriffe politischer Bildung hätte er auch mitgebracht. Und im Religionsunterricht „ein paar ethische Geschichten“ diskutiert und dabei gelernt, die richtigen Fragen zu stellen.

Dann kam der Trend zur Spezialisierung: „Kind, lern einen Beruf“, empfahlen weitblickende Eltern ihrem Sprössling. Humanistisches Wissen bringt dir keinen Job.

Und so strebte jeder 14-Jährige, der schon eine vage Idee für seinen künftigen Beruf hatte, in eine berufsbildende Schule. Fünf Jahre später verließ er sie mit einer Matura, die auf ein Allgemeinwissensgerippe reduziert war, dafür mit einem fertig erlernten Beruf.

Maturantische Wissenslücken

Inzwischen zeigen sich schmerzlich die Lücken. „Fragen Sie einmal einen Maturanten nach zwei Kärntner Seen“, seufzt Wenzina, selbst ein Babyboomer. Der Maturant würde auf seinem Tablet die Antwort zwar schneller finden, als sie ein Wissender aus seinem Kopf abrufen könne – aber er könne mit der Information nichts anfangen.

Für Wenzina ist das mit ein Grund, warum sich die Generationen miteinander schwertäten: weil sie in ihren Köpfen verschiedene Vorstellungen von der Welt haben.

Jetzt schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus. Auf einmal ist Breitenwissen wieder gefragt. Weil Fachwissen blitzartig veraltet sein kann, sinniert Wenzina. Weil ohnehin niemand mehr in seinem erlernten Beruf in Pension geht. Weil nur Generalisten Wechselwirkungen erkennen und einordnen können. Und weil man nur sie in Querschnittsfunktionen einsetzen kann.

Breit aufstellen – und digital

Eine große Ausnahme gibt es: Digitalkompetenz werden künftig alle brauchen. Ohne zumindest die Basics wird weder Generalist noch Spezialist beruflich überleben.

Gunter Reimoser, neuer Country Managing Partner von EY, ergänzt um ein Argument aus seiner Berufswelt, jener der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Transaktions- und Managementberater. Jede dieser Materien sei hochkomplex und brauche Expertenwissen, sagt er. Aber ein reiner Fachexperte sei nicht mehr in der Lage, die vernetzten Kontexte seiner Kunden zu verstehen. Reimosers Strategie: Generalisten engagieren, sie on the job auf ihren Bereich spezialisieren, dabei aber „neugierig halten“ auf die anderen Bereiche.

Leicht wäre das nicht, meint er, er kämpfe gegen die knappen zeitlichen Ressourcen seiner Teams. Darum sehe er es „als eines der wichtigsten Vorhaben meiner Amtszeit“ an, ihre Wissensbasis um die Nachbarfelder zu erweitern.

Prinzip Selbstverantwortung

Schon einen Schritt weiter ist Sabine Bothe, HR-Leiterin von A1. Vor einem halben Jahr führte sie eine E-Learning-Plattform mit mehr als 2000 Lerninhalten ein. „Wir haben die Leute gar nicht mehr gefragt, was sie brauchen“, sagt sie, „sondern ihnen einfach diese riesige Menge an Wissen zur Verfügung gestellt. Und jetzt schauen wir, was sie herausziehen.“

Im Moment ließen sich erst grobe Trends erkennen: Informations- und Kommunikationstechnikwissen (IKT), Methodenwissen und Führungstheorie: „Das holen sich vor allem diejenigen, die noch keine Führungsaufgabe haben.“

Eine Hürde musste Bothe erst überwinden: die Konsumhaltung der Mitarbeiter. „Früher hieß es, wir treffen uns in zwei Stunden, und ihr bekommt eine Präsentation. Jetzt muss jeder selbst initiativ werden und sich Zeit freischaufeln.“ Zwar gebe es Jahresgespräche, in denen Weiterbildungsthemen identifiziert und terminisiert werden. In Summe aber verantworte jeder Mitarbeiter seine Employability selbst: „Die Botschaft heißt: ,Egal, wann und wo du was lernst: Finde deinen Weg selbst.‘“

(Print-Ausgabe, 29.07.2017)

8 Kommentare
Khamsin
01.08.2017 17:19
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Der Wikipedia-Robot wird es richten!

Schön, wenn das wirklich so wäre! Mir fehlt der Glaube daran. Wirkungsvolle Generalisten zeichnen sich auch durch eigene Meinung, Kritikfähigkeit und Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen aus. Jetzt frage ich mich, in welchem großen Unternehmen heute überhaupt die organisatorischen Strukturen dafür vorgesehen sind oder die gelebte Firmenkultur danach ausgerichtet wird – das Gegenteil ist meist die Realität.
Und so ist auch dieser Artikel zwar gut gemeint, aber die dahinterliegende Information der Berater nur Tarnen und Täuschen wie so oft, damit niemand von den Verantwortlichen zugeben muss, dass er eine falsche Entwicklung herbeigeführt hat. Jetzt sagen wir schnell wie wichtig das eigentlich ist. Somit ist das geschriebene Feigenblatt für den „code-of-conduct“ vorhanden.
Aber die Unternehmensberater haben Arbeit und können um teures Geld erklären, dass wir dringend Generalisten brauchen. Nur kriegt man die nicht so schnell im „Generalistenshop.at“. Aber bis die Unternehmen draufkommen, dass das neben einem konsequenten Bekenntnis auch viel eigene Zeit, Geduld und Geld in Anspruch nimmt, damit so ein Generalist „entsteht“ – in unserem Geschäft würde ich das auf mindestens 15 Jahre ansetzen – dann wird ihnen ob des Mühsals bald wieder der Spass vergehen an dieser tollen Trendwende und wir warten doch lieber alle auf den „Wikipedia-Robot“, den „i-Genius" oder den "Tesla-Man" aus dem Silicon Valley, der das in 15 Jahren ohnehin für uns machen wird. Den gibt´s dann bei Amazon
Lehky
01.08.2017 14:19
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Leserbrief, einfach zum Nachdenken, Teil 1

Sg. Fr. Mag Lehky, mit großer Freude und Anerkennung habe ich Ihren Artikel gelesen. Ich bin ein Vertreter der Generation 50 + und komme aus der Anlagenplanungs- und Beratungsbranche. Ich bin 71 Jahre alt und habe vor 6 Jahren mein Planungsunternehmen an meinen Sohn weitergegeben. Wir sind der größte deutschsprachige Planer für Zellstoff- und Papierfabriken in Mitteleuropa. (www.tbp-group.com)

Seit vielen Jahren versuche ich, dieses Thema zu aktualisieren, aber die Aufmerksamkeit der Unternehmen ist leider nach wie vor ausschließlich auf die Gruppe der Unternehmensberater gerichtet, nur die scheinen die autorisierten Fachleute für zukünftige Unternehmensausblicke zu sein. Jedoch sind gerade diese , wahrscheinlich aus reinem Eigeninteresse diejenigen, die die Generallisten aussterben haben lassen.

Mit dem Unbegriff „Kernkompetenz“, ein Schlagwort der Berater ,wurden die „Generallisten“ in den Unternehmen beseitigt. „Umfassend Wissende“ waren als Hemmnisse in der Entwicklung der Unternehmen aus den aktuellen Planpostenbeschreibungen verbannt worden. Für mich verständlich, zumal die großen Unternehmensberatungsunternehmen schwerpunktmäßig aus dem Bereich Betriebswirtschaft stammen und die Komponente Produktion/Technik zur Kernkompetenz degradiert haben. Dazu kommt, dass diese Fachgruppe wie in vielen Ansätzen es geflissentlich unterlassen hat den Begriff „Kernkompetenz“ auch exakt zu definieren.
Lehky
01.08.2017 14:18
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Leserbrief, einfach zum Nachdenken, Teil 2

Was jedoch in dem Zusammenhang „Konzentration auf Kernkompetenz“ völlig außer acht gelassen wurde ist der nächste Sprung der Entwicklung auf „Industrie 4.0.“ Dieser Entwicklungsschritt setzt voraus, dass die Basis der intelligenten Software für ein eventuell selbstlernendes System nur auf das erfahrungsbasierte Wissen des Prozesses aufgebaut werden kann. Genau dieses Wissen besitzen jedoch nur die Generalisten.

Vorzeitig verlorengegangene Generalisten aus der Industrie sind jedoch verlorenes Erfahrungswissen, welches sehr schwer wieder zurück geholt werden kann, weil die Betroffenen weitgehend gegen ihren Willen aus den Unternehmen ausgeschieden wurden und kaum mehr bereit sind ihr Wissen noch einmal einzubringen.
Lehky
01.08.2017 14:17
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Leserbrief, einfach zum Nachdenken, Teil 3

(Fortsetzung)

Das Wiederaufleben der Planpostenbeschreibung eines Generalisten ist demzufolge ein ziemlich schwieriger Ansatz, weil für die Ausbildung eines Generalisten erfahrene Generalisten notwendig wären, diese aber kaum mehr im aktiven Arbeitsmarkt vorhanden sind. Unternehmensberatungsfirmen über diese Qualifikationen nicht verfügen.

Hier ist von Seiten der Unternehmensberater ein schwerer Fehler begangen worden, weil keine vorausschauende Beratung stattgefunden hat. Die Entwicklung der Technik hat diese Berater überholt und zeigt, dass diese Art der Beratung der Geschwindigkeit der Entwicklung keineswegs folgen kann und ein dringendes Umdenken erforderlich wäre. Das heißt nicht Steuer, Recht und Betriebswirtschaft ist die Basis eines zukunftsträchtigen Unternehmensberaters, sondern es ist auch das Prozess- und Technik wissen von eminenter Bedeutung.

Es würde mich freuen, wenn Sie sich diesem Thema weiter in vertiefter Form widmen würden, denn ich denke das für ein Umdenken der Berater und der Industrie kaum eine Zeit bleibt, wenn Europa seine Vormachtstellung in industrieller Entwicklung erhalten möchte.
Schöne Grüße Ferdinand ‚Wimmer
Trigenium
31.07.2017 22:34
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Das Gegenteil !

einen derartigen an der Realitaet vorbeigehenden Artikel habe ich selten gelesen. Das genaue Gegenteil ist leider wahr.

Ganz speziell in Oesterreich - und das im Gegensatz zu vielen anderen Laendern in denen ich gearbeitet habe - werden hier Jobs ausschliesslich an Personen vergeben die ein geradezu unheimlich identes geklontes Job- und Erfahrungs Profil mit der ausgeschriebenen Stelle aufweisen. Das ist geradezu pervers und ein vollkommener Schwach..sinn - da sich ja die Rahmenbedingungen, der Mitbewerb und die Maerkte insgesamt und damit die Anforderungen staendig aendern. Mehrjaehrige Auslandserfahrung, Erfahrungen in einer anderen Branche - oder gar in einer anderen Funktion - sind in Oesterrreich geradezu ein No Go !!

Kein Wunder, dass wir immer weniger internationale Konzerne mit HQ Funktionen hier haben, langfristiger Erfolg benoetigt eben kein Schubladen Denken. (Ja, Sie sind gemeint liebe Headhunter und Personalisten). Und ja, ohne HQ Funktionen bleiben halt nur die Fachfunktionen uebrig.. Um das zu erkennen wuerde man aber wiederum ein "breites, holistisches und fachuebergreifendes Wissen" benoetigen.

Aber evtl. ist ja die breit angekuendigte Jobinitiative fuer 50+ insb. als "Gruenraumbewirtschafter" (=Strassenkehrer) ein derartiges fachuebergreifendes Konzept. :-)))
RedDiabolo1
31.07.2017 12:31
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Wieso setzt man dann 50+ vor die Tür?

Der Artikel geht wieder mal an der Realität vorbei.
Kann schon sein, dass irgendeine Firma Öffentlichkeitswirksam nach Allroundern sucht.
In Wahrheit kündigen sie gerade die MA 50+, die im allgemeinen gerade Allrounder sind, und stellen nur Bewerber ein, die GENAU die Anforderungen erfüllen, die in der Jobbeschreibung stehen.
Nemasi
30.07.2017 16:46
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Personalisten und Allrounder

Gerade im HR-Bereich werden weder Allrounder noch Leute mit Allgemeinwissen gesucht. Jung, hübsch, billig und das machen, was die Geschäftsführung möchte. Vorwiegend werden junge Frau Magistra mit BWL-Studium aufgenommen, die nur mehr das Personal verwaltet, aber nicht leitet und nicht für Probleme der Mitarbeiter da ist, um diese zu lösen. Ein Bekannter hat nach einem Vorstellungsespräch als HR-Manager zu hören bekommen, dass er für den Job zu viel Wissen besitz und seine unmittelbaren Vorgesetzten ihm geistig unterlegen wären. Das Gehalt war kein Thema. Menschen in Österreich mit hoher sozialer Kompetenz und breitem Wissen haben es schwer einen Manager-Job zu erhalten. Von "normalen" Mitarbeitern verlangt man jetzt Allgemeinwissen? Woher sollen die jungen Menschen das erlangen, wenn unser Schulsystem schön langsam den Bach hinunter geht?
pmax
30.07.2017 10:39
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Was der Arbeitsmarkt will...?

Nach dem Artikel von Andrea Lehky und auch was mir beim schmökern diverser Stellenbeschreibungen auffällt, könnte man die Anforderungen etwas überspitzt auf folgendes Profil runter brechen:

Höchstalter 25 Jahre mit mindestens 10 Jahren Berufserfahrung, Bereitschaft auch mal mehrere Wochen irgendwo hin zu verreisen und 12 Stunden-Tage sind ohnehin Usus. Idealerweise Kenntnisse der wichtigsten Bereiche aus JUS, BWL und Maschinenbaustudium garniert mit Grundkenntnissen der Natur - und Geisteswissenschaften. Mind. zwei Programmiersprachen wären auch von Vorteil. Verdienen darf man dabei natürlich nichts wollen (35000 brutto all inkl. / Jahr werden wohl hoffentlich dafür reichen) und ganz wichtig - keine Ambitionen eine Familie zu gründen. Da könnte man ja zu sehr von der Arbeit abgelenkt sein.
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