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Bild: Pixabay 

Hinter mir die – Rückwirkung

24.07.2017 | 09:16 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 61. Komplexität meistern – Selbstführung. Um Komplexes zu meistern, muss das Phänomen der Zirkularität klar sein.

Wer Komplexes meistern will, muss bei der Selbstführung beginnen. Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne "Management im Kopf" dazu Anregungen auf der Basis verlässlicher Erkenntnisse aus den Systemwissenschaften.

Es gibt Gebäude, bei denen erkennt man vor lauter Türen den Zugang nicht – jene Türe von vielen, die nicht verschlossen ist. Wo einigermaßen schlau organisiert wird, finden sich dann Schilder oder Pfeile, mit denen auf den Eingang verwiesen wird. Auch für den Einstieg ins fundierte systemwissenschaftliche Denken gibt es eine Menge Türen. Auf viele von ihnen habe ich in den bisherigen Beiträgen hier verwiesen. Diese Türen stehen alle offen. Man muss sich bloß für eine von ihnen entscheiden. Der Rest ergibt sich von selbst. Denn – surprise, surprise – im systemwissenschaftlichen Denken steckt ein ausgeklügeltes System. Es sorgt dafür, dass quasi alle Wege nach Rom führen. In diesem Theoriegebäude gibt es aber auch ein weit offenes Haupttor: Das Phänomen der Zirkularität. Ein letzter Beitrag zur Selbstführung für alle, die noch immer „den richtigen Einstieg“ suchen.

Nur nicht zurückbleiben

Jeder kennt sie: Im Supermarkt können sie sich nicht für eine Schlange vor den Kassen entscheiden. Weil es ja doch in einer anderen schneller gehen könnte, als in jener, für die sie sich – deshalb dann doch nicht - entschieden haben. Das machen sie vor den Liften so, vor Drehkreuzen, in den Fahrspuren im Straßenverkehr und in Fragen ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Bildung. Um auf keinen Fall zurückzubleiben, sind sie immer irgendwo zwischen den Spuren unterwegs, ständig zum Spurwechsel bereit. So stören sie einmal links und einmal rechts den Fluss des Geschehens, wenn sie ihn nicht gar blockieren. Hauptsache, nicht zurückbleiben. Was ihnen aber gerade deshalb passiert. Besonders in Bildungsfragen.

Wenn du es eilig hast, geh langsam

Wo immer es professionell und erfolgreich zugeht, obwohl etwas komplex und oft auch kompliziert ist, geht man so langsam vor wie nötig, um so präzise zu arbeiten wie möglich. Zum Beispiel in Operationssälen oder in der Ausbildung für anspruchsvolle Berufe, denen das Beherrschen bestimmter komplexer Umstände zugrunde liegt. Das korrekte Mischen von Beton, Betonieren für bestimmte Zwecke nach bestimmten Sicherheits- und Qualitätsnormen oder das Schweißen von Metallstücken sind zwei von vielen Beispielen dafür, wie wissensabhängig Aufgaben sind, in denen Sicherheit eine Rolle spielt. Konfuzius schreibt man diese (nur anscheinend paradoxe) Weisheit zu: Wenn du es eilig hast, geh langsam.

Zirkularität

Nun zurück zum großen Haupttor ins fundierte Systemdenken, zum Basis-Phänomen Zirkularität. Das ist die kybernetische Gesetzmäßigkeit, dass jeder Wirkung eine Rückwirkung folgt. Jede Wirkung, die jemand oder etwas ausgelöst hat, wirkt auf den Auslöser bzw. das auslösende Element zurück. Dabei wirkt nicht jene Wirkung zurück, die man beabsichtigt, sondern jene, die man tatsächlich erzielt hat. Das ist nicht Esoterik. Das ist Kybernetik. Missgeschicke durch Unwissen, Ungeduld oder Hektik, die zu bewältigen dann mehr Zeit und Aufwand kosten, als ein konzentriertes, kompetentes und geduldiges Vorgehen, sind Beispiele dafür, die erklären, weshalb langsam genug vorzugehen, wenn Eile geboten ist, nicht paradox, sondern logisch ist.

Feuer auf dem Dach

Fundierte systemwissenschaftliche Hilfe wird oft erst dann geholt, wenn schon Feuer am Dach ist. Dann hat man hektische Köpfe vor sich, die keinem Konzept mehr folgen können, weil sie nur noch mit sich selbst beschäftigt sind. Betroffene Manager haben dann schon so viel Angst vorm endgültigen Scheitern, dass sie nicht mehr strukturiert, systematisch und konzentriert denken können. Ihre Angst verlangt dann nach der einen Tür und diesem einen Pfad, über dessen Weg alles ganz sicher und schnell wieder gut wird. Mit Garantieschein bitte und möglichst auch kostenlos. Das Feuer auf ihrem Dach ist nichts anderes als die Rückwirkung vollkommener Ahnungslosigkeit in Sachen Komplexität. Ihr Scheitern war und ist damit als Rückwirkung programmiert.

Verfallserscheinungen

Mein Auto, eines der ersten Hybridfahrzeuge, zeigte nach knapp 250.000 Kilometern erste deutlichere Verfallserscheinungen. Das ist die Rückwirkung seiner Leistung. Weil es eines meiner Studienobjekte ist, wird es mir noch länger dienen und deshalb noch mehr verfallen. Verfallserscheinungen als Rückwirkung gelten für alles. So auch für die hier schon oft angesprochene Gesundheit. Durch Dauerstress kehrt sie über die Hintertüre als arge Krankheit zurück. Dauerstress hat nur, wer dauernd mit irgendwem oder irgendwas überfordert ist. Es gäbe kaum Stress, würden alle Führungskräfte und Manager so viel Fundiertes über den grundsätzlichen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik lernen, wie Bauleute allein über Beton oder Schweißer über ihre Methode.

Führung? Oder Führungskraft?

Wie kommt es, dass es im Management auch im 21. Jahrhundert noch nicht so professionell zugeht wie in jedem anderen verantwortungsreichem Beruf? Vermutlich ist das die Rückwirkung eines historischen Irrtums. Außer Stafford Beer und Hans Ulrich hat noch niemand genau genug danach gefragt, was Führung eigentlich bedeutet und verlangt. Andernfalls gäbe es längst eine solide, standardisierte und verpflichtende Ausbildung für alle Manager. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich bis heute vor allem auf die Persönlichkeitsmerkmale der idealen Führungskraft, die sich wie Moden laufend ändern. Als Rückwirkung kommt es zu Stress. Den aber heutzutage offiziell niemand hat, weil die ideale Führungskraft aktuell „sicher nicht gestresst“ ist.

So was von unvorhersehbar…

Ja. Von Natur aus geht es in komplexen Systemen total unvorhersehbar zu. Wohlgemerkt: von Natur aus! Dann, wenn jeder seinen Impulsen freien Lauf lässt und das womöglich auch noch für Flexibilität, Agilität oder gar Kreativität hält. Dann, wenn heute diese Entscheidung fällt, morgen eine andere, übermorgen dann aber doch gar keine. Dann, wenn erbetene Terminvorschläge so lange nicht beantwortet werden, bis alle vorgeschlagenen Termine belegt sind, wenn man sich doch dazu bequemt. Oder der Anbieter kein Meeting mehr möchte, weil er keine Lust darauf hat, mit jemanden zu arbeiten, der nicht daran denkt, auf eine angebotene Terminauswahl so rasch zu reagieren, dass er den Organisationsfluss anderer Leute nicht blockiert. Und so weiter. Und so weiter.

Wie Komplexes problemlos wird

Die meisten komplexen Situationen zeigen sich nur dann als völlig unvorhersehbar, wenn man zu wenig über sie weiß und zu schlecht organisiert ist. Organisieren bedeutet, alle Elemente wie in einem gesunden Organismus zusammenzuführen. Der gemeinsame Ursprung der Worte Organisation, Organisieren und Organismus liegt im griechischen Wort órganon. Das bedeutet so viel wie Werkzeug. Organisieren und Organisation gehen auf das Bewerkstelligen von etwas zurück, durch Organe/Werkzeuge, die viele Teile zu einem lebensfähigen System machen. Management ist dazu da, das von Natur aus Unvorhersehbare und Undurchschaubare durch intelligente Organisation und organisatorische Disziplin weitmöglich vorhersehbar und verstehbar zu machen.

So was von undurchschaubar?

Das Phänomen der Zirkularität klug zu nutzen, beginnt damit, Angekündigtes auch zu liefern, getroffene Vereinbarungen auch einzuhalten, notwendige Veränderungen umgehend bekannt zu machen und einzuleiten. Schlichtweg, damit sich die Menschen, die von den eigenen Beiträgen abhängig sind, danach richten können. Daher kommt übrigens das Wort Nachricht – von Botschaften, nach denen man sich richten kann. Selbstverständlich geht es hier nicht um das sture Durchziehen starrer Pläne. Iteratives Vorgehen bedeutet keine unsystematischen, unkoordinierten Aktionen, sondern mit (!) den aktuellem Ereignissen und Zuständen im jeweiligen System zu arbeiten und die erforderlichen Nachrichten (!) dafür rechtzeitig abzusetzen.

Wie man sich für andere vorhersehbar macht

Man kann sich und anderen seine eigenen Reaktionen auf bestimmte Ereignisse im Voraus klarmachen und im eingetretenen Fall konsequent zeigen. So macht man sich für andere vorhersehbar, obwohl der Mensch von Natur aus unvorhersehbare Verhaltensweisen hervorbringen kann. Von Natur aus eben, d.h. wenn sich die Geistesleistung nicht von jener primitiver Tiere unterscheidet. Man kann sein Denken und seine Erwartungen deutlich genug machen, anstatt zu erwarten, dass andere Gedanken lesen können. Man kann das Vertrauen, das man braucht und genießt, auch rechtfertigen. Man kann sich überlegen, welche Wirkungen Gedanken auf das größere Ganze haben könnten, bevor man sie im Internet von sich gibt. Und so weiter. Und so weiter.

Wie man zu angenehmen Rückwirkungen kommt

Man kann sich bewusst halten, dass man immer und überall abhängig ist von bestimmten Verhaltensweisen der anderen, und die anderen von bestimmten seiner selbst. Man kann sich überlegen, wie man angenehme und hilfreiche Rückwirkungen erzielt. Man muss Wirkungen auslösen, die für die Umgebung hilfreich sind. Dabei muss einem klar sein, dass das Gesetz der Zirkularität nicht auf direktem Tauschhandel beruht. Rückwirkungen sind nicht unbedingt von dort zu erwarten, wo sich die von einem selbst erzielten guten Wirkungen zeigen. Sie kommen oft, wenn nicht sogar meist, über nichtlineare Wege aus einer ganz anderen Ecke zurück. Drum hilft es zu verstehen, wie komplexe Systeme ticken, wie intelligentes Systemdesign aussieht und wie das Steuern und Regulieren in komplexen Systemen funktioniert, oder kurz in alteingeführten Worten gesagt: Management.

 

Maria Pruckner. Die selbstständige Beraterin, Trainerin und Autorin ist seit 1992 auf den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik in Unternehmen und Institutionen spezialisiert. Seither entwickelt sie für diesen Zweck verlässliche kybernetische System-Modelle, die sie mit einem systematischen Anwendertraining verbindet. Damit gehört sie auf ihrem Gebiet weltweit zu den am längsten dienenden Pionieren und Problemlösern in der Praxis. Die langjährige Schülerin von Heinz von Foerster arbeitet seit damals stark vernetzt und konsequent mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Ihr Unternehmenssitz ist in Wien.

 

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität? Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner. Sie wird darauf eingehen.

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