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Bild: Akos Burg 

„Niemand schaut auf die 99 Prozent“

23.07.2017 | 08:00 |  von Andrea Lehky (Die Presse)

Porträt I. Als Präsident des Instituts Österreichischer Wirtschaftsprüfer hat der Kärntner Helmut Kerschbaumer viel vor. Jetzt bricht auch sein ursprünglicher Berufswunsch wieder durch.

Das Mölltal ist ein enges Tal. Wer dort aufwächst, dem ist das große Wien noch fremd und fern. Helmut Kerschbaumer (heute 54) ging lieber nach Innsbruck studieren, Wirtschaftspädagogik, schließlich wollte er Lehrer werden. Irgendwie landete er bei einer kleinen Steuerberatung – und dann ging es los.

Auf nach Wien, andocken bei KPMG, der größten der „Big Four“-Kanzleien in Österreich. Wien war ihm bald zu klein. In die USA zog es ihn, nach Providence/Rhode Island, Teil des Boston Office. „Ich habe mich an die Welt herangetastet“, sagt er.

So kam Kerschbaumer zu seinem Spezialthema, der internationalen Rechnungslegung. Daheim war von IFRS (International Financial Reporting Standards) noch keine Rede. Als er nach Wien zurückkehrte, kannte er sich als einer der wenigen in dem Bereich aus. Es war der Grundstein seiner Karriere.

„Wie man Unternehmen transparent darstellt“, sagt er, „ist bis heute mein Steckenpferd. In einem Konzern passiert so viel. Er muss Rechenschaft ablegen, was der Vorstand im letzten Jahr getan hat. Auf hundert Seiten zusammenfassen, was alles geschehen ist. Das true & fair darzustellen – das fasziniert mich.“

Das Produkt Vertrauen

Seine Leidenschaft wird er für die nächsten drei Jahre wohl zurückschrauben müssen. Ende April übernahm Kerschbaumer turnusmäßig die Präsidentschaft des Instituts Österreichischer Wirtschaftsprüfer (iwp). Dort vertritt er die Interessen von knapp tausend heimischen Prüfern. Mit denen nicht gerecht umgegangen wird, wie er findet: „Wenn wir 10.000 Prüfungen machen, passiert vielleicht bei zehn etwas. Das heißt nicht einmal, dass uns etwas passiert, wir können genausogut getäuscht worden sein. Aber die Öffentlichkeit erfährt nur von diesen zehn Prüfungen. Niemand schaut auf die 99 Prozent.“

Das will er nun ändern. „Ich will den Beitrag der Prüfer zur Wirtschaft dieses Landes aufzeigen. Dass wir es sind, die sicherstellen, dass die zentralen Informationen der Unternehmen – Jahresabschluss, Konzernabschluss – richtig dargestellt sind. Dass man ihnen vertrauen kann. Unser Produkt heißt Vertrauen.“

Und dann wäre da noch das Nachwuchsthema. Er wolle „die Jungen über die Schwelle ziehen“, ihnen zeigen, wie attraktiv die Prüfung ist. Damit wäre es aber noch nicht getan. Die Attraktion müsse auch über die (gefürchtet schwere) Berufsprüfung tragen. Deshalb begrüßt er das eben im Parlament durchgewunkene neue Berufsrecht: weil es die Wartezeit halbiere und den Prüfungsmodus straffe.

Bei den Kleinen beginnen

Und dann hat Kerschbaumer noch ein Anliegen. Wenn die Kinder nichts über Finanzmärkte lernen, woher sollen es dann die Erwachsenen wissen? Selbst Vater eines siebenjährigen Sohnes würde er den Kleinen gern „mehr Wirtschaft“ beibringen – was kostet ein Kredit, was ist eine Aktie, was ein Fonds. Da will er sich noch etwas einfallen lassen. Weil jetzt, am Höhepunkt seiner Karriere, doch noch der Lehrer in ihm durchbricht.

 
Zur Person

Seit Ende April ist KPMG Audit-Partner Helmut Kerschbaumer (54) turnusmäßiger neuer Präsident des Instituts Österreichischer Wirtschaftsprüfer (iwp), der privatrechtlichen Vereinigung zur Förderung und Interessensvertretung von etwa 1000 heimischen Prüfern. Dort will er das Vertrauen in die Finanzberichte der Unternehmen stärken, weiters das Berufsbild für den Nachwuchs attraktiver machen.


[NPG1F]

(Print-Ausgabe, 22.07.2017)

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