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Das Andreas-Hofer-Gen

17.07.2017 | 14:04 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Porträt. Mit dem Kopf durch die Wand: Das sagt man Gerhard Hammerle – Sanierer, Skirennmanager und aktuell Chef des Tiroler Kräuterhofs – nach. Er versteht gar nicht, warum.

Eine Affinität zur bäuerlichen Landwirtschaft hatte der Serfauser Gerhard Hammerle (41) schon immer. Auf Bauernmärkten fand er oft „tolle Produkte. Aber weder gut verpackt noch gut vermarktet.“

Er kam nicht dazu, sich näher damit zu befassen. Nach dem Wirtschaftspädagogikstudium in Innsbruck trieb ihn das Leben nach London, später machte er „auf Skilehrer. Ich war sicher, es wird sich schon etwas ergeben.“

Es ergab sich. Ein Stammgast schüttete ihm sein Herz aus, er hätte eine Lebensmittelfabrik in Dresden gekauft, doch sie käme nicht recht in Schwung. „Flieg doch hin und schau sie dir an“, sagte er. Jetzt staunten alle, die schwarzgemalt hatten, Hammerle werde den Anschluss verpassen. Jetzt war er Geschäftsführer der Zamek-Werke. Klang doch gut.

In Dresden war sein Ruf bald, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Warum, verstand er nicht, „ich hab' halt alles hinterfragt.“ Alle wussten, es muss gespart werden, doch keiner zog mit.

Bis ihm ein alter Mann die Augen öffnete. Du musst die Mitarbeiter einbinden, sagte er, du musst ihre Ideen aufnehmen, dann gehen sie mit. Siehe da: Bald darauf kamen die Mitarbeiter von selbst, wir brauchen keine acht Produktionslinien, sechs tun es auch, sagten sie. Hammerle staunte.

Zwei erfolgreiche Jahre später war seine „Lernkurve zu Ende“, wie er sagt. Der Inhaber wollte ihn noch halten, doch Hammerle zog es in die Tiroler Berge zurück.

Dort ließ er sich wieder treiben. Bis ihn erneut ein Bekannter ansprach, die „Lizz“, Elisabeth Görgl, eine damals nahezu unbekannte Skirennfahrerin, suche jemanden, der ihr „beim Fahrtenbuch und so“ helfe. Bald darauf war Hammerle ihr kaufmännischer Manager.

Sein eigener Herr

Drei Jahre später, Görgl war inzwischen ein Star, verabschiedete er sich. Ließ sich wieder (man ahnt es) ein wenig treiben. Auf einem Markt zeigte ihm ein Bauer seine Johanneskrautprodukte, Shampoos und Cremen. Hammerle war begeistert. Da könne man etwas Lässiges daraus machen, befand er. „Wir sind 30“, antwortete der Bauer, „zusammengeschlossen im Verein der Tiroler Kräuterbauern. Mach' uns doch ein Konzept.“

Gesagt, getan. Hammerle präsentierte dem Verein sein Konzept, man nickte beifällig und ging zum letzten Tagesordnungspunkt weiter: Ohne Vorwarnung löste sich der Vorstand auf. Es hatte nichts mit ihm zu tun.

Dann setze ich mein Konzept eben allein um, dachte Hammerle und gründete die Marke Tiroler Kräuterhof. So gefiel es ihm ohnehin besser: unabhängig und sein eigener Herr. Die Kräuter lässt er sammeln („die wachsen bei uns wild“) oder kauft sie zu. Die Umsätze stiegen, die Reputation auch.

Bis „die Deutschen“ anriefen, konkret der Anwalt des deutschen Kosmetikproduzenten M. Asam, Teil des börsenotierten Ströer-Konzerns. Seit Langem hätte man die Wortmarke Kräuterhof geschützt. Er möge seine Wortbildmarke umgehend löschen lassen.

So wild werden die das schon nicht meinen, dachte Hammerle und fuhr auf Urlaub.

Sie meinten es so wild. Im Monatstakt erhöhten „die Deutschen“ den Druck, ein Anwaltsbrief schärfer als der andere. Zwei eigene Anwälte wollten das Handtuch werfen, erst der dritte zeigte Kampfgeist. Gemeinsam tüftelte man einen Plan aus. Als Gattungsbegriff war Kräuterhof nicht eintragungsfähig; Hammerles Wortbildmarke schon. Allerdings hatte er sie später beim Patentamt angemeldet. Aber: Er hatte sie auch in China angemeldet, schneller als die Deutschen, was deren Expansionsplänen ungelegen kam.

Einen Tiroler reizt man nicht

Es kam zum Termin für einen außergerichtlichen Vergleich. Auf dem Tisch lag ein Vorschlag. Indiskutabel, fand Hammerle. Er wollte den Gegnern zeigen, wen sie vor sich hatten. Mit einem gemieteten Porsche wollte er vorfahren. Als der vergriffen war, kam er mit einem Tesla. Auch der verfehlte seine Wirkung nicht. Plötzlich nahm man ihn ernst, ging auf ihn ein. Am Ende hieß es leben und leben lassen. Das Start-up hatte dem Konzern die Stirn geboten. Oder: Das Andreas-Hofer-Gen hat gesiegt.

 

Zur Person

Die Vita des Tirolers Gerhard Hammerle (41) pendelt zwischen entspanntem Sich-treiben-Lassen und nachdrücklichen beruflichen Engagements. Nach dem Wirtschaftspädagogikstudium in Innsbruck sanierte der Serfauser einen Dresdner Lebensmittelbetrieb, managte den damals aufstrebenden Skistar Elisabeth „Lizz“ Görgl und gründete die Naturkosmetiklinie Tiroler Kräuterhof. Für die errang er eben im Namensstreit mit dem deutschen Ströer-Konzern einen guten Vergleich.

 


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