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Wer seine Tätigkeit digitalisieren möchte, muss sich mit der eigenen Situation und dem Kontext befassen. / Bild: Marin Goleminov 

Copy And Paste funktioniert nicht

15.07.2017 | 12:00 |  Von Michael Köttritsch (Die Presse)

Digitalisierung. Unternehmen in Sachen Digitalisierung fit zu machen, dafür gibt es weder ein Kochrezept noch ein Phasenmodell. Aber jede Menge Fragen, die sich Manager stellen sollten.

Es ist das Schlagwort dieser Tage: Digitalisierung. Viele sprechen davon. Oft mit dem kritischen Unterton, Österreichs Unternehmen seien nicht gerade gut gerüstet bzw. unterwegs. Bestärkt durch den Digitalisierungsindex 2017 der EU-Kommission, die Österreich nur auf dem zehnten Platz der EU-28 sieht.

Viele sprechen also über Digitalisierung, aber wenige darüber, wie sie funktioniert.

Eines vorweg: Das im digitalen Zeitalter so beliebte Copy and paste funktioniert bei der Digitalisierung leider nicht. Exkursionen zu den Digitalprofis im Silicon Valley, in Tel Aviv oder in Silicon Savannah von Nairobi können dazu dienen, Strukturen, Netzwerke, Kultur und Verhalten zu studieren. Dort Geschäftsmodelle abzukupfern aber scheint wenig zielführend. „Wir werden scheitern, wenn wir aus anderen Kontexten Dinge kritiklos übernehmen“, sagt Matthias Fink. Er ist Vorstand des Instituts für Innovationsmanagement an der Johannes-Kepler-Universität Linz und Professor an der ARU Cambridge. Fink leitet das neue MBA-Programm New Business Development in the Digital Economy der Limak Austrian Business School. Dort erarbeiten Führungskräfte in Kleingruppen mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft, wie Digitalisierung für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit genutzt werden kann. Stark greift das MBA dabei auf die Expertise der JKU-Institute zu, die durch eine vorausschauende Berufungspolitik stark aufgestellt sind.

Es gebe, räumt Fink ein, weder ein Kochrezept für Digitalisierung noch ein Phasenmodell, das man einfach abarbeiten könne. Entscheidend sei, sich mit der eigenen Situation und dem Kontext zu befassen. Wie man als Unternehmen Digitalisierung mit den eigenen Schwächen und Stärken nutzen könne, müssten sich Manager fragen. Und sie müssten die Grundprinzipien der Digitalisierung verstehen: Was bedeutet Digitalisierung für Kommunikation und Entscheidungen im Unternehmen, die Führung und Arbeit, das Rechts-, Wirtschafts- und Sozialsystem?

Leben in Daten übersetzen

Auf diese Fragen gelte es Antworten zu finden und im Unternehmen eine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft zu entwickeln. „Und man muss zulassen, dass sich dieses Bild unterwegs verändert“, sagt Fink. Wichtig sei, immer wieder innezuhalten und zu überprüfen, ob man die Potenziale der Digitalisierung auch sinnstiftend nutze. Denn Digitalisierung werde nur zu oft rein technisch gesehen.

Zu den Grundprinzipien zähle auch zu verstehen, dass Daten nicht weniger werden, wenn man sie teilt. Dass die Übersetzung von Lebenssachverhalten in Daten und Datenströmen zwar das Herzstück der Digitalisierung ist. Dass sich aber nicht alle Lebenssachverhalte in Daten übersetzen lassen, was etwa für Emotionen und Gefühle gelte – die im Geschäftsleben eine enorme Rolle spielen. Und dass sich die Bewertung der Arbeit verändere: Früher oder später werde nicht nur der Beitrag zum BIP, sondern auch die gesellschaftsrelevante Leistung belohnt werden.

Das Handwerk, um die Digitalisierung in den Unternehmensalltag einzufügen, funktioniert weitgehend mit den Strategiewerkzeugen aus der analogen Zeit: Es gelte, die kritischen Elemente zu erkennen, Strategien und Geschäftsmodelle zu entwickeln und Chance und Risiko zu managen, sagt Fink.

Zusätzlich seien Share-Economy-Aspekte, Open-Innovation-Ansätze oder die Möglichkeiten von Venture Capital mitzudenken. Genauso rechtliche und ethische Auswirkungen.

Digital und sicher?

Und das chronisch unterschätzte Thema Datensicherheit. Weil man Daten schließlich nicht mit jedem „teilen“ wolle. Fink nennt ein Beispiel: Tausende Österreicher würden sich jedes Jahr von der Elektronische Gesundheitsakte (Elga) abmelden, weil sie Bedenken wegen der Datensicherheit haben. Gleichzeitig googelten sie aber im Netz die Symptome und Krankheiten, die bei ihnen diagnostiziert wurden. Mit dem Effekt, dass sie eine enorme Datenspur zu sich selbst legen – was nicht nur die Suchmaschinenbetreiber, sondern früher oder später auch Versicherungen interessiert.


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