Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
Bild: Pixabay 

Wie man auf der Höhe der Zeit bleibt

03.07.2017 | 11:13 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 58. Komplexität meistern – Selbstführung. Eine Checkliste mit Zwecken, Zielen und einer Strategie für die eigene Qualifikation.

Wer Komplexes meistern will, muss bei der Selbstführung beginnen. Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne "Management im Kopf" dazu Anregungen auf der Basis verlässlicher Erkenntnisse aus den Systemwissenschaften.

Ist Ihre Qualifikation auf aktuellem Stand? Oder ist längst überholt, was Sie gelernt haben? Wie sieht es mit Ihrer Allgemeinbildung aus? Glauben Sie noch, was in den Lehrbüchern aus dem 20. Jahrhundert steht? Ich für meinen Teil würde bei einer Prüfung durchfallen, würde ich heute dieselben Antworten geben, für die ich damals die Bestnote bekommen habe. Bildung ist nicht von ungefähr ein Reizthema. Eine Checkliste mit Zwecken, Zielen und eine Strategie, wie man auch im 21. Jahrhundert auf der Höhe der Zeit bleibt, notfalls auch für Kinder, die vor den Sommerferien mit einem Fleck nach Hause gekommen sind.

1. Nur kein Stress

Stress entsteht bekanntlich, wenn man sich einer Situation oder Sache nicht gewachsen sieht bzw. wenn man tatsächlich überfordert ist. Im Grunde ist Stress eine gesunde hormonelle körperliche Reaktion, sie macht die Muskulatur kurzfristig leistungsfähiger. Im Gehirn löst Stress aber Denk- und Lernblockaden aus und Dauerstress Krankheiten. Für geistige Arbeit ist Stress also restlos kontraproduktiv. Eine für die jeweiligen Anforderungen adäquate Bildung ist die einzig wirksame Prävention gegen Stress, gegen die Degenerationsspirale, die er auslöst und für die notwendige Kooperation in seinem Umfeld.

2.  Freiheit

Von Natur aus können Sie tun und lassen, was Sie wollen. Weil es aber keine Wirkung ohne Rückwirkung gibt, wird das Leben durch das Austoben der eigenen Freiheit ohne Rücksicht auf seine Umgebung früher oder später ungemütlich. Rücksichtslosigkeit gegen ein Umfeld ist immer auch Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Sinnvollerweise endet in einer zivilisierten Gesellschaft die Freiheit des Einen daher dort, wo die des Umfelds beginnen muss. Es gibt keine gesunde Gesellschaft ohne sinnvolle Regeln. Es hängt von der Bildung ab, ob man motiviert ist, sinnvolle Regeln einzuhalten und kontraproduktive von konstruktiven zu unterscheiden.   

3. Sicherheit

Mit etwas sicher umgehen zu können, damit beginnt jede fachliche Qualifikation. Wer aus Angst vor Einkommensverlust Aufgaben übernimmt, die er nicht beherrscht, wird für sich und andere zu einer hohen Gefahr. Alle sind seit Jahren gefordert, ständig Neues zu lernen. Die meisten Menschen beginnen das mit der Frage, worauf es ankommt, um es richtig zu machen. Besser ist es, mit der Frage zu beginnen, was und wie man es tun müsste, um es ganz sicher falsch zu machen. Nur wer die potenziellen Fehler kennt und ihre Vermeidung beherrscht, kann für die eigene Sicherheit und die anderer sorgen.

4. Zufriedenheit

Freiheit und Sicherheit sind elementare Grundbedürfnisse, hier Konsens zu finden, fällt relativ leicht. In dem, was zufrieden macht, divergieren die Vorstellungen hingegen im höchsten Maß. Damit sind immer höchst individuelle Bedürfnisse verbunden. Wer denkt, was ihn zufrieden macht, macht auch alle anderen zufrieden, der gerät daher schnell in Konflikte. Damit Sie zufriedengestellt werden können und Sie andere zufriedenstellen können, müssen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und die anderer verstehen, fähig sein, sich über individuellste Anliegen erfolgreich zu verständigen und verstehen, was jeweils möglich ist und was nicht.  Da hilft Bildung.

5. Geborgenheit

Manche hatten viel zu lange viel zu gute Umstände. Was immer geschah, sie mussten sich um nichts kümmern. Immer hat irgendjemand für das Nötige und Gewünschte gesorgt. Oft einfach nur dank des Glücks, zur richtigen Zeit im richtigen Geschäft den richtigen Job mit den richtigen Mitarbeitern gehabt zu haben. Was für ein Pech! So muss man heute anstehen. Solche Geborgenheit ist nur gut für kleine Kinder, müde Menschen, Geschockte, sehr Kranke und Schwerkranke. Auf Dauer macht sie unfähig. Fordern Sie sich selbst, wenn Sie sonst niemand fordert. Bilden Sie sich für sich selbst weiter. Es hilft, zu verstehen, in welcher Welt man lebt.

6. Grenzen

Die Welt, die wir heute erleben, ist nicht ohne weiteres zu verstehen. So mancher findet aber nur dann innere Ruhe, wenn er alles weiß, was man wissen könnte. Wer ununterbrochen im Web recherchiert, mal dies und mal das, baut bestenfalls eine Halbbildung auf und durch das Ansehen unzähliger Web-Videos Halberfahrung. Beides ist mit Theodor von Adorno nicht die Vorstufe von Bildung, sondern ihr Todfeind. Setzen Sie besser darauf, weniges wirklich gut und von allem nur das Prinzipielle zu verstehen. Dafür leisten die Systemwissenschaften besonders gute Dienste.

7. Vertrauen

Wenn man nicht verstehen kann, kann man immer noch vertrauen. Wenn man es kann. Ob sie vertrauen wollen, machen viele Menschen von dem abhängig, was sie glauben können, was also ihre eigenen Vorstellungen bestätigt. Damit landet man leicht bei purer Scharlatanerie. „Ein Trottel kommt selten allein“ ist ein neues Buch von Michael Niavarani. Vorgestellt hat er es in den letzten Tagen mit einem englischen Sprichwort: "Jeder Trottel findet einen noch größeren Trottel, der ihn bewundert." Jedes seriöse Fachgebiet basiert auf klaren Grundsätzen. Sie zu kennen oder danach zu fragen, hilft, echte Experten von vermeintlichen zu unterscheiden.

8. Bildungsneid

Immer mehr Menschen ist heute klar, dass ein sicheres und hohes Einkommen auch durch die beste Bildung nicht garantiert ist. Viele beneiden hochqualifizierte Menschen daher heute nicht mehr wegen ihrer Karrierechancen, sondern wegen ihrer Souveränität. Dafür, dass sie immer konzentriert und gelassen sind, nie unter Stress stehen, nie in Verlegenheit geraten. Bildung kann man niemandem abkaufen und auch niemandem stehlen. Aber jeder kann sie selbst erwerben. Nehmen Sie sich solche Menschen zum Vorbild, lassen Sie sich von ihnen beraten, was Sie und wie Sie lernen sollten.

9. Bildungsduschen

Nun zu Vorträgen von Top-Experten. Immer wieder beobachtet man dort Teilnehmer, die entweder in höchster Anspannung versuchen, jedes Wort mitzuschreiben, und solche, die sich berieseln lassen. Solche Vorträge sind zum Mitdenken gedacht, und dazu, die eine oder andere Konsequenz zu ziehen. Das verlangt hohe Konzentration, die beim Mitschreiben rasch verloren geht und beim sich berieseln lassen erst gar nicht entsteht. Verfolgen Sie die hochkomplexen Zusammenhänge, die dort meist didaktisch perfekt aufbereitet Schritt für Schritt erläutert werden, aufmerksam, und notieren Sie nur, womit Sie sich näher beschäftigen müssen.

10. Stucken

Es macht auch keinen Sinn, seine Qualifikation mit der Lernstrategie aus der Schule bzw. Universität fortzusetzen: laufendes Stucken von Büchern, sämtlicher Fußnoten und Literaturverweise. Echte Bildung entsteht nicht durch Wissen, sondern durch das Anwenden von Wissen und die Erfahrung damit. Erst die Erfahrung zeigt, ob man eine Theorie richtig verstanden und eingesetzt hat bzw. ob sie überhaupt stimmt oder für einen Fall passt. Am schnellsten findet man beides heraus, wenn man sich von Experten für die Aufgabe/Sache/Situation beraten lässt, nicht von Experten für die studierte Literatur.

11. Wie wählt man aus?

Ja. Bildung. Kann mehr als Aspirin. Hilft fast immer und für fast alles. Hat aber so gut wie keine unerwünschten Nebenwirkungen. Aber wie wählt man aus? Themen über Themen böten sich an! Es gibt kein allgemein verlässliches Rezept. Ich für meinen Teil bin immer gut damit gefahren, mich nicht an Themen, sondern an Top-Experten zu orientieren. Sie liefern die wichtigsten und aktuellsten Themen nämlich gleich mit. Nicht selten sind das ganz andere als der Mainstream jeweils gerade hochjubelt. Abgesehen davon erfahren Sie von Spitzenkräften auch immer das, was man noch nicht weiß oder nicht sicher weiß. Das geht im Mainstream sofort unter und das führt so gut wie immer in die Irre.

12. Kooperieren mit Top-Experten

Unter Top-Experten verstehe ich nicht unbedingt Leute, die prominent sind, sondern solche, die den aktuellen Stand in Theorie und Praxis einer Sache nicht nur kennen, sondern auch vorantreiben, also die neuesten fachlichen Erkenntnisse, Kritiken, Konzepte, etc. liefern. Solche Experten publizieren in der Regel, man kann also lesen, was sie denken bzw. gedacht haben. Sie profitieren von deren Vorträgen, Seminaren oder von Gesprächen mit ihnen umso mehr, je vollständiger und genauer Sie deren Publikationen zuvor gelesen haben. Dann nämlich können Sie all die Fragen stellen, die Sie anhand deren Literatur nicht selbst lösen konnten, oder von denen Sie nicht sicher sind, ob Sie diese richtig verstanden haben. So werden Sie von Top-Experten mit offenen Armen empfangen. Denn so können diese auch von Ihnen lernen, zum Beispiel, was in ihren Schriften nicht so klar herausgekommen ist oder gar nicht angesprochen wurde. In die Flucht schlagen Sie führende Fachleute, wenn Sie deren Bücher nicht gelesen haben, aber genau das behaupten, um sich sympathisch zu machen. Autoren erkennen sofort, wenn Sie flunkern. Und was schon gar nicht geht, ist, ihnen Fragen zu stellen, die sie mühsam und ausführlich in Büchern erläutert haben. Das haben sie nämlich getan, weil sich die Antworten darauf nicht in einem Small-Talk geben lassen.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

AnmeldenAnmelden
DiePresse.com