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„Wir sind die Perlentaucher“

02.07.2017 | 13:00 |  Michael Köttritsch (Die Presse)

Porträt. Ideen schmieden, evaluieren, um- und übersetzen. Das ist KSV 1870-Geschäftsführer Ricardo-José Vybiral wichtig. Und noch etwas: das Zuhören, um die richtigen Fragen zu stellen.

Auf den ersten Blick hat sein aktueller Job wenig mit dem zu tun, was Ricardo-José Vybiral davor gemacht hat: Heute ist er Geschäftsführer des Kreditschutzverband von 1870 (KSV), davor war er CEO des Werbe-, Marketing- und Beratungsunternehmens Wunderman in Deutschland, wo er mehr als zehn Jahre tätig war. Oder anders formuliert: jetzt Finanzdienstleistungs-, davor Kreativbranche.

Auf den zweiten Blick aber zeigen sich die Gemeinsamkeiten. Eine ist: Daten sind da wie dort die Grundlage für Entscheidungen. Bei Wunderman war es die Frage: Wie spricht man Konsumenten an? Auch der KSV sei eine Datencompany, sagt Vybiral, ein Wirtschaftsinformationsdienst, der Unternehmensdaten zusammenstelle und visualisiere und Wissen und Entscheidungsgrundlagen liefere.

Eine andere Gemeinsamkeit: die Kreativität. Im Agenturumfeld selbstverständlich, aber auch im Finanzsektor unumgänglich: „Es ändern sich Geschäftsmodelle und Revenue-Streams. Es verschieben sich laufend Grenzen und es gibt ständig neue Entwicklungen, etwa die Fintechs.“ Da könne man sich nicht ausruhen. Gerade, wenn es um Digitalisierung geht: Angst zu machen, habe hier keinen Sinn.

„Kreativität ist der Motor der Organisation“, sagt der 47-Jährige. „Wir sind die Perlentaucher, die Ideen schmieden, evaluieren, um- und übersetzen. Schließlich wollen wir Relevanz schaffen.“ Und, sagt er, wenn etwas Neues entstehe, dann sei das für ihn eine große Motivation. Daher ist seine Lust auf Neues entsprechend groß: Schließlich hat er sich über eine Print-Stellenanzeige für diesen Job in einem für ihn vollkommen neuen Metier beworben.

Stichwort Neues: Derzeit gebe es einen regelrechten Hype um Start-ups – nicht nur um solche aus der Fintech-Szene. Die populären Pitches sieht er jedoch durchaus kritisch: „Es ist schwer, ein Unternehmen nach zwei, drei Minuten zu bewerten. Das ist zu kurz gegriffen.“ Er sieht aber auch hier eine Aufgabe für den KSV, die jungen Unternehmen zu unterstützen und stabil in ein wirtschaftliches Umfeld, das er in Österreich als gesund erlebt, zu führen. Und Vybiral sagt auch, dass man über die Begeisterung für Start-ups die „klassischen“ Gründer nicht vergessen sollte.

Zielkorridor vorgeben

So wie sich die Unternehmen neu gründen bzw. entwickelten, würden sich auch die Jobprofile ändern, die er nachfrage, sagt Vybiral. Analytische Fähigkeiten seien da ebenso gefragt wie juristisches Know-how. Und es könne schließlich keinem Unternehmen schaden, in seiner personellen Zusammensetzung einen bunten Mix aus unterschiedlichen Menschen zu haben, Talente mit kreativem bzw. technologischem Einschlag ins Team zu holen. Für die Führungskräfte heiße das, die Teams richtig zusammenzusetzen, die Anforderungen entsprechend zu übersetzen und einen Zielkorridor vorzugeben, in dem sich die Mitarbeiter bewegen sollen.

Gute Führung, ist er überzeugt, basiere auf viel Erfahrung. Gute Führungskräfte müssten einerseits nahe am Markt und an den Kundenbedürfnissen sein. Andererseits müssten sie so etwas wie eine Unternehmensberatung im Unternehmen sein. Mit einem Gespür für die Anliegen der Mitarbeiter, die berät und in der Lage ist, Dinge umzusetzen. Denn es gehe darum, Dinge in die Hand zu nehmen.

Das sind hohe Anforderungen für den Erfolg, die Vybiral an sich und andere Führungskräfte stellt. Wobei Erfolg für ihn nicht nur eine kommerzielle Größe ist. Erfolg sei auch, nachgefragt zu sein, und etwa zu Besprechungen eingeladen zu werden.

Die Tugend zuzuhören

Und noch etwas ist ihm wichtig: das Zuhören – anderen und sich selbst. „Zuhören“, sagt er, „ist eine Tugend.“ Und müsse immer mit weiteren Überlegungen verbunden sein: Was heißt das, was ich da höre? Und was benötigen die Mitarbeiter? Dafür brauchen Führungskräften einen Mix aus Empathie, Vision, strategischem Know-How und Facherfahrung. Wobei Führung nicht unbedingt untergeordnete Mitarbeiter voraussetze: „Führen kann man auch ohne Mitarbeiter“, sagt Vybiral: Man führt Gespräche und die (hoffentlich) zu einer guten Lösung.

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