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Bild: Rocketdrive/Marin Goleminov 

Die Sache mit der Seniorität

01.07.2017 | 12:21 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Karrierekiller. „Mangelnde Seniorität“ heißt es in der Absage. Damit können zwei Deutungen gemeint sein. Beide lassen sich überwinden – aber das kann seine Zeit dauern.

Fachlich war sie top. Sie rechnete mit einer sicheren Zusage auf ihre interne Bewerbung. Alle Voraussetzungen erfüllt, was konnte da noch schiefgehen?

Die Absage traf sie wie ein Keulenschlag. Sie wurde begründet mit „mangelnder Seniorität“. Was sollte das denn heißen? War sie zu jung? Oder ging es tiefer?

„In Konzernen ist mangelnde Seniorität ein beliebtes KO-Kriterium“, sagt der Wiener Unternehmensberater Herbert Klink, „ein schneller Grund, den ich nicht lange erklären muss. Sehr bequem.“ In Wahrheit bedeute er, „du bist noch nicht fertig, du musst dich noch entwickeln.“ Wer will das schon gerne hören?

Dabei hat „Seniorität“ zwei Deutungen. In etablierten, oft amerikanischen Konzernen überwiegt die englische: „By seniority“ meint dort das Dienstalter, das naturgemäß mit dem Lebensalter korrespondiert. In jungen Jahren ist das ein Nachteil, später kehrt es sich zum Vorteil um: wenn der Betriebsrat seine Hand schützend über die Langgedienten hält.

In jungen dynamischen Unternehmen hat Seniorität eine andere Konnotation. Dort meint es nicht Erfahrung, Fähigkeiten und Können, sondern Verhalten und Einstellung zum Job. Fähigkeiten und Können sind objektiv überprüfbar, bei den Soft facts ist das schon schwieriger.

Wie zeigt sich Seniorität?

Seniorität äußere sich in Souveränität, Ruhe und Gelassenheit, meint Klink. Diese Faktoren mögen mit dem Lebensalter kommen, aber auch mit der Sicherheit, mit der man den Job ausübt. Und die stellt sich oft schnell ein. Äußere Senioritätsmerkmale sind
► nie zu spät kommen,
► nicht hektisch sein,
► sich nicht entschuldigen,
► immer vorbereitet sein.

So aufgelistet wird wohl jeder zustimmen, doch zu viele Damen entschuldigen sich bei jeder Wortmeldung, zu viele Herren sind notorische Zuspätkommer. Daran zu arbeiten braucht es keinen Coach.
Externe Hilfe ist dann angebracht, wenn Unsicherheit, Hektik und Unstrukturiertheit tiefere Gründe haben. Wenn einen etwa die Unfähigkeit, nein zu sagen, zwingt, sich zu viel Arbeit aufzuhalsen.

Mit versierter Hilfe lässt sich das überwinden, braucht als Richtwert aber ein Jahr Zeit. Manchmal hilft so eine Außensicht auch, blinden Flecken zu überwinden. Ein Manager, erinnert sich Klink, wurde als Geschäftsführer abgelehnt, weil er so gerne Schenkelklopfer-Witze erzählte. Nicht vorzeigbar, entschied der Vorstand. Doch das sagte man ihm nicht.

Loyal sein, nicht schleimen

Seniorität zeigt sich auch im Verhältnis zu den eigenen Vorgesetzten. Neben verlässlicher Leistung (inhalts-, budget- und termintreu) erwarten diese sich das friktionsfreie Exekutieren auch unpopulärer Maßnahmen. Wer den Auftrag bekommt, zehn Mitarbeiter zu kündigen, hat das – maximal mit kurzen Verständnisfragen – ohne Widerspruch zu tun. Jammern, vor Chef oder Mitarbeitern, gilt als hochgradig un-senior.

Und noch ein Merkmal: die Loyalität dem Unternehmen und seiner Führungsriege gegenüber. Innerlich mag man sich seine Gedanken machen, nach außen steht man treu hinter seinem Management. Was nicht mit Schleimen verwechselt werden sollte.

Kleider machen übrigens keine Leute. Das klassische Karriereoutfit sei überbewertet, meint Klink. Die Kleidung solle zwar korrekt im Sinne der Unternehmenskultur sein, aber der beste Anzug, das teuerste Kostüm verleihen noch lange keine Seniorität.

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