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Gerda Reißner
Gerda Reißner / Bild: (c) Stanislav Jenis 

Aus dem Leben einer Inspiratorin

14.05.2017 | 12:00 |  Von Andrea Lehky (Die Presse)

Porträt. Führung einmal anders: Gerda Reißner unterrichtet an einer Wiener Brennpunktschule Kinder, die nicht auf die Butterseite gefallen sind. Und holt das Beste aus ihnen heraus.

„Ihaaß Kolaric, du haaßt Kolaric, warum sogns' zu dir Tschusch?“, steht an die Wand gepinnt. Oder: „Das Leben stört den Unterricht.“ Die Lehrer der Neuen Mittelschule in der Schopenhauerstraße 79 umgeben sich mit vielen Botschaften dieser Art.
Zu diesen Lehrern gehört Gerda Reißner (58). In Deutsch und Geschichte sei sie geprüft, sagt sie, sie unterrichte aber auch Englisch, Physik und Geografie, teils mit trilingualer Unterstützung. 25 Schülern aus elf Nationen habe sie in der Klasse, keiner mit Deutsch als Erstsprache. Als sie aus der Volksschule kamen, hatten sie oft genug gehört, was sie nicht können würden, wofür sie nicht gut genug seien.
Zwei Jahre später denken die Schüler anders über sich: in Stärken, nicht in Schwächen. „Ich bin nicht blind für die Realität“, sagt Reißner, „aber ich schaue auf das, was gut ist. Und ich sage es ihnen. Immer wieder.“ Wenn das Thema in Physik „Luft“ lautet, lässt sie die Schüler brainstormen, was ihnen dazu einfällt. Der Apnoetaucher, der minutenlang nicht atmet. Das Fußballteam, das zum Trainieren in die Anden fährt. Einer schreibt mit, am Ende hält Reißner die Liste hoch und strahlt alle an: „Schaut, was ihr schon wisst.“ Physik sei der Renner, sagt sie, „weil sie es so spannend finden“.

„Was ich alles kann“

Den Stoff habe sie nach 37 Unterrichtsjahren im kleinen Finger. Sie habe immer in Lernnetzen gearbeitet, das gab ihr die Übersicht über sämtliche Gebiete. Der Rest sei Methode: Wie bereite ich den Stoff auf, wo finde ich Zeitzeugen, wo Synergien zwischen den Gegenständen? Wenn sie die Adjektive in Englisch durchmache, mache sie sie auch in Deutsch durch. So lerne man vernetztes Denken.
Im Übrigen: Sie denke nicht daran, die Schüler für die Schule auszubilden und im letzten Moment fit für einen Lehrherren zu machen. Sie wedle auch nicht mit der Liste der Mangelberufe herum und sage: „Sucht euch etwas aus.“ Sie wolle, dass über die Jahre jeder eine Bewerbungsmappe voll mit konkreten persönlichen Geschichten zusammenstelle, „ich habe eine Diode gebaut, ich habe geschweißt, gelötet, bei einem Radioprojekt mitgemacht“. Die Kinder sollen etwas über sich erzählen können. Wie, das übe sie in elevator statements, nach dem Muster „Was ich alles kann“, und in Telefontrainings. Und für die Berufsentscheidung bringe sie sie mit Lehrlingen zusammen, diese könnten peer-to-peer besser beschreiben, wie ein Beruf so sei.

„Das könnt ihr auch“

Kürzlich, erzählt sie, war eines ihrer Klassenprojekte in einem Museum ausgestellt. Sie fuhr mit der ganzen Klasse hin und platzte schier vor Stolz. Was zählt es da, dass auf der Rückfahrt ein Schüler im Zug die Notbremse zog?
Manche sagen, sie bekäme in ihre Klassen immer die besseren Kinder. Sie widerspricht heftig: „Was ich kann, kann jeder Lehrer. Da sind die Kompetenzen, schaut sie euch an und macht Stärken daraus.“ Neben dem Unterrichten sei das ihre zweite Passion: anderen Lehrern, „die wollen, in ihrem Setting aber nicht wissen, wie sie es machen sollen“, eben das zu zeigen. „Ich will niemandem Arbeit machen“, sagt sie, „früher habe ich das falsch verstanden. Ich habe den Karren gezogen und mich gewundert, dass Widerstand kam. Jetzt zeige ich, schau, wir machen das so, und es funktioniert. Ihr könnt das auch. Ich bin nur die Inspiratorin.“

„So weit mein Arm eben reicht“

Gestern war sie, wie so oft in letzter Zeit, zu einer „herrlichen“ Veranstaltung eingeladen, mit Eltern, Lehrern und Unternehmen. Ihr Netzwerk wachse ständig, sagt sie, je mehr Menschen aus anderen Bereichen sie kenne, desto mehr Projekte würden an sie herangetragen. Inzwischen leiste sie sich den Luxus, nur die positivsten auszuwählen. Gern mit Unternehmen: „Wenn wir die Kinder auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten wollen, müssen wir ihnen beibringen, was die Firmen jetzt leben.“
Von der Veranstaltung habe sie ein Buch mitgebracht, „24 Work Hacks“, lauter zeitgemäße Methoden wie Scrum und Design-Thinking. Sie überlege schon, wie sie sie in den Unterricht einbaue. „Ich will nicht eine sein, die sagt, da hätte man etwas tun sollen. Ich will es tun. So weit mein Arm eben reicht.“

Zur Person

Gerda Reißner (58) unterrichtet – wie auch Bestsellerautor Niki Glattauer – in der NMS Schopenhauerstraße 79 in Wien 18. Von den 173 Schülern stammt der Großteil aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Schichten. Das Lehrerkollegium fokussiert sich auf Kompetenzen und Stärken und entlässt psychisch und mental gestärkte junge Leute ins Arbeitsleben. Reißner engagiert sich auch in zahlreichen Pilotprojekten und gibt ihre Erfahrungen an die Lehrer anderer Schulen weiter.

1 Kommentare
wernerchen
15.05.2017 08:33
0 0

Das gibt mir Hoffnung

Mit Begeisterung habe ich diesen Artikel gelesen. Mich wundert, dass immer wieder von der Lehrerseite darauf hingewiesen wird, dass unser Schulsystem nicht zeitgemäß ist, und dann lese ich von Erfolgen, die im Umfeld schwieriger Umstände zustande gebracht werden. Letztendlich kommt es darauf an, ob Lehrer ihre Kinder lieben, schätzen, achten und sie motivieren, positiv eingestellte Mitbürger zu werden und mit persönlichem Einsatz daran arbeiten. Bin dankbar für solche Artikel, sie geben mir Hoffnung für die Zukunft.

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