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Bild: Marin Goleminov 

So analog ist die Digitalisierung

15.05.2017 | 07:00 |  Von Michael Köttritsch (Die Presse)

Neues Arbeiten. Die Digitalisierung verlangt den Organisationen einiges ab: Sie müssen flexibler werden, um schnelle Entscheidungen zu ermöglichen, sagt IBM-Experte Ralph Siepmann.

Eines scheint gewiss: Gleich, ob man sie künstliche Intelligenz oder Artificial Intelligence (AI) nennt, sie wird das Arbeiten grundlegend verändern. Das „neue Arbeiten“ enthält aber auch viele analoge Komponenten.
„Jede Organisation denkt, sie braucht eine Ablauforganisation“, sagt Ralph Siepmann, der sich bei IBM mit dem Thema Zusammenarbeit und deren Einfluss auf Unternehmungen beschäftigt. In diesen Ablauforganisationen erwarte man eine klare Befehlskette samt Entscheidungskompetenz, die in den höheren Hierarchiestufen angesiedelt sei. „Das wird in Zukunft anders werden“, sagt Siepmann. Dafür sorge die digitale Disruption. „Jeder kann mit relativ wenig Kapital eine Plattform etablieren und bestehende Unternehmen angreifen.“ Uber habe das etwa beim Personentransport gezeigt.

"Da passiert sehr oft Scheinkontrolle"

In dieser Konkurrenzsituation müssten Organisationen flexibler werden und schnell entscheiden können. Das, sagt Siepmann, „bekommen sie in der Hierarchie nicht hin“. Daher sorgten Organisationen dafür, dass Entscheidungen dort fallen, wo sie umgesetzt werden. Beispiel Vertrieb: Vertriebsmitarbeiter, die von der Provision leben (und daher nichts verschenken wollen), müssen heute die mit den Kunden verhandelten Preise vom Management freigeben lassen. Das nehme ihnen Kompetenz (obwohl sie die Kunden am besten einschätzen können) und lässt sie Kunden gegenüber inkompetent aussehen. „Wir haben ein System, in dem Manager über etwas entscheiden müssen, was sie in dieser Tiefe gar nicht entscheiden können. Da passiert sehr oft Scheinkontrolle.“

Auch den Personalabteilungen rät Siepmann zum Umdenken. In flexiblen Organisationen wechselten Aufgaben und Arbeitsplatz laufend. „Es ist teurer Unfug, wie HR noch gemacht wird.“ Man mache genaue Stellenbeschreibungen und rekrutiere für diese Stellen – doch schon wenige Monate später sehe die Stelle anders aus. Es gehe darum, Mitarbeiter zu finden, die zum Unternehmen passen. Denn vielleicht haben die Mitarbeiter Fähigkeiten, die für die ausgeschriebene Stelle irrelevant waren und daher gar nicht abgefragt wurden.

Immer mehr, immer schneller

Vieles am „neuen Arbeiten“ sei eine Kultur- und Vertrauensfrage. Aber AI werde künftig eine größere Rolle spielen. „Sie ermöglicht es, immer mehr immer schneller zu erreichen“, sagt Siepmann. „Technologie erfordert eine neue Kultur, die neue Kultur erfordert neue Technologie.“ Dabei gehe es zum Teil um ganz alltägliche Dinge. Heute würden Daten mittels Stichworten gesucht. „In einer weiteren Stufe muss ich nicht suchen, weil die Maschine gelernt hat, was ich brauche. Ich kann ihr in menschlicher Sprache mitteilen, was ich gern möchte.“ Ein Beispiel: Auf die Frage „Wie wird das Wetter kommende Woche in Wien?“ werde die Maschine „Du brauchst Sonnencreme“ oder „einen Regenschirm“ antworten.

Wo man mit kognitiven Services – wie etwa IBM Watson, einem kognitiven System, das verstehen, Schlüsse ziehen und daraus lernen kann – hinwill, ist, dass Daten nach Information gefiltert werden und die Maschine erklären kann, warum sie Entscheidungen trifft. „Die Maschine macht Vorschläge – aber ich bin für den Menschen als letzten Entscheider. Die Maschine soll den Menschen nicht vom Nachdenken befreien.“

Um Geschäftsmodelle zu erfinden und zu entwickeln, brauche es weiterhin Menschen. „Maschinen werden noch lang nicht selbstständig herausfinden können, was das Unternehmensziel ist oder was der Kunde will“, sagt Siepmann.

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