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Was die Arbeitswelt 4.0 alles leisten kann

16.05.2017 | 16:30 |   (DiePresse.com)

Heute schon wissen, wie wir morgen arbeiten: Personnel-Development, Personnel-Branding, Alignment und Vitalität stehen im Zentrum des von Christian Scholz und Hermann Troger organisierten Symposiums.

Die Arbeitswelt 4.0 sei eine Zeitenwende in wirtschaftlicher, sozialer, technologischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht, sagen Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes, und Hermann Troger, Berater für Personal- und Organisationsfragen. Unternehmen würden eine Überalterung der Belegschaft, fehlende Agilität, einen Mangel an Fachkräften, geringe Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen vieler Mitarbeiter beklagen.
Hinzu kämen die radikal schwindende Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen und hohe Fehlzeiten. Die Mitarbeiter ihrerseits verlangten nach materieller Unabhängigkeit, Sicherheit und Selbstverwirklichung. Zudem hätten sie klare Vorstellungen davon, wie sie Berufs- und Privatleben kombinieren wollen.

Deshalb veranstalten sie von 19. bis 21. Oktober das Symposium „Innovative Personalarbeit in der Arbeitswelt 4.0: Multioptionalität statt Determinismus“ im Südtiroler Kloster Neustift.

Die Themen Digitalisierung, Globalisierung, Generationen-Challenge und Performance werden ebenso in Expertenvorträgen, Diskussionen, Gruppenarbeiten und Kamingesprächen zur Sprache kommen wie die Antworten und Lösungsansätze Personnel-Development 4.0 als neue Form der Qualifikation, Personnel-Branding 4.0 als multimedial-virtuelle Akquisition, Motivation und Retention, Alignment 4.0 als ganzheitlich-stimmige Ausrichtung der Wettbewerbsfähigkeit und Vitalität 4.0 als Synchronisierung von individueller und organisatorischer Gesundheit.

 

Warum eine weitere Tagung über die Arbeitswelt 4.0?
Hermann Troger: Nun, diese Arbeitswelt 4.0 ist eine faszinierende Zeitenwende – in wirtschaftlicher, sozialer, technologischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht. Und auch wenn es trivial wirkt: Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern vor allem auch um Menschen. Und es geht um Gestaltungsspielraum, also um vielfältige Alternativen für die Zukunft, die sich jenseits der permanenten Beschränkung auf Technik auftun. Genau damit wollen wir uns in unserem Symposium beschäftigten und alternative Pfade und Methoden aufzeigen und  erarbeiten.

Was meinen Sie damit?
 Christian Scholz

 Christian Scholz

Christian Scholz: Nehmen Sie das Zauberwort „Digitalisierung“. In den meisten Diskussionen und Angeboten der Industrie bekommt man den Eindruck, als wäre unsere digitale Zukunft und unser Tagesgeschäft durch das, was im Silicon Valley passiert, schon vorbestimmt. Es geht nur noch um ein Mehr an Agilität und Flexibilität, um permanentes Neuerfinden und um irgendwelche Züge, auf die wir so rasch wie möglich aufspringen müssen. In dieser Welt kommen Überlegungen wie strategische Planungen und Wettbewerbsvorteile nicht mehr vor. Dazu fehlt die Zeit, dafür ist die Zukunft zu unsicher. Deshalb geht es offenbar nur um maximale Geschwindigkeit und Technik.

Was schlagen Sie stattdessen vor?
Scholz: Wir sollten erkennen,  dass es überhaupt nicht darum geht, sich brav einem Determinismus anzupassen. Hier wird eine industriepolitische Agenda gesetzt, die wir verstehen müssen und der wir uns dadurch entziehen sollten: Wir brauchen überhaupt auf keine Züge aufspringen, denn es gibt unendlich viele unterschiedliche Züge, die in unendlich viele Richtungen fahren. Vor allem aber können wir sie selber steuern. Wir brauchen keine folgsame Anpassung. Wir sollten uns vielmehr dem grundlegenden Merkmal unserer Zeitenwende zuwenden: nämlich der Existenz von Optionen, die sich uns bietet: Also Multioptionalität anstatt Determinismus.

Und wie wollen Sie das im Symposium erreichen?
 Hermann Troger

 Hermann Troger

Troger: Es kann einfach nicht sein, dass wir uns als Personaler mit der aktuellen Interpretation der digitalen Transformation abfinden und wir allenfalls dann reüssieren können, wenn wir als folgsame Soldaten der Beratungszunft mithelfen, die Unternehmensleitung zu überzeugen und die Belegschaft auf dem Weg in die digitalisierte Zukunft begleiten. Wir brauchen eine radikale Professionalisierung des Personalgeschäfts. Den Satz „Noch nie war Personalarbeit so wichtig wie heute“ haben wir beide in den letzten 20 Jahren schon öfter gesagt.  Heute würden wir  ihn durch die Zusätze „und noch nie war sie so schwierig“ und „so faszinierend“ ergänzen.

In der Einladung schreiben Sie über zentrale Phänomene der Arbeitswelt, für welche Sie Handlungsalternativen aufzeigen möchten. Welche sind das neben der genannten Digitalisierung noch?
Troger: Erstens Globalisierung, und zwar jenseits von Austauschprogrammen und Sprachkursen. Wir brauchen mehr als nur Kulturchamäleons und Kulturignoranten. Zweitens physische und vor allem psychische Überlastung im Job. Diese angeblich unvermeidbaren Begleiterscheinungen sind gefährlich, vor allem aber definitiv nicht unvermeidbar. Drittens:  Diversität der Belegschaften.

Was meinen Sie mit Diversität?
Troger: Neben der geografischen und kulturellen Herkunft und dem Ausbildungshintergrund geht es uns um die Vielfalt bezogen auf Generation und Alter und die damit verbundenen individuellen Ziele und Interessen: Es gilt, gute Wege zur Integration und zum Management von Interessen zu finden.
Scholz: Hier spielt die Generation Z eine zentrale Rolle. Viele dieser irgendwann nach 1990 geborenen Jugendlichen haben Erwartungen an die Arbeitswelt, die ziemlich anders sind als das, was uns heute noch mit „Arbeitswelt 4.0“ vorgesetzt wird. Die Generation Z will weder ins Hamsterrad der Leistungsgesellschaft einsteigen, noch beim Wettlauf um ein möglichst tiefes Eindringen von Arbeit ins Privatleben mitmachen. Deshalb werden wir bei unserem Symposium in Südtirol auch so scheinbar unumstößliche Konzepte wie „Work-Life-Blending“ hinterfragen.

Warum eigentlich Südtirol?
Troger: Mit Kloster Neustift haben wir beide schon gute Erfahrungen gemacht. Wir wollen den bewussten Bruch mit dem oft etwas hektischen Alltag. Wir setzen auf Ruhe, Konzentration und Reflexion. Wir wollen auch nicht unbequem in irgendwelchen Seminarräumen sitzen, wenn es auch die Wolkenstein-Lounge mit offenem Kamin und Südtiroler Wein gibt. Wir wollen in inspirierender Atmosphäre gemeinsam mit unseren Impulsgebern und rund 50 Arbeitswelt-Profis an unserer gemeinsamen Zukunft arbeiten.
Scholz: Statt vieler „Man müsste...“ wollen wir somit auch zu konkreten „Wir werden...“-Maßnahmen kommen.

Mehr Infos: Homepage Kloster Neustift

Zu den Personen

Christian Scholz. Professor für BWL an der Universität des Saarlandes; Erforscher der Arbeitswelt: vom Personalmanagement bis zur Digitalisierung;
2003 Trendstudie „Spieler ohne Stammplatzgarantie“ zur Generation Y, 2014 Nachfolgebuch zur Generation Z.


Hermann Troger. 20 Jahre Führungserfahrung als Personalvorstand und CEO internationaler Unternehmensgruppen in den Sektoren Automotive, Ladenbau und Bank; Dozent für „Führung“ und „Personalmanagement“ an der Universität Salzburg; Autor von „7 Erfolgsfaktoren für wirksames Personalmanagement“ (Springer Gabler 2016).

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