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Bild: (c) Die Presse (Clemens Fabry) 

Der Springer zwischen den Welten

30.04.2017 | 09:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Porträt. Der von Ex-US-Präsident Obama ausgezeichnete Mikronetzforscher Michael Stadler pendelt zwischen Kalifornien und Wieselburg. Wo er bleiben wird? Er weiß es nicht.

Michael Stadler (42) kam im niederösterreichischen Schloss Rorregg auf die Welt. Mit dem sei seine Familie tief verwurzelt, erzählt er. Sein Vater habe dort noch für die Habsburger gearbeitet. Die meisten Österreicher sterben nicht weit von ihrem Geburtsort entfernt, sinniert er. Für ihn werde das wohl eher nicht zutreffen. Obwohl – ganz so sicher sei das auch nicht. Derzeit wohne er 15 Kilometer vom Schloss entfernt.

Stadler kam zu Jahresbeginn nach neun Jahren Kalifornien in seine Heimat zurück. In Wieselburg wird er für das Kompetenzzentrum Bioenergy 2020 + den Forschungsbereich „Intelligente Netze und Mikronetze“ aufbauen. Das sind Energienetze von überschaubarer Größe, die unabhängig vom überregionalen Netz funktionieren. Das passe gut zur lokalen Verwurzelung der Österreicher, meint Stadler: „Wenn man weiß, wo etwas herkommt, geht man bewusster damit um.“

An Mikronetzen im großen Stil forschte der TU-Elektrotechniker die vergangenen Jahre an der kalifornischen Universität Berkeley, eine Autostunde vom Silicon Valley entfernt. Zu Beginn der Nullerjahre hatte er dort seine Dissertation in Energiewirtschaft begonnen: „Ich habe schon damals gewusst, ich werde wiederkommen.“

Diese Rückkehr war für 2005 geplant. Doch da hatte gerade die zweite Amtsperiode von Präsident Bush begonnen: „Innerhalb von drei Monaten war ich arbeitslos. Die Forschungsgelder lagen auf Eis.“ Stadler kehrte nach Österreich zurück, um die Ära Bush auszusitzen. 2008, kaum dass sich Barack Obama als Präsident abzeichnete, saß er auch schon im nächsten Flugzeug.

Stadlers Obama-Moment

Obama und der Staat Kalifornien waren an Stadlers Forschung höchst interessiert. Das kalifornische Stromnetz stammt aus der Zeit vor den Weltkriegen und war schon in den 1980ern chronisch überlastet. Statt in zentrale Erneuerung und Ausbau setzt Kalifornien auf dezentrale entkoppelte Energiesysteme. Sie versprechen Unabhängigkeit und – wichtig für die Region – mehr Erdbebensicherheit. Bei Engpässen liefern sie den großen Anbietern zu.

Im Mai 2016 zeichnete der US-Präsident Stadler für seine inzwischen praxiserprobte mathematische Methode zur Optimierung von Mikronetzen aus. Als erstem Österreicher wurde ihm der Early Career Award for Scientists and Engineers verliehen.
Ein bewegender Moment für den Forscher: „Wir konnten uns im Ostflügel des Weißen Hauses frei bewegen“, schwärmt er, „als Obama kam, gab es minutenlange Standing Ovations.“ Der Präsident nahm sich Zeit, schüttelte jedem Preisträger die Hand, wollte Infos zur Person, zählte bei der Urkundenverleihung jedes Herkunftsland einzeln auf. Es waren viele.

Kalifornien ist ein Migrationsstaat. Auch seine 40 Teammitarbeiter dort stammten aus aller Herren Länder, erzählt Stadler, die meisten aus Asien, viele aus West- und Südeuropa – „und nur ein einziger Kalifornier“. Zelebrierte ein asiatischer Kollege einen Feiertag, würden auch alle anderen daran teilnehmen. Man kam leicht ins Gespräch, hörte die Geschichten der anderen und übernahm so manche Gepflogenheit: „Ich vermisse diese Kultur. Auch wenn alle sagen, Amerika hat keine.“

Es gäbe diesen speziellen Moment, sagt Stadler, ab dem jeder Migrant das Gefühl hat, von seiner Heimat entkoppelt zu sein. Gehört man noch dorthin, wo man herkommt? Oder schon dahin, wo man gerade ist? Man springe zwischen den Welten und wisse nicht mehr, wo „daheim“ ist. Er könne nicht mehr sagen, ob er sich als Kalifornier oder als Österreicher fühle.

Fernweh. Heimweh?

Flog er früher alle drei Monate nach Österreich, um die Kontakte daheim zu pflegen, ziehe es ihn jetzt regelmäßig nach Kalifornien. Seine Arbeit – der österreichische Arbeitgeber ist Lizenznehmer seines kalifornischen Forschungsinstituts – könne er da wie dort tun. Bioenergy 2020 + habe ihn eingeladen, Mitglieder seines früheren Teams nach Österreich zu holen – chancenlos. Wen keine privaten Bande hielten, der kehre nicht nach Europa zurück.
Auch für ihn sei das sein letzter Anlauf: „Ich will herausfinden, ob es für mich auch in Österreich funktioniert. Ein letztes Mal.“ Das US-Staatsbürgerschaftsverfahren laufe noch, aber seine Frau studiere, in Österreich. Und wenn sie fertig ist? Wer weiß.

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