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Bild: Pixabay 

Der Umgang mit Ungewissheit, Wissen und Verantwortung

24.04.2017 | 09:28 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 48. Komplexität meistern. Eine Anleitung für Führungskräfte, die für klare Verhältnisse sorgen wollen.

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Komplexe Verhältnisse sind immer mit Ungewissheiten verbunden. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, auf sie zu reagieren. Aber nicht alle helfen, um komplexe Probleme erfolgreich zu lösen und um mit komplexen Systemen nachhaltig erfolgreich umzugehen. Eine kleine Ordnungshilfe für Führungskräfte, die für klare Verhältnisse sorgen wollen.

Glauben

Gab es Adam und Eva? Eine solche Frage galt bei Heinz von Foerster als prinzipiell unentscheidbar. Niemand kann wissen, ob es sie, und niemand beweisen, dass es sie gab. Jeder ist frei darin, es zu glauben oder nicht. Jeder ist daher für seine Entscheidung solcher Fragen und das Auslösen ihrer Folgen auch selbst verantwortlich.   

Hoffen

Wird ein bestimmtes Start-up erfolgreich sein? Eine prinzipiell unentscheidbare Frage in der Wirtschaft. Man kann statt glauben auch hoffen - oder nicht. Auch hier ist jeder für seine vorhandene oder fehlende Hoffnung selbst verantwortlich und für das Auslösen der Folgen seiner Entscheidung.

Meinen

Wird es für das Land besser, wenn man bei der nächsten Wahl der Partei X, Y oder Z seine Stimme gibt? Eine prinzipiell unentscheidbare Frage in der Gesellschaft. Man kann zu ihnen auch eine Meinung haben und sie wieder ändern. Auch für jede seiner Meinungen und das Auslösen deren Folgen ist jeweils jeder selbst verantwortlich.

Erforschen

Wie können wir unser Unternehmen erfolgreich an die künftigen Entwicklungen am Markt anpassen? Ebenfalls eine prinzipiell unentscheidbare Frage. Man kann sie auch systematisch erforschen. Für die Ergebnisse und das Auslösen deren Folgen sind dann jene verantwortlich, die sie geliefert und die auf ihrer Basis entschieden haben.

Wissen

Wie viel ist 2+2? Solche Fragen galten bei Heinz von Foerster als prinzipiell entscheidbare Fragen. Die Antworten auf solche Fragen sind bereits entschieden und bekannt – zum Beispiel durch Theorien, Regelwerke oder Gesetze. Verantwortlich für diese Antworten und deren Folgen sind deren Autoren, Erfinder, Gesetzgeber, etc.

Wissen erster Ordnung

Sobald es um Wissen geht, können Paul Watzlawicks Wissenskategorien wertvolle Hilfe leisten. Er spricht von Wissen erster Ordnung, wenn man VON jemand oder etwas nur weiß, dass er oder es existiert. Solches Wissen lernt man durch seine sinnliche Wahrnehmung. Probleme entstehen hier durch Wahrnehmungsfehler/-lücken.

Wissen zweiter Ordnung

Wissen ÜBER jemand oder etwas fällt in Watzlawicks Wissen zweiter Ordnung. Dieses erwirbt man von anderen oder durch eigene Erfahrungen. Probleme entstehen hier, wenn das Wissen über jemand oder etwas nicht zutrifft, also Irrtümer oder Lügen wirksam werden. Das führt schnurstracks in die Komplexitätsfalle.

Wissen dritter Ordnung

In die Kategorie des Wissens dritter Ordnung fällt alles Wissen, wie man MIT jemandem oder etwas SICHER UMGEHEN KANN. Probleme entstehen hier, wenn man solches Wissen nicht kennt, noch nicht richtig versteht, das dazu adäquate Verhalten noch nicht vollständig beherrscht und erforderliche Korrekturen nicht eintreten.

Wissen vierter Ordnung

Das erfolgreiche Lösen prinzipiell unentscheidbarer Fragen verlangt häufig Wissen vierter Ordnung. Hierfür müssen bisherige Grundannahmen und Denkgewohnheiten durch besser geeignete abgelöst werden, ein als konfliktreich und schwierig bekannter Schritt. Gelingt er nicht, bleiben alte und entstehen neue Probleme. 

Wissen über Wissen

Mit dem Internet steht dem Einzelnen ein noch nie zuvor dagewesenes Ausmaß von Wissen vieler Kategorien zur Verfügung. Probleme entstehen hier, wenn der Einzelne zu wenig Wissen über Wissen an sich hat und nicht in der Lage ist, eigenes Wissen und das anderer korrekt ihren entsprechenden Kategorien zuzuordnen.

Einfache Faustregel

Je komplexer eine Angelegenheit, umso differenzierteres und abstrakteres Denken und Wissen sind nötig, um sie zu verstehen und zu meistern. Trotzdem ist jeder frei, sich mit glauben, hoffen oder meinen zu begnügen. Kommt dann etwas nicht so, wie sie dachten, sind dann aber auch nur sie selbst für ihre Enttäuschung verantwortlich.

Meinungsvielfalt

Ohne MeinungsFREIHEIT keine Demokratie. Doch je höher die MeinungsVIELFALT, umso komplexer werden die von Menschen geprägten Systeme. Die (Mit-)Verantwortung für die jeweils nötige Balance zwischen seiner persönlichen (Meinungs-)Freiheit sowie der Sicherheit und dem Erfolg aller liegt ebenfalls bei jedem Einzelnen.

Was hilft?

Führungskräfte können die Komplexität ihres Umfelds auf ein reales Maß beschränken, indem sie phantasierte Komplexität durch haltlose Meinungen konsequent unterbinden. Meist reicht das jeweils sorgfältige Prüfen, welche Meinungen zum nachhaltig erfolgreichen Lösen von Problemen und Aufgaben tatsächlich geeignet sind.

Jedem seine Wirklichkeit

Jeder konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Mehr ist vom Konstruktivismus bei den meisten noch nicht angekommen. Ernst von Glasersfeld, Begründer des Radikalen Konstruktivismus, bot damit aber eine Theorie des Wissens, ein rationales Denkmodell für das erfolgreiche Agieren in und Anpassen an Situationen (Agilität).

Jedem seine Einsamkeit

Denkmodelle zu reflektieren, liegt vielen nicht. Viele vermeintliche Fans des Konstruktivismus verteidigen zwar ihre persönliche Wirklichkeit mit Zähnen und Klauen, zeigen aber gleichzeitig Unmut, wenn andere diese nicht bestätigen. Verständlich. Wer nur seine Wirklichkeit hoch hält, fühlt sich bald einmal unverstanden und einsam.

Jedem meine Wirklichkeit

Wer sich stur in seiner eigenen Wirklichkeitskapsel aufhält, ohne sich für jene anderer zu interessieren, entwickelt daher bald einmal das Bedürfnis, für seine Wirklichkeit um Aufmerksamkeit zu ringen. Was andere mitteilen, ist dann unbedeutend. Hauptsache man schickt selbst genug Mails, Postings, usw. hinaus. 

Anonym, Pseudonym, Ungestüm

Weil es anstrengend und oft auch unangenehm ist, für seine persönlichen Meinungen gerade zu stehen, äußert sich der Einsamkeits-Poster vorlieblich anonym, unter einem Pseudonym oder schiebt seine eigene Meinung gleich jemand anderem in die Schuhe. Das dann dafür aber umso hemmungs- und verantwortungsloser.

Ich bin nicht ich

Wer sich hinter Pseudo-Identitäten versteckt, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, präsentiert damit aber vor allem in aller Öffentlichkeit seine Mutlosigkeit, genauer gesagt, seine Feigheit, zu sich selbst zu stehen. So erreicht man am ehesten, nicht ernstgenommen, mit einem Chatbot verwechselt oder total ignoriert zu werden.

Die Verantwortung von Führungskräften

Es liegt in der besonderen Verantwortung von Führungskräften, klarzustellen, dass die bis heute entstandene Internetkultur kein nachahmenswertes Modell für eine gesunde Unternehmenskultur ist, und einen professionellen Umgang mit Ungewissheit, Wissen und Verantwortung  in ihrem Umfeld sicherzustellen.

Für belastbares Wissen und Verstehen sorgen

Nachhaltig erfolgreiche Führungskräfte sind Vorbilder darin, dass niemand alles wissen und korrekt beurteilen kann. Sie fordern das Arbeiten mit verlässlichen Informationen und belastbarem Wissen und sorgen dafür für ausreichend Wissen über Wissen, das Entstehen verlässlicher Erkenntnisse und erfolgreicher Entscheidungen.   

Alternative Fakten

Vielfach herrscht heute das Argument, Fakten aus einem bestimmten Wirklichkeitsausschnitt könnten eben ein anderes Tatsachenbild ergeben wie die Fakten aus einem anderen Ausschnitt. Das nennt man alternative Fakten. Hier wird die Wirklichkeit in Köpfen mit der Realität außerhalb ihrer Haut verwechselt. Gibt es eine solche?

Bronchitis oder Lungenkrebs?

Was, würden Ärzte mit alternativen Fakten arbeiten? Sie fassen dann einfach nach Beliebigkeit bestimmte Symptome und Befunde ins Auge und ignorieren andere. Sie könnten dann auch würfeln, ob ein hustender Patient Bronchitis oder Lungenkrebs hat. Krankheiten nehmen darauf keine Rücksicht, soviel zur Realität.

Was wird davon besser?

Könnte man das Fach der Medizin gleich abschaffen, und Patienten stattdessen quasi Speisekarten mit Diagnosen und Behandlungsformen anbieten, aus denen sie ihre Krankheit und Behandlung selbst wählen können? WAS WIRD DAVON BESSER? Mit dieser Frage lässt sich Sinnvolles klar von Unsinn unterscheiden.  

Was Chefs zu entscheiden haben

Unter Tatsachen/Fakten versteht man nachweisbar Vorhandenes bzw. Geschehenes, oder zumindest durch ausreichend viele Glaubwürdige Bestätigtes. In diesem Sinn kann es nur mehr oder weniger bekannte Fakten geben, was zu unterschiedlichen Vermutungen oder Erkenntnissen führen wird. Führungskräfte müssen in jedem Fall die Tatsachen klarstellen, alternativen Fakten als Denkfehler aufdecken und für ein möglichst vollständiges Lagebild sorgen. Um das Wesentliche vom Ganzen erfassen zu können, zu diesem Zweck sind die Systemwissenschaften entstanden.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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