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Bild: Pixabay 

Für Tatsachen, gegen Fehl- und Falschinformationen

17.04.2017 | 12:00 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 47. Komplexität meistern. Wie man Experten von Blendern und Stümpern unterscheidet. Und Fakten-Tools vom Osterhasen.

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.


Ich bin mehr fürs Klassische. Aber von dieser neuen Modewelle bin ich wahrlich angetan: Es ist (wieder) modern, gegen Fehlinformationen und Fake-News anzutreten. Nicht mehr nur Wissenschaftler aller Welt, auch Trendsetter wie Google und Facebook, Regierungen, Vertreter des Qualitätsjournalismus und Unternehmer wie Dietrich Mateschitz (Red Bull) treten neuerdings für das Abbauen von Fehl- und Falschinformationen ein. Keine Fake-News also mehr und keine alternativen Fakten. Man muss Donald Trump danken. Spätestens durch ihn wurde die von Norbert Wiener beschriebene kybernetische(!) Entropie in seiner fatalen Wirkung weit genug deutlich1. Anders gesagt, der Ordnungsverlust durch fehlende faktengerechte Information. Denn letztlich setzen sich immer die Tatsachen durch, dann aber oft auf unangenehme Weise. Besser also, wenn sie früher zum Durchbruch kommen. Dafür hilft es, Blender und Stümper klar von echten Experten zu unterscheiden.

 

1Fußnote
Spekulationen, ob Trump die kybernetische Entropie (schon) begriffen hat, erspare ich uns. Denn Spekulationen sind der Nährboden für Falschinformationen. Vieles passiert ohne die Absicht von irgendjemanden, trotzdem sieht es oft aus wie sorgfältigst durchdacht. Dahinter steckt die Intelligenz der Natur komplexer Systeme.2

2Fußnote
Fußnoten übrigens haben den Zweck, ergänzende Bemerkungen zu Aussagen zu machen, um auf etwas genauer einzugehen. Vielfach werden auch die Quellen von Zitaten oder weiterführenden Erklärungen angegeben. Echte Experten erkennt man u.a. daran, dass sie sorgfältig zitieren und Fußnoten genau studieren.3

3Fußnote
Nicht-Experten ignorieren Fußnoten (und Kleingedrucktes an sich) gerne geflissentlich: Wozu beachten? Ist ja so klein… Dadurch übersehen sie entscheidende Hinweise zu Aussagen, die diesen eine andere oder weitere Bedeutung geben. Dadurch verstehen sie etwas nicht ganz oder falsch. Dadurch entsteht Fehlinformation.4

4Fußnote
Deshalb helfen gegen Falsch- und Fehlinformationen leider nicht mehr Experten, sondern mehr Leser, Seher und Hörer, die den professionellen Umgang mit Medien und Informationen beherrschen. Das ist übrigens auch das erste, was echte Experten perfekt erlernt haben. Genauso fängt das Expertentum an.5

5Fußnote
Echte Experten haben das Erkennen von Tatsachen über viele Jahre mit hoher Anstrengung gelernt. Durch zuverlässige wissenschaftliche Methoden. Durch Täuschungen, denen sie selbst erlegen sind. Durch Warnungen ihrer Lehrer und früher oder später gemachte Erfahrungen, wie ernst sie zu nehmen sind.6

6Fußnote
Für ihr Adlerauge zum Faktenerkennen haben Experten in der Regel viel Geld hingelegt. Für ihre laufende(!) Allgemein-, Aus- und Weiterbildung, Literatur, Tools, Experimente, Studienreisen, Seminar- und Kongressbesuche und ihren Austausch mit anderen Experten gehen bald einmal sechsstellige Summen auf.7

7Fußnote
Hinzu kommt der Preis für die Zeit, den echte Experten für ihr tägliches Lernen bezahlen – der Verzicht auf so manchen Freizeitgenuss. Experten, die selbstständig tätig sind, lukrieren zudem in der Zeit, in der sie sich weiterbilden, in der Regel kein Einkommen. Sie investieren, während sie nichts verdienen.8

8Fußnote
Echte Experten riskieren solche Investitionen von Zeit und Geld, weil sie weit genug vorausdenken. Sie wissen, dass valides Wissen das wertvollste Kapital ist, das sie gewinnen können, und was sie bald als erstes gewinnen: innere Ruhe. Wer genug weiß, gerät nicht in Dauerstress, schützt sich also vor stressbedingter Verblödung.9

9Fußnote
Das wahre Risiko echter Experten ist also relativ gering. Es macht ihnen wenig aus, eine Zeitlang nichts zu gewinnen, weil sie wissen, dass sie später umso mehr profitieren werden, oder zumindest nichts an irgendwelchen Blödsinn verlieren. Sie agieren nach dem Motto: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.10

10Fußnote

Deshalb haben echte Experten für Fußnoten immer genug Zeit. Mit Norbert Wiener gibt es für komplexe Systeme schließlich keine Antworten, sondern nur Querverweise. Wenn Sie an dieser Stelle noch immer lesen, stehen Ihre Chancen also gar nicht schlecht, ein echter Experte zu werden, sofern Sie nicht ohnehin einer sind.

 

Immunität gegen Stümper und Blender

Jeder ist auf das Wissen und Können anderer angewiesen, weil kein Mensch alles beherrschen kann und sowieso noch nie jemand alles nötige beherrscht hat. Viel wichtiger als verlässliche Indikatoren für das Erkennen von echten Experten ist daher eine gesunde Immunität gegen Stümper und Blender.  

Expertisen wie Hemden wechseln

Blender wechseln ihre Expertisen wie andere die Hemden, sind immer Experten in dem, was gerade gefragt ist. Echte Experten machen nicht mal dies und dann das. Sie widmen ihr ganzes Leben ihrer Spezialisierung. Wer sich noch keine zehn Jahre auf ein komplexeres Thema voll konzentriert hat, gehört noch zu den Anfängern.

Stümper machen es billiger

Stümper machen es billiger als echte Experten. Im Gegensatz zu Blendern wissen sie nicht, was sie nicht wissen. Sie glauben, sich nötiges Wissen aus dem Web holen zu können, investieren für ihre „Expertise“ daher nicht mehr als den Aufwand für Copy&Paste. Sie müssen daher nicht mehr hereinwirtschaften als sie zum Leben brauchen.

Wie viel hat jemand investiert?

Wen immer Sie als Experten im Auge haben, fragen Sie einfach danach, wie viel eigenes Geld er oder sie bis heute in seine/ihre Qualifikation gesteckt hat und woher die Zeit dafür gewonnen werden konnte. Wer keine reichen Förderer hatte, hat wahrscheinlich für seine Entwicklung auf vieles verzichtet.

Von wem hat jemand gelernt?

Echte Experten entstehen in der Regel durch echte Experten. Sie arbeiten in der Regel auch am liebsten mit echten Experten und trennen sich von Nicht-Experten sehr schnell. Forschen Sie nach, von wem tatsächliche oder vermeintliche Experten wie lange gelernt haben und mit wem wie lange gearbeitet.

Nur Kenner erkennen Kenner

Echte Experten erkennen Laien auf den ersten Blick. Aber Laien können echte Experten unmöglich erkennen. Nutzen Sie diesen Umstand. Stellen Sie sich in Fragen, die Sie selbst bestens beherrschen, dümmer als Sie sind, und prüfen Sie, was man Ihnen dazu erklärt. Echte Experten sagen sofort, worin sie sich nicht gut auskennen.

Wird mehr gesagt als gefragt?

Stümper und Blender sind nicht darauf fokussiert, Probleme zu lösen, sondern darauf, momentane Erwartungen zu erfüllen, um ihr Gegenüber bei Stimmung zu halten. Im Gegensatz zu echten Experten fragen sie daher sehr wenig, sagen dafür aber umso mehr. Nämlich meist das, von dem sie vermuten, dass man es hören will.

Kommen die Antworten schnell?

Blender wissen, wie beliebt bei naiven Menschen schnelle Antworten sind. Sie nutzen das weidlich aus, haben auf alles sofort eine eindeutige, einfache Antwort. Fragen Sie dann einfach mal: „Macht es Ihnen gar keine Angst, dass Sie alles sofort sicher wissen?“ Nur die größten Blender haben auch darauf schnell eine Antwort.

Ernten Sie Widerspruch?

Stümper und Blender widersprechen denen, die sie bezahlen, so gut wie nie. Sie geben ihnen immer Recht. Bestenfalls haben sie eine eigene andere Meinung, gestehen aber ihren Auftraggebern deren Meinung als  gleichwertig zu. Sie suchen nicht die Tatsachen und denken nicht daran, dass Meinungen keine Tatsachen sind.

Mutprobe I

Eine Mutprobe, die Blender und Stümper so gut wie nie bestehen, ist, sie zu bitten: „Ach sagen Sie mir doch alles, was ich bisher nicht hören wollte oder nicht verstehen konnte.“ Echte Experten würden Ihnen vor Freude am liebsten um den Hals fallen. Blender und Stümper reagieren hingegen spontan deutlich verlegen.

Mutprobe II

Bevor Sie die Mutprobe I angehen eine wichtige Frage: Wie gut vertragen Sie Kritik? Nur Blender werden alles toll finden, was Sie sagen und tun. Stümper werden nach kurzer Verlegenheit einiges an Ihnen auszusetzen haben. Echte Experten werden wiederholen, was sie bereits früher gesagt, geschrieben, veröffentlicht haben.

Die Anerkennungs-Falle

Blender und Stümper orientieren sich an jeder Anerkennung, die sie bekommen. Echte Experten nehmen nur die Anerkennung gleichwertiger oder höherrangiger Experten ernst. Wenn Laien ihre Aussagen als genial oder dergleichen beurteilen oder loben, befremdet sie das, weil sie wissen, dass diese sie nicht beurteilen können.

Angriff auf die Reputation

Stümper und Blender verbreiten mit großer Leidenschaft Falschinformationen über echte Experten. Sie versprechen sich Vorteile davon, deren Glaubwürdigkeit zu zerstören. Letztlich setzen sich aber immer die Tatsachen durch. Echte Experten sitzen gerne am Fluss und warten, bis die Leichen vorüberschwimmen.

Gehen Sie mit der Mode?

Es ist mit Blendern und Stümpern wie mit Fake-News selbst. Sie verbreiten sich nur dort, wo man sie zulässt und weiterbefördert. Wenn sie genug Schaden angerichtet haben, kommen echte Experten und Fakten wieder in Mode. In diesem Sinne findet kommenden Samstag in über 500 Städten auf der ganzen Welt der March for Science statt – eine Demo für das Arbeiten mit Fakten. Treffpunkt in Wien ist am 22. April 2017 um 13 Uhr der Sigmund-Freud-Park zwischen Votivkirche und Universität Wien. Die Wahrscheinlichkeit, dort Tausende echte Experten gleichzeitig zu treffen, ist ziemlich, ziemlich hoch…

Und nun der Osterhase

Er hat für Sie im Web super einfache Tools zum Fakten finden und verbreiten versteckt – Druckvorlagen für Plakate als kostenlose Downloads mit faktenstarken Slogans ganz nach Geschmack:

 

»Alternative Fakten kannste schon machen - wird dann halt Scheiße.»

»Das Tolle an Fakten – man kann sie nachprüfen«

»Wissenschaft ist keine Meinung«

»Science – it’s realy works«

»Augen auf – Hirn an«

»Wir wollen Wissen«

»Wissenschaft wirkt«

»Science, not Silence«

»Forschen statt Faken«

»Von der Straße in die Köpfe«

»Tellerrand? Da schau ich drüber«

»There is no alternative to facts«

»Für ein Miteinander mit Methode«

 

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

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Sie wird darauf eingehen.

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