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Ida Ahlfont im Garten des schwedischen Kindergartens – vor ein paar Tagen, als es in Wien noch deutlich kühler war.
Ida Ahlfont im Garten des schwedischen Kindergartens – vor ein paar Tagen, als es in Wien noch deutlich kühler war. / Bild: (c) Stanislav Jenis 

„Kinder – das sind ja keine Puppen“

19.03.2017 | 08:00 |  Michael Köttritsch (Die Presse)

Porträt. In Schweden hatte Ida Ahlfont eine steile Bankenkarriere hinter sich. Doch als sie vor 16 Jahren nach Wien kam, sattelte sie um: Heute ist sie begeisterte Kindergartenpädagogin.

Ganz gleich, ob es stürmt oder schneit, der Frühling vorsichtig auf sich aufmerksam macht oder ein heißer Sommermorgen anbricht, der Tag beginnt immer auf die gleiche Weise: Die Kinder des Lönneberga-Kindergartens in Grinzing treffen einander – im Freien. Und mitten unter ihnen ist Kindergartenpädagogin Ida Ahlfont.

Zuerst wird draußen gespielt, erst dann geht es in die hellen Gruppenräume. Das für skandinavische Kindergärten ganz normale „Abhärtungsprogramm“ macht sich bezahlt: Die Kinder sind im Vergleich zu ihren Alterskollegen weniger krank, „denn die Krankheitskeime bleiben draußen“, sagt die 53-jährige gebürtige Schwedin aus Karlstad, die mittlerweile seit 2001 mit ihrer Familie in Wien lebt.

Spielen und im Spiel lernen

Als Kindergartenpädagogin ist Ahlfont durchaus eine Spätberufene. Sie hat International Business Administration studiert – unter anderem auch ein Jahr an der Universität Hamburg, weshalb sie perfekt Deutsch spricht – und für die Skandinaviska Enskilda Banken vor allem im Trade Finance und International Client Service gearbeitet. Das hat ihr durchaus viel Spaß gemacht. Doch nach dem Umzug der Familie nach Wien hat sie gesehen, wie Kindergärten hier funktionieren.

Das war für sie die Motivation, einen Kindergarten nach schwedischem Vorbild zu gründen. Mit viel Bewegungsraum im Freien, in dem Individualität zugelassen wird und in dem die Kinder „spielen, spielen und im Spiel lernen“. Ebenso einen Kindergarten, in dem Kinder an den Entscheidungen teilnehmen und Einfluss auf das pädagogische Konzept haben. Kurz: Viel Konsens und wenig Hierarchie.

Insofern, sagt Ahlfont, gäbe es zwischen Kindergarten und (modernen Managementansätzen in) Unternehmen durchaus viele Parallelen und Gemeinsamkeiten. Da wie dort „müssen wir uns bemühen, dass Kunden zufrieden sind“, sagt sie. Und eben auch die Kinder genauso wie die Mitarbeiter. Als Kindergartenpädagogin lege sie ihre Rolle so an, wie sie es auch von einer guten Führungskraft erwarte: Sie bringt Ideen ein, zieht sich aber dann wieder in die Rolle der Beobachterin zurück und greift nicht in jeden Konflikt ein.

Wissenschaft schadet nicht

Von der Welt „draußen“ wünscht sie sich mehr Verständnis für das, was in den Kindergärten geleistet wird: Es frage niemand, warum wir etwas machen oder eben nicht. Ahlfont sagt: „Viele haben oft keine Ahnung, was da alles passiert.“

Nicht nur deswegen hält sie es für wichtig, die Ausbildung „auf eine höhere Stufe zu heben. Ohne akademische Ausbildung wird der Wert von dem verringert, was in Kindergarten geleistet wird.“ Zumindest in den Augen der Außenstehenden. Als eine im System Stehende sagt sie selbstkritisch: „Etwas wissenschaftliche Grundlage und kritisches Fragestellen würden nicht schaden. Dann müsste man manchmal nicht nur aus der Tasche heraus arbeiten.“ Daher absolvierte auch sie eine entsprechende Ausbildung am Kolleg für Kindergartenpädagogik.
Eine längere Ausbildung bedeute auch, dass Kindergartenpädagogen älter sind, bevor sie in den Beruf einsteigen – und damit auch mehr Lebenserfahrung haben. Dazu bringt Ahlfont ein anschauliches Beispiel: „Man bekommt ja auch in der Bank nicht mit 19 Jahren sofort Verantwortung für 25 Leute.“ Offenbar werde da ein großer Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern gemacht. Und sie legt noch nach: „Die Kinder – das sind ja keine Puppen.“

Die glorreichen sieben

Wie in der Bank hat sie auch in diesem zweisprachigen Kindergarten mit verschiedenen Kulturen zu tun. Wie in der Bank sieht sie auch im Kindergarten, dass extrem große Gruppen das Arbeiten schwieriger machen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beziffert die perfekte Höchstzahl an Kindern für einen Pädagogen mit sieben.

Einen eigenen Kindergarten hat Ahlfont nicht gegründet, weil ihr der Lönneberga als Arbeitgeber gleichsam wie ein Geschenk dazwischengekommen ist – und weil er ganz nach ihrem Geschmack arbeitet.

 

Zur Person

Ida Ahlfont (53) ist Kindergartenpädagogin im bilingualen Kindergarten Lönneberga in Wien. Die aus Karlstad stammende Schwedin hat International Business Administration studiert – darunter ein Jahr an der Universität Hamburg, weshalb sie perfekt Deutsch spricht – und für die Skandinaviska Enskilda Banken vor allem im Trade Finance und International Client Service gearbeitet. Nach dem Umzug nach Wien 2001 wechselte sie das Metier und schloss das Kolleg Bakip8 mit Diplom ab.

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