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Bild: Pixabay 

Schickt die Dadaisten nach Hause

27.02.2017 | 13:37 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 40. Komplexität meistern. Über Babylonische Sprachverwirrung, das beliebteste Spiel im Management. Worte zum Fasching-Montag.

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

„Polizei verhaftet Bankräuber in Clownskostümen.“ Ist ja auch gerade Fasching. Wer aber trug Kostüme? Die Polizei oder die Bankräuber? „Modern wird Kleidung nur, wenn sie lange in feuchten Kellern gelagert wurde.“ Sind jetzt modrige Lumpen angesagt? Oder sollte man Kleidung besser trocken aufbewahren? „Peter Müller traf den Sohn des Vorstands mit dem Gewehr.“ Ist der Sohn nun verletzt, gar tot? Oder ging es nur um eine Begegnung, bei der Söhnchen ein Gewehr bei sich hatte? Zum Höhepunkt des Faschings ein paar Worte über die allergrößte Narretei: die Sprachkultur im Management.

Das erste Merkmal von Professionalität

Jede Fachdisziplin entwickelt ihre eigene Fachsprache zwecks rascher und sicherer Verständigung unter Kollegen und einer problemlosen Übersetzung in Fremdsprachen. Im Management macht man das Gegenteil. Hier kreiert man täglich andere Begriffe, damit man sie nicht leicht und schon gar nicht sofort versteht.

Ist was für Dichter

Es ist ja auch nicht nötig, dass Management eine echte Fachdisziplin ist. Was ist beim Führen schon dabei, wenn jemand etwas falsch versteht? Es geht ja nur um die wirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Existenz von Menschen, Unternehmen und der ganzen Gesellschaft. Sprache, das ist etwas für Dichter, die haben dafür Zeit.

Zu hoch hinaus

Es gab einmal ein gigantisches Bauprojekt. Der höchste aller Türme sollte in den Himmel hinein gebaut werden. Doch der Bauherr dieser Welt wollte da oben seine Ruhe haben. Er wusste das zu verhindern. Mit einer Sintflut hätte er den Bau umstürzen können oder mit einem gewaltigen Sturm. Aber nein, er dachte viel nachhaltiger.

Endgültig niedergemacht

Durch ein Unwetter wäre der Bau zwar zusammengebrochen, doch die größenwahnsinnigen Babylonier hätten ihn wohl wieder aufgebaut. Also verwirrte der Chef des großen Ganzen ihre Sprache und pfuschte ihnen damit so dermaßen ins Management, dass ein Chaos sondergleichen entstand und sich das Volk alsbald verstreute.

Frühwarnung

Aus der Bibel habe ich diese Geschichte, genauer aus dem ältesten Teil, dem Alten Testament. Aber es muss einem nicht zu denken geben, dass man schon damals vor den gigantischen Gefahren sprachlicher Verwirrung warnte, und nicht nur davor, andere zu bestehlen, zu töten oder mit der Frau eines anderen zu schlafen.  

Reizworte

So sucht man auch heute noch, oft stundenlang, in Meetings vergeblich nach geeigneten Worten, um das Wichtige und Besondere eindeutig auf den Punkt zu bringen. Und von einem jeden Wort, das irgendeinem einfällt, wissen gleich ein paar andere, dass es ein Reizwort ist, das leider völlig falsch verstanden werden kann.

Wort-Inflation

Weil man den nahezu unendlichen Kredit der Sprache im Management babylonisch verplempert hat, löst man das hier seit Langem so ähnlich wie die Zentralbanken mit dem Gelddrucken. Immer wieder werden neue inflationäre Begriffe, die immer weniger wert sind, mit immer größeren Schleudern hinausgeworfen.

Management vom Management

Nun haben wir darüber hinaus noch einen Sonderfall vorliegen, nämlich das Management vom Management. In der Branche der Coaches, Trainer und Berater sind Worte nicht nur Worte. Hier sind sie das Produkt selbst. Hier werden sie angeboten. Und vertrieben. Sie kommen und sie verschwinden wieder.  

Totaler Individualismus

Es gab einmal eine Künstlerbewegung, die Dadaisten. Sie waren für die totale Zerstörung von allem, was mit gefestigten kulturellen Formen und sozialen Normen zu tun hatte. Sie wollten mit ihrem Dadaismus den totalen Individualismus und die absolute Vernichtung jeder Ordnung, und dafür war ihnen jedes Mittel recht.  

Selbstzerstörung

Nun entstand aber auch im Dadaismus ab und zu unabsichtlich sinnvolle Ordnung, auf eigendynamischem Weg. Um diese vollkommene Anti-Kunst aufrechtzuerhalten, die weder definier- noch klassifizierbar sein durfte, musste auch eine solche sich selbstorganisierende dadaistische Ordnung sofort radikal vernichtet werden.

Ich sage besser

In der Kunst hielt und hält sich der Dadaismus nur in kleinen Nischen. Weit verbreitet hat er sich jedoch im Management. Kaum beginnen sich hier gute Konzepte auch nur ansatzweise zu etablieren, dreschen sie andere mit neuen Phrasen zusammen. Hier allerdings nicht um der Kunst, sondern um des Konkurrenzkampfes willen.

Nichts dahinter

Worte haben, wie schon vergangenee Woche hier angesprochen, keinen Inhalt. Sie sind quasi nur das Geschenkpapier, in das man Botschaften verpackt. Wer wird denn altes braunes Packpapier nehmen, das jeder kennt, wenn er nichts zu sagen hat? Da sind doch schillernde und schimmernde bunte Folien viel besser…

Macht

Sprache ist eines der mächtigsten Instrumente des Menschen. Deshalb muss man über sie nicht einmal so viel wissen, wie ein Grundwehrdiener über sein Gewehr. Hauptsache, man hat die Klappe offen. Hauptsache, man führt das Wort. Warum sollte man den Fähnrich abgeben, wenn man sich auch wie ein General gebärden kann?

Dankbar für gute Worte

Wo babylonische Sprachverwirrung herrscht, hilft zwar alles Reden nichts mehr und schon gar nicht irgendwas zu schreiben. Doch deshalb sollte man sich keine Sorgen machen. Die Menschen sind so dankbar für ein paar gute Worte. Sie mit gut klingenden Phrasen ganz lieb einzulullen, lohnt sich besonders bei unerfahrenen Chefs.

Ist halt komplex

Selbstverständlich gehört die Sprache zu den komplexesten Phänomenen, die wir kennen. Unfassbar, was man allein schon mit den 29 Buchstaben der deutschen Sprache alles machen kann. Selbstverständlich bedeutet das, dass man daher auch alles machen soll, was geht. Für die Logik haben wir schließlich intelligente Roboter.

Steuern und Regulieren

Sprache steuert und reguliert das Denken. Ihre Worte sind wie die  Tasten einer Klaviatur für die Phantasie. Sie aktivieren unterschiedlichste Neuronennetze in Gehirnen, und damit die unterschiedlichsten Vorstellungen und Ideen. Sofern sich Gehirne, weil sie mit so viel Unsinn konfrontiert werden, überhaupt noch aktivieren lassen...

Gehirnwäsche

Worte sind Manipulationen des Gehirns, jenes Organs, das die Menschen erst zu Menschen macht. Sie mit sinnlosem Humbug zum Affen zu machen, ist ziemlich gut für ’s Entertainment. Wo täglich fünf neue Wortkreationen ins Spiel kommen, steht immer irgendwer blöd da. Worauf sonst könnte man sich verlassen?

Schwer zu bekommen

Es ist mit der Sprache eine wundersame Sache. Das wahrlich wertvolle Geistige stellt die Organisation des Universums unter einen besonderen Schutz, indem es nur durch Sprache veräußert und erworben werden kann. Es lässt sich nicht hören und nicht lesen. Es lässt sich nur erlernen, deshalb spricht man vom Wissens-Erwerb.  

Die Sache mit Pfingsten

Ich weiß, es gibt in der Bibel auch eine jüngere Geschichte aus dem Neuen Testament. Da ließ sich der Heilige Geist über die Köpfe von ein paar Typen nieder, die einander auch nie richtig verstanden hatten und ließ sie plötzlich alle wie mit einer Zunge sprechen. Das war so schön, dass man es noch heute Jahr für Jahr feiert.

Zur Beruhigung

Heute feiert man Pfingsten allerdings weniger wegen des heiligen Geistes. Viel mehr zählen die 24 Stunden, in denen nicht gearbeitet wird. Dadurch verbreitet sich für kurze Zeit weniger babylonische Sprachverwirrung. Dadurch werden in der Wirtschaft und Gesellschaft weniger kontraproduktive Eigendynamiken ausgelöst.

Ganz lustig

24 Stunden Pause reichen. Dann wieder daherreden wie es einem kommt. Irgendetwas über Dinge erklären, die man nicht ansatzweise verstanden hat. Einfach behaupten, wichtige Leute gut zu kennen, obwohl man nicht einmal zufällig in einer Fußgängerzone an ihnen vorbeigegangen ist. Einfach so tun als wäre immer Fasching. Einfach ein Narr sein. Narren hat man schon immer gerne bezahlt, weil das Management ein Trauerspiel ist…

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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