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Bild: Pixabay 

Losgelöst von allen Hierarchien

20.02.2017 | 07:00 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Studie. Das Vorwort verspricht „das Knistern des aufregend Neuen“. Trendforscher Franz Kühmayer bemüht sich in seinem Leadershipreport redlich, Lust auf all das zu machen, was Führungskräften Angst einjagt.

Welch wunderbarer Satz: „Der Wandel zur Postwachstumsökonomie stellt die Steigerungslogik grundlegend infrage – und schafft damit mehr Platz für Pioniergeist.“ So eloquent stimmt uns der neue Leadershipreport von Strategieberater und Trendforscher Franz Kühmayer auf die drei großen Führungsthemen der Gegenwart ein:

Liebe die Komplexität. Mehr Variablen, als man überschauen kann, unvorhersehbare wechselseitige Abhängigkeiten: Zum Problem werde Komplexität aber nur dann, sagt Kühmayer, wenn sie als Überforderung interpretiert werde. Dabei sei sie doch ein Quell stetiger Innovation. Die Führungskraft könne zwar ihre Umwelt nicht mehr beherrschen, im Sinne Viktor Frankls aber die eigenen Reaktionsmuster. Sie müsse sich nur nach stressigen Phasen von Kommunikation und Austausch auch Phasen der Abschottung gönnen, temporäre Agendalosigkeit statt permanentem Alarmismus. Planspiele hätten gezeigt, dass Manager seltener wegen Fehlentscheidungen scheiterten, sondern wegen Kulturfehlern: Erfolg, der blind mache, Gruppendenken, das Konformität vor ungewöhnliche Lösungen stelle, und Hybris. Gefährlich in Zeiten von Komplexität sei, eng gesteckte Kurse zu verfolgen und Mitarbeiter mit dem Dokumentieren von Abweichungen aufzuhalten. Die Lösungen haben wir alle schon gehört: Kooperation statt Entscheidung von oben, Verantwortung delegieren und Werkzeuge der Ermächtigung geben.

Agil statt „Hola-crazy“. Hochgelobte neue Organisationsmodelle wie Holacracy und Scrum brächten nur Chaos über das Unternehmen, meint Kühmayer. Für ihn ist die Beschäftigung damit nur Ausrede, um nicht über schlechte Führung nachdenken zu müssen. Damit beschäftige sich, wenn überhaupt, nur die institutionelle Ebene. Doch dieser gehe es vordringlich um Selbsterhaltung, was Innovation und Fortschritt automatisch ausschließe. Wahre Agilität (erkennbar am unmittelbaren Reagieren auf Veränderungen, an größtmöglicher Kundenorientierung, kurzen Planungsphasen mit schnellen Ergebnissen, hoher Transparenz nach innen sowie hoher Eigenverantwortlichkeit) bedeute, Hierarchien ein für alle Mal loszulassen.
Was nicht heiße, dass flache Organisationen keine Führung benötigten. Gute Führungskräfte erkenne man daran, dass sie sich um Entscheidungsprozesse kümmern und sie zulassen (Kompetenz), dass sie persönliche Integrität beweisen (Charakter) und die Unternehmenskultur prägen (Kultur). Agilität bedeute auch eine nie endende Lernphase, meint Kühmayer: „Wer Sicherheit und Klarheit sucht, meint nicht selten Routine.“

Flüchtlinge sind nicht das Problem, sondern die Lösung. Kühmayers Zielbild ist kein friedliches Nebeneinander, sondern ein produktives Miteinander. Finden Flüchtlinge keine Arbeit, stürze sie das in persönliche Not und sei eng mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Isolation verbunden. Arbeit sei der Schlüssel für Integration, belegt der Trendforscher anhand zahlreicher (leider nur deutscher) Projekte von BMW bis Siemens. Solche Projekte kosten Geld und würden regelmäßig durch Qualifikationsmankos, rechtliche und organisatorische Hürden zurückgeworfen. Nicht so schlimm, kalmiert Kühmayer: „Die Früchte der Zuwanderung reifen nur langsam und bedürfen zumindest am Anfang eifriger Pflege.“

 

Auf einen Blick

Im jährlich erscheinenden Leadership-report des Zukunftsinstituts definiert New-Work-Experte Franz Kühmayer drei Trends, die Führungskräfte beunruhigen: zum Ersten zunehmende Komplexität, die er mit Phasen des Rückzugs aus-gleichen will. Zum Zweiten das Scheitern vielgepriesener Organisationsmodelle wie Holacracy und Scrum, an deren Stelle er Agilität setzt; zum Dritten das aktive Integrieren von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, allen Hürden zum Trotz.

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