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Bild: Pixabay 

Wie uns Kinder das Führen lehren

13.02.2017 | 16:46 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 38. Komplexität meistern. Das wahre Problem ist nicht die Komplexität, sondern ihre Eigendynamik…

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Noch nie zuvor kam es so sehr darauf an, nichts für selbstverständlich zu halten. Denn fast alles beim Gelingen und Misslingen läuft eigendynamisch ab. Man kann es nur unter bestimmten Voraussetzungen mit ganz bestimmten Strategien erfolgreich beeinflussen. Wie, fand man in den Systemwissenschaften heraus. Das unterscheidet sie von trivialen Rezepten, bei denen es um die Reduktion von Komplexität geht. Würde man Kindern die Hände hinter dem Rücken fesseln, damit sie nicht auf eine heiße Herdplatte greifen können? Kinder zeigen am deutlichsten: Das wahre Problem ist nicht die Komplexität eines Systems, d.h. seine unfassbar vielfältigen Verhaltensmöglichkeiten, sondern seine Eigendynamik.

Es läuft nicht immer nach Plan

Ein Kind entsteht oft ohne Absicht. Oft entsteht aber auch keines, obwohl man mit voller Absicht immer wieder versucht, eines zu zeugen. Ab und zu entsteht ein Kind trotz Verhütung. Oft kommt ein Kind auch zum ungünstigsten Zeitpunkt, oft in unglücklichste Konstellationen. Oft ist ein Kind das größte Glück.

Selbstorganisation der Natur

Das Verschmelzen einer Eizelle mit einem Spermium kann man nur provozieren, mit Sex oder mithilfe der Reproduktionsmedizin, aber es gelingt nicht immer. Die Verschmelzung passiert einfach oder eben nicht. Aber es ist alles andere als einfach, wie es passiert. Es ist ein eigendynamischer Prozess der Natur.

Unvorhersehbarkeit

Der Mensch kann nur einen Input setzen, um ein Baby zu zeugen. Auf den Output hat er keinen Einfluss. Welches Baby entsteht, entscheidet eine Black Box namens Schwangerschaft. Sie ist auch für Schwangere undurchschaubar und kann selbst mit wissenschaftlichen Methoden nur unvollständig eruiert werden.

Es geschieht durch das Kleinste

Babys entstehen durch winzigste Impulse. Nur die gröbsten kann man mit starken Mikroskopen sehen. Um die feineren zu verstehen, wird weltweit mit viel Wissen und gigantischem Aufwand geforscht. Trotzdem wird man, wenn überhaupt, noch lange nicht alles erkennen. Das Ungewisse liegt in der Natur der Sache.

Glück und Unglück

Wie Babys auf die Welt kommen, ist weder lustig noch einfach. Man muss froh und dankbar sein, wenn die Natur in der Black Box so gute Arbeit geleistet hat, dass sie weder zu früh noch zu spät und gesund zur Welt kommen. Es ist ein großes Unglück, wenn es nicht so ist, und das kommt leider immer wieder vor.

Unsicherheit

Nichts ist für liebende Eltern schlimmer, als ihr Kind unglücklich zu sehen. Das größte Drama wäre, es zu verlieren. Es geht daher vorrangig darum, das Passende für die Gesundheit und Zufriedenheit des Kindes zu erkennen und zu tun. Dafür gibt es kein Schema. Jedes Kind ist individuell, braucht etwas anderes.

Nicht-Wissbarkeit

Je mehr Wissen man sich über Kinder aneignet, umso klarer wird, was mit Kindern alles sein könnte. Klar wird allerdings oft nicht, was mit dem eigenen Kind der Fall ist. Oft meinen andere, dies besser als man selbst zu wissen. Das eigene Gefühl steht oft im Konflikt mit der eigenen Vernunft oder der anderer Leute.

Eigenwilligkeit

Bei allem, was bemühte Eltern und Ratgeber meinen und versuchen: In Kindern steckt eine übermächtige Eigenwilligkeit, sich einfach so zu verhalten und entwickeln, wie sie sich verhalten und entwickeln. Oft nicht so, wie man es sich wünscht. Oft auch nicht so, wie es sich die Kinder selbst für sich gewünscht haben.

Stetiger Wandel

Kaum glaubt man, sein Kind endlich gut genug verstehen gelernt zu haben, ist schon wieder alles anders. In manchen Phasen muss man es alle paar Tage aufs Neue erforschen, studieren und kennenlernen, weil es sich so rasant entwickelt. Und kaum hat man es begriffen, ist schon wieder alles ganz anders.

Orientierungslosigkeit

Ist ein Kind dann in der Pubertät, steht man plötzlich vor einem völlig fremden Wesen. Manchmal könnte man ins Zweifeln kommen, ob es tatsächlich das eigene Kind sein kann. Auch das Kind selbst ist sich fremd geworden. Keiner versteht mehr die Welt. Man ist orientierungslos, weil nichts mehr so läuft wie gewohnt.

Abhängigkeit und Abkoppelung

Mit der Pubertät wird in den Kindern das genetische Programm wach, sich fortpflanzen zu wollen. Mamas und Papas haben nun in der Öffentlichkeit weit genug Abstand von ihnen zu halten. Angeblich, weil sie so peinlich sind. Eigentlich, weil so getan werden soll, als würden die Kids schon ohne Eltern klarkommen.

Fremdbestimmung

Sobald man ein Kind hat und es nicht vernachlässigen will, ist es also mit der totalen Selbstbestimmung vorbei. Das Kind erzieht die Eltern, und die Eltern erziehen hoffentlich auch das Kind. Es geht also um wechselseitiges Führen, das Aushandeln konstruktiver Kooperation mit klaren Zielen, was oft misslingt.

Durchhalten

Es gibt mit der Liebe eine große eigendynamische Kraft, mit der man als Mama oder Papa lange genug durchhält. Die, die man für seine Kinder empfindet und die, die von ihnen kommt. Was kann man tun, um sie am Laufen zu halten? Das ist die große Frage um-, weit-, ein- und auch nachsichtiger Führung.

Sorgen

Wo wahre Liebe hinfällt, beginnen bekanntlich die Sorgen. Nicht nur die, dass dem Kind etwas zustoßen, sondern auch die, dass man selbst etwas falsch oder das Kind große Fehler machen könnte. Es heißt nicht von ungefähr: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen. Große Kinder sind viel komplexer.

Aufmerksamkeitssteuerung

Welche Funktion hat eigentlich die Liebe, könnte man fragen. Ich glaube, mit der Liebe steuert die Natur die Aufmerksamkeit automatisch auf das, was einem am meisten bedeutet. Für die einen sind es die Kinder, für die anderen ihre Partner, für andere ihr Besitz, ihr Beruf, ihre Karriere, Bildung, Weinsammlung, usw.

Zielkonflikte

Für die oder das, was man liebt, wendet man bekanntlich am liebsten die meiste Zeit auf. Doch die Sorge für das Geliebte und seine Pflege fordern viel Zeit für ganz andere Dinge. Anstatt etwa viel zärtliche Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, muss man zum Beispiel arbeiten, um ihnen das Nötige bieten zu können.

Das Wunderbare

In vielen Fällen oder Phasen ist es mit Kindern aber gar nicht schwierig, sondern ganz im Gegenteil wunderbar leicht und schön, das Großartigste, das Tollste, was einem im Leben widerfahren kann. Auch dafür sind die Eigendynamiken verantwortlich, die hinter allem im Leben stecken.

Das Größere und Mächtigere

Ob Eigendynamiken in Sachen Kinder mehr Glück oder Frustration mit sich bringen, hängt zudem nicht nur von den Kindern und ihren Eltern ab, sondern massiv auch von all den Systemen, in die sie eingebettet sind. Ihre natürliche, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umgebung hat weit mehr Macht als sie selbst.

Eigendynamiken gestalten

Um große Enttäuschungen durch Eigendynamiken zu vermeiden, hat man daher die Systemwissenschaften entwickelt. Sie zeigen auf, woher Eigendynamiken kommen, wie sie sich unter welchen Umständen entwickeln können und wie man das Verhalten in komplexen Systemen so organisieren kann, dass destruktive Eigendynamiken unterdrückt und konstruktive nachhaltig wirksam werden können. Nichts für selbst verständlich zu halten, neugierig zu sein auf das, was hinter allem Geschehen steckt, darüber zu staunen und es kreativ zu nutzen, wäre ein guter Anfang.  

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

1 Kommentare
Marilaa
15.02.2017 15:41
0 0

Management beginnt im Kopf

Management beginnt im Kopf – und nicht nur im Berufsleben. Denn auch im privaten Bereich müssen wir alles so managen, dass alles seine Ordnung hat, so dass wir uns wohlfühlen. Aber auch im Beruf ist eine gewisse Verantwortung von großer Bedeutung. Schließlich sind Manager in allen möglichen Branchen und Unternehmensgrößen aktiv (vgl. http://www.manager.career/ ).
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