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Bild: Pixabay 

Von Spezialisten und Allroundern

22.02.2017 | 14:09 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Berufseinstieg Wirtschaftstreuhänder. Die "Big Four" sind der Ferrari für angehende Wirtschaftstreuhänder. Es geht aber auch anders.

An Steuerberatung dachte Theresa Koch (24) gar nicht. An der WU marschierte sie noch fröhlich in Richtung Finanz. So richtig glücklich war sie nicht damit. Vielleicht doch Steuerberatung? Am besten, dachte sie, finde ich das über ein Praktikum bei einer der "Big Four"-Wirtschaftstreuhandkanzleien (das sind Deloitte, EY, KMPG und PwC) heraus. Auf ihrem Bildschirm poppte die Deloitte Tax Academy auf. Zehn bis 20 Wochenstunden, mit 1800Euro auf Vollzeitbasis geradezu fürstlich entlohnt... Worauf wartete sie noch?

Koch machte etwas sehr Richtiges: In ihrer Bewerbung gab sie offen zu, von Steuern noch wenig Ahnung zu haben. Sie wollte ja herausfinden, ob das ihr Weg sei. Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten: "Hier ist ein Online-Link, stand im Mail, nehmen Sie doch bitte ein Video auf, in dem Sie uns ein paar Fragen beantworten." Die Studentin nahm die Aufgabe sehr ernst. Mietete einen Raum mit neutralem Hintergrund, "damit nicht womöglich jemand durchs Bild hüpft". Sprach kluge Antworten in die Kamera. Die größte Schwierigkeit, sagt sie, war "freundlich dreinzuschauen, wenn man keiner realen Person gegenübersitzt".

Um es kurz zu machen: Sie bekam die Stelle. Denn nicht die einschlägige Vorbildung zählte, sondern die vielen Kompetenzen, die sie nebenbei erworben hatte: Pfadfinder, Klassensprecher, Vereine all das weist auf Leadership hin.


Akos Burg Theresa Koch: Bei den "Big Four" wird aufwendig selektiert.

Akos Burg Theresa Koch: Bei den "Big Four" wird aufwendig selektiert.

 

Zugeben, was man noch nicht weiß. Kurz vor Dienstantritt wurde unsere Tax-Elevin gefragt, ob sie wisse, was Transfer Pricing sei. "Keine Ahnung", antwortete sie wahrheitsgetreu. "Schauen Sie sich das doch bitte im Web an" lautete die Aufforderung. Nicht ohne Grund: Genau dieser Abteilung wurde sie zugeteilt. "Nie hätte ich mich dafür beworben", sagt Koch, "ich wusste ja gar nichts von ihrer Existenz. Doch es passte vom ersten Tag an: spannende Arbeit, nette Kollegen, viel Weiterbildung." Mit jedem Tag wächst sie tiefer in Transfer Pricing hinein.

Das führt uns zu einem wichtigen Tipp: Berufseinsteiger können nicht wissen, was es da draußen alles gibt. Deshalb ist es so wichtig, offen für Ungeplantes zu sein.
Kochs Karriere liegt klar vor ihr: Sie will sich weiter spezialisieren, die Steuerberaterprüfung ablegen, Senior werden. Und dann schaut sie weiter.

Keine Frage, eine Visitenkarte mit "Big Four"-Logo vorzuzeigen ist wie einen Ferrari zu fahren. Doch was spricht gegen einen Audi, gegen die breiten Möglichkeiten der nächsten Klasse?

Size doesn t matter. Die junge Ungarin Zsofia Földi (27) ging diesen Weg. Nach Wien war sie des Studiums wegen gekommen, ohne Anschluss, ohne Netzwerk. An der WU spezialisierte sie sich auf Accounting and Finance. Sie hatte noch keine Praktika, als sie bei einer Podiumsdiskussion mit der Personalistin von LeitnerLeitner (450 Österreich-Mitarbeiter, im Vergleich zu 1200 bei Deloitte) in Kontakt kam. Man plauderte. Ob sie an einer Teilzeitstelle interessiert sei?

Natürlich war sie interessiert. Beim Interview war die Personalistin gar nicht mehr dabei. Keine Spur von formellem Aufnahmeprocedere: Földi plauderte bloß locker mit ihrer heutigen Führungskraft.

 Akos Burg Zsofia Földi: "Beim Interview war die Personalistin gar nicht mehr dabei."

Akos Burg Zsofia Földi: "Beim Interview war die Personalistin gar nicht mehr dabei."


Heute durchläuft sie anders als in einer Großkanzlei alle Bereiche. Sie arbeitet bei Jahresabschlüssen mit, erledigt Compliance-Tätigkeiten, wird Kunden vorgestellt, bekommt Projekte und immer spannendere Aufgaben. Musste sie für eine Prüfung lernen, holte sie die Stunden später nach. Im Mai 2015 beendete sie ihr Masterstudium, seither arbeitet sie ganztags. "Das ist toll", sagt sie, "jetzt bin ich nicht mehr nur in Projekten, sondern bekomme das Big Picture."

Auch daraus lässt sich etwas lernen: Spezialisieren ist gut, oft aber erst in späteren Jahren. Am Anfang der Karriere kann es besser sein, den Überblick zu bekommen und das große Ganze zu verstehen. Und das klappt nun einmal besser in einer überschaubaren Kanzlei. Sorry, Ferraris!

 

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