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Sind Sie schon „Neuro“? Vom Sinn und Unsinn einer Managementmode.

02.02.2017 | 07:00 |  Michael Hirt (DiePresse.com)

Kolumne "Hirt on Management". Folge 39. Vom Sinn und Unsinn eines neuen Modebegriffs in der Führung.

In unserer Rubrik "Hirt on Management" beantwortet Michael Hirt, Managementexperte und -berater, Executive Coach und Keynote Speaker, alle zwei Wochen Fragen von Managern zu herausfordernden Situationen und kritischen Entscheidungen.

Frage:

In letzter Zeit hört man öfters von Neuroleadership. Was halten Sie davon?

Michael Hirt antwortet:

Unter Neuroleadership versteht man den Versuch von Beratern und Hirnforschern, aus den Erkenntnissen der Hirnforschung einen umfassenden Führungsansatz für Manager abzuleiten.

Aus meiner Sicht sind die Grundlagen des Neuroleadership ein Sammelsurium von unbewiesenen Thesen, teilweise bereits seit über 100 Jahren bekannten "neuen Erkenntnissen", Binsenweisheiten und Selbstverständlichkeiten, die bereits seit Jahrzehnten Best-Practice sind.

Weiters widersprechen sich die verschiedenen "wissenschaftlichen" Ansätze des Neuroleadership und tragen damit mehr zur Verwirrung, als zur Klärung bei.

Es bleibt daher beim Versuch und ich kann Managern nur empfehlen, sich bei ihrer Arbeit an erfolgreichen Managern und Experten zu orientieren, die bewiesen haben, dass sie systematisch und konsistent Spitzenergebnisse in der realen Welt liefern.

Weiters ist bei wissenschaftlichen Ergebnissen grundsätzlich ein gesundes Maß an Skepsis empfohlen.

Wenn man die Geschichte der Wissenschaft betrachtet, dann kann man feststellen, dass diese auch eine Geschichte von Fehleinschätzungen und Irrtümern ist.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse führen meistens dazu, dass vorher als wissenschaftlich abgesichert angenommene Erkenntnisse, als falsch abgetan werden müssen. Der Wissenschaftsphilosoph Sir Karl Popper hat die zentrale Bedeutung dieses Prozesses der Falsifizierung aufgezeigt.

Damit will ich nicht sagen, dass die Wissenschaft uns keine wertvollen Hilfestellungen bei der erfolgreichen Bewältigung unseres Lebens leisten kann.

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse die, wie zum Beispiel Impfungen, empirisch nachweisbar, Millionen Menschen das Leben gerettet haben. Ich will hier nicht Obskurantismus und irrationale Fortschrittsfeindlichkeit propagieren.

Aber es ist eben auch wissenschaftlich, den Erkenntnissen der Wissenschaft mit einer gesunden Portion Skepsis und Vorsicht zu begegnen.

Wissenschaft ist eben nicht Religion, an die man einfach glauben muss und die nicht falsifiziert werden kann, sondern es liegt im Kern der wissenschaftlichen Methode, auch bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder infrage zu stellen und eben früher oder später in vielen Fällen auch zu falsifizieren.

Hinzukommt, dass bei der wissenschaftlichen Arbeit auch noch "echte" Fehler passieren können, wie letztes Jahr interessanterweise für die Hirnforschung (!), von einer schwedischen Studie aufgezeigt wurde.

Ein Team um Anders Eklund von der Universität Linköping hat nämlich aufgezeigt, dass die weltweit von Wissenschaftlern meist verwendete Software zur Auswertung von Magnetresonanztomographen fehlerhaft ist und damit möglicherweise rund 40.000 Studien der Hirnforschung der letzten Jahrzehnte entkräftet werden.

Wir sollten daher Ergebnisse der Wissenschaft weder kritiklos akzeptieren und einfach stur befolgen, noch in Bausch und Bogen verwerfen.

Es bleibt uns nicht erspart unser eigenes Gehirn und Urteilsvermögen einzuschalten und die Ergebnisse der Wissenschaft immer auch am gesunden Menschenverstand, der allgemeinen Lebenserfahrung und der Empirie zu messen.

Das Wichtigste in Kürze

Lassen Sie sich von Modeerscheinungen wie z.B. Neuroleadership nicht hinters Licht führen. Was in der Praxis funktioniert und zu messbaren Ergebnissen führt, sollten wir übernehmen, und das andere verwerfen. Wenn wir eine Methode entdecken, die zu einem noch besseren Ergebnis in der Praxis führt, sollten wir diese sofort übernehmen und mit der alten, weniger wirksamen Methode aufhören.

 

Schicken Sie Ihre Fragen an Michael Hirt an: karrierenews@diepresse.com

Die Fragen werden anonymisiert beantwortet.

Ausblick: Die nächste Kolumne von Michael Hirt erscheint am 16. Februar 2017 zur Frage: Coaching als Managementtechnik?

Hier finden Sie die gesammelten Kolumnen.

 

Dr. Michael Hirt, geboren 1965 in Wien, ist Managementexperte und -berater, Executive Coach, Keynote Speaker und Buchautor. Hirt verhilft Führungskräften zu schnellen Leistungs- und Ergebnissteigerungen, mit hoher Auswirkung auf den Erfolg ihres Unternehmens. Er studierte in Österreich, Kanada (McGill) und Frankreich (INSEAD MBA) und ist weltweit tätig.

 

1 Kommentare
GehmirausderSonne
02.02.2017 17:00
0 0

Wie wahr!

Danke für diesen Artikel, noch dazu aus der Feder eines Beraters. Es ist nachgerade erstaunlich, wie viele Führungskräfte die diversen Managementmoden nachbeten. Wobei die Halbwertszeiten gerade bis zur nächsten "wissenschaftlichen" Mode reichen.
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