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Bild: Katharina Schiffl 

Ein Plädoyer für die schlechte Laune

23.01.2017 | 07:00 |  Michael Köttritsch (Die Presse)

Arbeitsalltag. In seinem Buch „Unter Affen“ beschreibt Verhaltensbiologe Gregor Fauma, warum das Büro eine Art „Freigehege“ ist – und warum wir aus alten Mustern kaum ausbrechen können.

Schlechte Nachrichten für alle Chief-Happiness-Officer und Feel-good-Manager: In den Büros permanent gute Laune zu haben ist offenbar gar nicht so positiv wie gedacht.
Was passiert, wenn wir beispielsweise eine Rechnung lesen müssen? Wir ziehen die Augenbrauen zusammen, sind konzentriert und vielleicht auch ärgerlich.
Wer übel gelaunt ist, macht weniger Fehler, fand der Australier Joseph Paul Forgas, von der School of Psychology der Universität Sydney, heraus. Schlechtgelaunte sind konzentrierter bei der Arbeit, kritischer in der Bewertung und konziser im Denken als jene, die gut gelaunt sind. „Das lässt sich als Plädoyer für die schlechte Laune lesen“, fasst der Verhaltensbiologe Gregor Fauma zusammen: „Das Gedächtnis funktioniert besser, und auch die analytischen Fähigkeiten sind geschärft.“

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Fauma, der an den Universitäten Wien und Krems lehrt und auch als Coach tätig ist, hat dieses Phänomen in sein jüngstes Buch, „Unter Affen“, aufgenommen. Ähnliches gelte für Change-Prozesse, sagt er: „Schlechtgelaunte denken über Veränderungen wesentlich breiter nach und ziehen mehr Aspekte in die Überlegungen ein.“
Schlechtgelaunte sind, so paradox das klingen mag, auch sensitiver, was Fairness betrifft. Etwa, wenn jemandem während einer Besprechung das Wort abgeschnitten wird, nennt Fauma als Beispiel. Negative Affekte erhöhten die Sorge um andere, folgerte Forgas und zeigte, dass kurzzeitige Übellaunigkeit Menschen zu mehr Umsicht und Höflichkeit verleitet.
„In welcher Laune soll man ein Angebot, das einem gestellt wurde, lesen?“, fragt Fauma daher. „Und in welchem Gemütszustand analysiert man optimal einen Vertragsentwurf der Gegenseite?“ Die Antwort dürfte jetzt klar sein.

Status, Macht, Unterwerfung

Auch wenn wir glauben, wir könnten uns als selbstbestimmte Individuen frei entscheiden, verfallen wir doch immer wieder in Muster. Viele dieser täglichen Verhaltensmuster sind von der Evolution bestimmt – und zeigen sich heute im Büro. Fauma hat das „Freigehege“ Arbeitsplatz in seinem Buch auf diese Muster hin untersucht, gibt erstaunliche Einblicke und belegt die provokante These, warum wir nach wie vor „unter Affen“ sind.
Wie einst in der Savanne kämpften wir noch immer um Status, gehe es immer noch um Macht und Unterwerfung. „Wir kooperieren und knüpfen Allianzen, flirten mit Kollegen und sind zum Portier freundlich. Denn er ist keine Gefahr für uns – und wer weiß, wofür wir ihn noch brauchen.“
Fauma bringt viele anschauliche Beispiele, darunter das Handicap-Prinzip. Die israelischen Biologen Amotz und Avishag Zahavi haben bei Tieren beobachtet, dass ein Handicap Stärke demonstrieren kann. Das gilt auch für Menschen: Wer trotz des Handicaps im Wettbewerb überlegen ist, kann es sich leisten, dieses Handicap offen zu zeigen. Das erkläre, sagt Fauma, warum Unternehmen viele Ressourcen in den Außenauftritt stecken, Kunden in teure Restaurants einladen, und auch, warum sichtbares Vergeuden ein Privileg der Privilegierten ist.
Aber auch, warum Topmanager mit dem Fahrrad ins Büro fahren, während untere Chargen mit ihren Autos protzen müssen. Sie haben Protz nicht mehr nötig.

Bitte nicht dauergranteln

Zurück zur Übellaunigkeit: Unternehmer sollten jetzt nicht auf die Idee verfallen, Chief-Spleen-Officer und Feel-bad-Manager zu engagieren. Denn das eingangs beschriebene Phänomen ergebe sich nur, wenn die schlechte Laune eine Angelegenheit für zwei, drei Stunden ist. „Bei dauerhafter Übellaunigkeit gehen die positiven Aspekte verloren“, sagt Fauma.

 

 

1 Kommentare
sonnenstrahl
23.01.2017 18:54
0 0

Übellaunigkeit war gestern!

Mit Achtsamkeit und Bewusstheit lässt sich ebenso geistige Wachheit herstellen. Wir befinden uns im Wandel der Zeitalter, vom alten Zeitalter, in dem der analytische Verstand, Konkurrenz und Gier vorherrschte. Wie weit wir gekommen sind, ist klar, nämlich genau bis hierher. Aber jetzt geht es eben so nicht mehr weiter. Also hilft Reslienz (Optimismus, Akzeptanz, Selbstwirksamkeit, Selbstverantwortung, Lösungs- Netzwerk- und Zukunftsorientierung) in eine neuen Art des Miteinanders weit mehr als kurzfristige Übellaunigkeit. Es geht heute auch nicht mehr um eine Verhaltensänderung, sondern um eine nachhaltige Änderung der inneren Haltung. Und die beginnt mit einer achtsamen Innenschau.

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