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Bild: Pixabay 

Die schwierigsten Führungsfragen

16.01.2017 | 10:40 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 34. Komplexität meistern. Wie Menschenführung in einer komplexen Welt viel leichter wird.

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Alle reden von Komplexität. Aber hat sie jemals jemand gesehen, gehört, gerochen, getastet, geschmeckt? Komplexes entzieht sich den Sinnen. Man kann es sich nur vorstellen, denken und sich leicht täuschen. Komplexes ist intransparent und unterliegt hoher Wandlung. Deshalb kann sich unter Komplexem jeder etwas anderes vorstellen und denken. Wer Recht hat, wird nicht durch Diskussionen klar. Das erhöht das Chaos in einem System, und das größte Problem dabei ist der Mensch.

Menschenführung

Was macht es so schwierig, die faktische Realität zu erkennen und viele von einer faktischen Lage zu überzeugen? Warum ist es so schwierig, die Aufmerksamkeit vieler auf die entscheidenden Dinge zu lenken und dort zu halten? Mithilfe der Kybernetik, einem Teilgebiet der Systemwissenschaften, das ich vergangenes Jahr hier vorgestellt habe, verschwinden viele der heute noch weit verbreiteten Führungsprobleme.

Plan A – ein Beispiel

Bei vielen Menschen jene Vorstellungen, Überlegungen und Fokussierung zu wecken, die den faktischen komplex-dynamischen Bedingungen gerecht werden, ist die wichtigste und schwierigste Führungsaufgabe der neuen Zeit. Ein aktuelles öffentliches Beispiel ist Bundeskanzler Christian Kern mit seinem Plan A - einer komplexen Antwort für ein komplexes System. Nachfolgend, vor welcher Anforderung er und alle anderen Führungskräfte stehen.

Die Komplexität zwischen den Ohren

Zu den komplexesten Systemen, die wir kennen, gehört das menschliche Gehirn. Obwohl in den vergangenen Jahren Milliarden in die Hirnforschung flossen, haben wir es noch immer nicht durchschaut. Das ist typisch für komplexe Systeme; sie sind nie vollständig analysierbar. Wie führt man Black Boxes?

Die kreativste Ressource der Welt

Komplexe Systeme können mehr Verschiedenes als man sich vorstellen und errechnen kann. Ein Gehirn kann im Laufe seines Lebens unzählige verschiedene Gedanken entwickeln. Sofern man es intelligent nutzt, wird das Menschen-Gehirn seinen vereinfachten digitalen Nachbauten daher noch lange überlegen sein.

Der wichtigste Beruf der Zukunft

Wer komplexe Verhältnisse intelligent organisieren und behandeln kann, wird in Zukunft nicht nur Arbeit finden, sondern sehr gefragt sein. Am gefragtesten werden Systemdesigner sein. Das sind Leute, die wissen, wie der Bauplan jedes intelligenten Systems aussieht und wie man ihn umsetzt, egal woraus ein System besteht.

Entrümpeln reicht nicht

Nun zu einem weit verbreiteten Missverständnis: Wenn etwa in einem Unternehmen durch zu viele verschiedene Produkte oder Produktvarianten die Produktivität gemindert wird, hat das nichts mit Komplexität zu tun, sondern mit trivialer Unordnung. Sie lässt sich einfach durch Entrümpeln lösen.

Geistige Ordnung schaffen

Beim Meistern von Komplexem geht es vor allem darum, Dynamiken in die richtige Richtung zu bringen. Das verlangt primär, geistige Ordnung zu schaffen. Denn bei allem, was Stakeholder einer Einrichtung denken und tun können, verlangt Produktivität, dass sie denken und tun, was dem größeren Ganzen nachhaltig nützt.

Jedes Gehirn eine Regierung

Nun können Gehirne sowohl Kluges als auch Unkluges, Nützliches als auch Unnützes, Gefahrloses als auch Gefährliches denken, unabhängig davon, ob man das will oder nicht. Es gibt kaum etwas Eigenwilligeres als das Gehirn. Es ist mächtig wie eine Regierung, es im Griff zu haben, ist nicht leicht.

Wie entsteht zielführendes Denken in Gruppen?

Sind viele Menschen mit derselben Sache konfrontiert, denken nie alle dasselbe und nie alle sofort das, was ein System verbessert. Manche Gedanken tragen zur Verbesserung, andere zur Verschlechterung bei. Wie mobilisiert man ein gemeinsames zielführendes Denken? 

Wie führt man Menschen?

Bis etwa Ende des Zweiten Weltkriegs dachte man, man könne Menschen führen. Wie unzuverlässig NLP, Charisma, Macht und dergleichen wirken, weiß heute jeder Politiker, der vor einer Wahl bis zuletzt gute Umfragewerte hatte und dann völlig überrascht als Verlierer vor den Kameras stand.

Wie führen sich Menschen?

Das Verhalten und die Dynamik komplexer Systeme geht aus ihren inneren Zuständen und Vorgängen hervor, egal was außen vorgeht. Das Gehirn, der Mensch, kann sich also nur selbst führen. Wobei man auch mit sich selbst nicht eins sein kann, und sich selbst nicht im Griff haben.

Was brauchen Menschen?

Was hilft, sind daher Rahmenbedingungen, in denen Menschen von selbst ihr Bestes geben können. Das sind immer solche, die den körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Grund(!)bedürfnissen des Menschen auf Dauer gerecht werden. Gerechte soziale und wirtschaftliche Verhältnisse sind eine Voraussetzung dafür.

Auf Intelligenz programmiert

Die Natur hat den Menschen auf Intelligenz programmiert. Wird sie behindert, wehrt sie sich heftig mit Demotivation, Stress, Leistungsblockaden, Depression, Schmerzen und Krankheit. Die Frage ist also, was Menschen gesund macht und erhält. Erfolg ist dafür mindestens so wichtig wie gesunde Ernährung.

Wo Erfolg ist, fliegt Erfolg zu

Haben Menschen Erfolg, blühen sie auf. Wo sich der Erfolg erst einmal eingestellt hat, fliegt weiterer Erfolg regelrecht zu, sofern die Erfolge keine Zufallsprodukte waren. Die große Frage der Kybernetik war daher, wie Erfolg kein Zufall bleibt.

Lernen – des Pudels Kern

Komplexe Systeme unterscheiden sich, sofern sie nicht schon sehr krank sind, von einfachen u.a. dadurch, dass in ihnen ununterbrochen Lernprozesse stattfinden. Wie sehr diese zur Produktivität beitragen, hängt davon ab, was gelernt wird.

Realität – das ewige Rätsel

Dank der Neurowissenschaften wissen wir heute, dass wir alle realitätsblind zur Welt kommen und dies bis zum Tod bleiben. Was sich außerhalb unserer Haut abspielt, können wir im Laufe unseres Lebens bestenfalls erahnen, aber niemals vollkommen erkennen. Erfolge hervorbringen, ist also immer das Lösen eines Rätsels.

Das Funktionieren – die Antwort

Zu lernen, was für jeweils relevante Vorgänge hilft, ist weit mehr als etwas denken, was man bis dahin nicht gedacht hat. Es ist ein erfolgreiches Deuten und Bewerten der Realität. Ob beides passt, zeigt sie durch das nachhaltige Funktionieren der Dinge. Das ist der Parameter, an dem man sich in der Kybernetik orientiert.

Wenn etwas nicht funktioniert…

Wo immer etwas nicht gut funktioniert, ist das eine Einladung der Realität, die Dinge so lange anders als bisher zu deuten und bewerten, bis eine Einsicht entsteht, die nachhaltig klappt. Daraus entsteht Verbesserung, Fortschritt, Innovation, eine gesündere bessere Welt. Exzellente Wissenschaftler zeigen vor wie das geht.

Es ist alles ganz anders

Wer die Selbstreflexion vieler großer Wissenschaftler verfolgt, findet am Ende ihres Lebens oft eine massive Korrektur ihrer Werke, für die sie berühmt geworden sind. „Heute sehe ich das ganz anders…“ „Ich halte von dem, was ich damals gedacht habe, heute nichts mehr.“ Diese Haltung ist das beste Vorbild.

Die Lösung des Führens

Wie nun die Komplexität und Dynamik einer Umwelt, das Gehirn, die Informationen, die es besitzt, gewinnt und verteilt, die Kommunikation, durch die sie verbreitet werden, die Unterscheidungen, Erkenntnisse und Entscheidungen, die dabei getroffen werden, die Ressourcen, die daher genutzt, abgenutzt oder verbraucht werden, die Gewinne oder Verluste, die erzielt werden, sowie die Wirkkräfte, Produktivität, Lebensfähigkeit, Evolutions- und Innovationsfähigkeit eines gesamten Systems zusammenhängen und zusammenwirken, fand man im Rahmen der Kybernetik heraus. Wo man ihre Einsichten professionell einsetzt, verschwinden viele der Probleme wie von selbst, von denen heute noch viele meinen, man müsse sie lösen. Es funktioniert. Soviel darf man heute sagen. Das sind die guten Aussichten.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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