Kranke Systeme - Gesunde Systeme

09.01.2017 | 11:31 |  Von Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 33. Komplexität meistern. Was den Volksmund von der Systemwissenschaft unterscheidet.

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Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Wenn der Volksmund von „kranken Systemen“ spricht, trifft er den Nagel auf den Kopf. Wie bei einer Krankheit funktioniert dann etwas nicht so wie es sollte. Kenner der Systemwissenschaften können dieses „etwas“ im Unterschied zu Laien exakt diagnostizieren, davon abgeleitet Lösungen konzipieren und vorhandene Probleme auflösen, sofern sie noch lösbar sind. Noch viel besser können sie Probleme vermeiden, sofern man sie lässt.

Ein Schema für alles

Der Sinn der System Sciences war und ist die Idee, nach den gemeinsamen Mustern vom Funktionieren aller Organismen, Mechanismen und Organisationen zu suchen, anstatt wie in anderen Wissenschaften nach dem, was einzelne Einheiten voneinander unterscheidet. So fand man heraus, dass das Funktionieren von allem Lebenden, Mechanischen und allen Kombinationen davon, also von allen Arten von Systemen, nach demselben Schema abläuft. Das Phänomen hinter diesem Schema nennt man „Information“, damit meint man die Vorgänge, die für jede Art von Veränderung oder Umwandlung verantwortlich sind.

Diagnose, Prognose und Behandlung

Neben Vertretern anderer wichtiger Fachgebiete war an der Entwicklung der Systemwissenschaften eine Reihe von Biologen und Medizinern beteiligt, vor allem Neurologen und Psychiater. Die wichtigsten wurden 2016 in dieser Kolumne vorgestellt. Mit ihrer Hilfe konnte man nach denselben Prinzipien, mit denen man in der Medizin Gesundheit und Krankheit voneinander unterscheidet, nach den Unterschieden zwischen gesunden und kranken Systemen suchen. So hat man von der Intelligenz gesunder Organismen gelernt, wie die optimale Organisation und Funktionsweise jedes komplexen Systems aussieht. Was davon abweicht, kann als Symptom für eine Krankheit oder eine bestimmte Störung bewertet werden.

Medizin für Systeme

Heute kennen wir daher ausreichend viele Parameter und Soll-Werte für gesunde Systeme. Wir verfügen über verlässliche Untersuchungsmethoden, um anhand der Ist-Werte treffende Diagnosen zu stellen. Von den Diagnosen können wir die wahrscheinlichste Entwicklung ableiten und daraus die effektivste und nachhaltigste Lösung entwickeln. Das Anwenden der Systemwissenschaften funktioniert also vom Prinzip her genauso wie die praktische Medizin.

Möglichkeiten der Verbesserung

So wie in einem gesunden Organismus sämtliche Vorgänge selbstgesteuert und selbstreguliert ablaufen, funktionieren alle gesunden komplexen Systeme. Das heißt, sie erhöhen autodynamisch ihre Intelligenz, Performance, Ordnung und Anpassungsfähigkeit bis zum optimalen Grad. Die Voraussetzung dafür ist, dass das System-Design die Soll-Werte eines gesunden Systems erfüllt. Heute stehen wir nur noch vor drei Grenzen: Die erste ist, dass zu viele Entscheider noch nicht für möglich halten, was möglich ist. Die zweite Grenze ist der Unwille, weil man sich vom status quo irrtümlicherweise mehr Profit erhofft. Die dritte Grenze ist, dass auch Systemkrankheiten, die nicht behoben werden, früher oder später unheilbar und tödlich verlaufen. Je mehr Kommunikationsleitungen ein System hat und je schneller sie Nachrichten weiterleiten können, umso früher und schneller verlaufen Systemkrankheiten unheilbar und tödlich. Deshalb kommt es also genauso wie in der Medizin darauf an, die nötigen Maßnahmen nicht irgendwann, sondern sofort zu setzen.

Schwere Jahre, gute Jahre

Das Gute an den schweren Jahren der letzten Zeit ist, dass noch nie so deutlich wurde wie heute, dass alles, was informativ vernetzt ist, voneinander abhängig ist. Nehmen wir nur das Flüchtlingsproblem. Die Fliehenden sind nun abhängig von unserem Verhalten, wir aber auch von ihrem. Das Schlechte an den guten Jahren zuvor war, dass man diese unvermeidlichen Abhängigkeiten fundamental unterschätzt hat. Man hat ohne jeden schlauen Designgedanken alles vernetzt, was nur zu vernetzen war. Das war richtig cool und modern. Damit hat man von Anfang an Fehlkonstruktionen angelegt, die uns heute auf den Kopf fallen.

Das „Geheimnis“ der Robotik

Nur weil wir wissen, wie gesunde, intelligente Systeme gebaut sind und funktionieren, können wir digitale Systeme, Roboter sowie jede andere Form der Automatisierung bauen. All das sind mehr oder weniger primitive Nachbauten des menschlichen Organismus, menschlichem Verhaltens. Man lässt bloß die kontraproduktiven Eigenschaften des Menschen weg, zum Beispiel seine Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, Ermüdbarkeit und Fehleranfälligkeit. Deshalb bringen solche Maschinen für bestimmte Zwecke höhere Leistung als der Mensch.

Krankmachende Management-Moden

Der Bauplan intelligenter digitaler Technik besteht also aus dem Anwenden entscheidender systemwissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie liefern ebenso den Bauplan für gesunde Unternehmen, Institutionen und Gesellschaften. Wir haben im Management schon viele Moden durchlebt. Den Taylorismus, der inhumanerweise gleich die Menschen selbst zu primitiven Robotern degradiert und immer noch fröhliche Urständ feiert. Charismatisches Management, das mit all seinem Eros und seinen Statussymbolen heute niemandem mehr wirklich imponiert. Narzisstisches Management mit all seiner Rücksichtslosigkeit, das heute jeder durchschaut. Als Preis dafür ging das Vertrauen der Menschen verloren. Ein hoher Preis. Er macht die Menschen und ihre Systeme krankheitsanfällig und krank.

Nichts ist seiner Zeit zu weit voraus

In den Systemwissenschaften hat man ein Welt- und Menschenbild entwickelt, mit dem das Problemlösen und Zusammenarbeiten weit besser gelingt als mit den mechanistischen Vorstellungen davor. So wie man sich irgendwann allgemein davon überzeugt hat, dass die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist, wird das auch früher oder später mit der aktuellen Auffassung von der Welt und dem Leben geschehen. Ob früher oder später, hat die Evolution noch nie aufgehalten. Früher schlauer werden macht die Zukunft einfach nur besser.

Es ist alles ganz einfach

Wie soll man denn bei all diesen rasanten Entwicklungen noch mitkommen? Das schafft doch kein Mensch! Nun, das muss man auch gar nicht. Es genügt, wenn man das Grundlegende aus den Systemwissenschaften lernt und versteht. Dann kennt man die Designprinzipien gesunder Systeme und die Wirkmuster kranker. Mehr muss man nicht wissen, um Probleme zu erkennen und zu lösen, anstatt zu produzieren. Wenn man sich dafür entscheidet, veraltete Denkmuster aufzugeben, ist das gar nicht so schwer. Je mehr man sie vergisst, umso einfacher und logischer wird alles. Umso gesünder kann alles werden.

Und? Wer macht das schon so?

Wenn man solche Versprechungen macht, kommt auch heute noch als erstes die Frage: Und? Wer macht das schon so? Nun, alle, die heute komplexe Probleme nachhaltig erfolgreich lösen können. Ob sie die Systemwissenschaften zuerst studiert oder die entscheidenden Designprinzipien und Funktionsmuster aus eigener Empirie herausgefunden haben, ist dabei die andere Frage. Nicht selten kommen Leute mit genialen Lösungen zu mir, zu denen sie (wie übrigens auch ich) erst hinterher die passende Theorie gesucht haben und dann bei der Kybernetik und anderen Systemwissenschaften gelandet sind. Sie lernen die Theorie hinterher, um weitere geniale Entwicklungen nicht dem Zufall zu überlassen. Viele andere lassen sich von den Systemwissenschaften inspirieren und leiten, und sie werden täglich besser.

Still und leise

Persönlichkeiten, die mit hoher Komplexität und Dynamik professionell und innovativ umgehen können, sind in der Regel keine extrovertierten Hallo-da-bin-ich!-Ist-das-nicht-wunderbar?-Typen. Es sind eher introvertierte, stille Lernende und genaue Beobachter. Man findet sie daher so gut wie nie auf Network-Events beim Smalltalk, sondern viel eher irgendwo im leisen, konzentrierten, zielführenden Dialog mit anderen klugen Köpfen. Auf das Stille und Leise zu achten, ist in vieler Hinsicht ein guter Rat. So manche Krankheit und so manches Gesundwerden schleicht sich ebenfalls still und leise ein, bis es unübersehbar ist. Auch die rasanten Umwälzungen dieser Epochenwende haben sich nicht mit Pauken und Trompeten angekündigt. Auch sie kamen still und leise, bis kein Stein mehr auf dem anderen war.

Was nun tun in dieser neuen Welt?

Nun ja, ganz einfach. Man kann sich neu orientieren. Wer für eine fremde Umgebung eine Landkarte und einen Kompass hat, muss nicht orientierungslos bleiben. Wer für die heutigen Probleme, Umgebungen und Ziele verlässliches Systemwissen und valide System-Modelle hat auch nicht. Fehlorientiert oder orientierungslos kann man nur bleiben, wenn man das unbedingt will. Stellt sich nur die Frage: Was hat man davon? Allein schon purer Egoismus sollte als Motivation genügen, sich noch rechtzeitig neu zu orientieren. Viele andere tun das nämlich schon, weil alle und alles voneinander abhängig sind…

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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