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Bild: Pixabay 

Was ist eigentlich ein Problem?

17.10.2016 | 14:03 |  Maria Pruckner (DiePresse.com)

Management im Kopf: Folge 21. Komplexität meistern. Diesmal mit Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Bildungswissenschaftler.

In unserer Kolumne „Management im Kopf“ stellt Maria Pruckner versierte Wissenschaftler und anerkannte Experten vor, die über wertvolle Erfahrungen und verlässliches Wissen für den professionellen Umgang mit komplexen Problemen und Systemen verfügen.

"Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen." Mit dieser Aussage hat Angela Merkel kürzlich für höhere Aufmerksamkeit gesorgt. Gut so. Denn wo das Interesse für die wahren Probleme und Erklärungen verloren gegangen ist, kann man nur noch eines gewinnen: Chaos.

Wenn es um das Problemlösen unter komplexen Bedingungen geht, führen beliebige Meinungen so gut wie immer dazu, dass Probleme „gelöst“ werden, die gar nicht existieren - nicht selten mit enormem Aufwand und hohen Kosten. Wie vermeidet man das? Es hilft, vermeintliche Probleme von tatsächlichen unterscheiden zu können.

Was ist eigentlich ein Problem?

Was ist eigentlich ein Problem? Wodurch unterscheidet sich ein faktisches Problem von einem, das sich jemand nur einbildet? Wer erfolgreich durchs Leben gehen möchte, sollte diese Frage lösen können. Weil das nicht einfach ist, habe ich Konrad Paul Liessmann um Hilfe gebeten. Als Universitätsprofessor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik ist Konrad Paul Liessmann Experte für das Lösen solcher Fragen. Weil er die Denkschulen der Philosophie seit vielen Jahren mit ungeheurem Engagement, meisterhafter Unterscheidungskraft und präzisen Diagnosen in die Öffentlichkeit trägt, muss er hier nicht näher vorgestellt werden.

Lesen Sie Konrad Paul Liessmanns Antwort im nachfolgenden Text.

Probleme: entweder trivial oder nicht lösbar

Konrad Paul Liessmann: In der Regel versteht man unter Problemen Aufgaben, die gelöst werden können oder gelöst werden sollen. Dass etwas ein Problem sei, hat allerdings einen leicht negativen Beigeschmack – so als spürte man, dass Problemlösungen Probleme nicht lösen können. Legendär ist ja eine Ministerin, die es ihren Mitarbeitern und Beamten untersagt haben soll, von Problemen zu sprechen, denn sie kenne nur Herausforderungen. Manche Manager, so höre ich, sehen das ähnlich. Tatsächlich steckt hinter diesem Vorbehalt ein berechtigtes Unbehagen. Herausforderungen annehmen kann jeder, Probleme lösen fast niemand. Denn Probleme sind entweder trivial oder sie sind nicht lösbar.

Trivial sind Probleme, wenn zu bestimmten Zwecken die richtigen Mittel zu deren Erreichung gesucht werden. Das heißt übrigens nicht, dass mit der Trivialität der Problemlage immer schon eine Lösung gegeben ist. Verbrennungsmotoren so zu bauen, dass sie gegebenen Abgasvorschriften entsprechen, ist ein triviales Problem. An seiner Lösung scheitern die besten Ingenieure großer Automobilkonzerne. Aber für technische Probleme dieser Art wird es schon einmal eine Lösung geben, die allerdings neue technische Probleme mit sich bringen wird.

Nichttrivial und leider nicht egal

Weniger trivial und philosophisch spannender wird es, wenn die Mittel zur Lösung eines Problems uns aus moralischen, ästhetischen oder anderen Gründen nicht gefallen. Natürlich stellt der Krieg ein seit Menschengedenken verwendetes Mittel zur Lösung politischer Probleme dar – richtig glücklich werden wir nicht damit.

Aber es geht auch umgekehrt: Manchmal sind wir von der moralischen Dignität unserer Mittel so überzeugt, dass wir glauben, damit alle möglichen Probleme lösen zu können. Empathie ist solch ein neues Zaubermittel, das natürlich keine Probleme lösen wird.

Ein generelles Problem besteht allerdings darin, dass wir nur mehr über Mittel, nicht über Zwecke nachdenken wollen. Die neue Kompetenzorientierung, die derzeit das Bildungswesen verseucht, möchte nur noch solche Fähigkeiten vermitteln, mit denen sich dann solche "trivialen" Probleme lösen lassen.

Viel spannender sind aber die unlösbaren Probleme, die Widersprüche, Konflikte und Paradoxien unseres Lebens, die sich nicht einfach durch eine Innovation, einen Drohneneinsatz, eine moralische Attitüde oder eine Geldspritze lösen lassen.

Nichts ist selbstverständlich

Am faszinierendsten aber sind jene Probleme, die tatsächlich keine sind, sondern erst zu solchen gemacht werden – etwa von Philosophen. Günther Anders, einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, sah die Chance und die Tugend des Philosophen in seiner Unfähigkeit, das Wort "selbstverständlich" zu verstehen.

Im Selbstverständlichen lauern die Gefahren – und dies aus einem einfachen Grund: Es versteht sich in dieser Welt nämlich tatsächlich nichts von selbst.

Nicht das zu lösen, was alle für ein Problem oder eine Herausforderung halten, ist die entscheidende Aufgabe, sondern dort ein Problem zu sehen, wo angeblich gar keines ist. Wenn jemand davon spricht, dass etwas unproblematisch sei, sollten wir hellhörig werden.

 

Kurzbiografie Konrad Paul Liessmann

Heribert Corn/Zsolnay Verlag

Heribert Corn/Zsolnay Verlag

Geboren 1953 in Villach, Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien. Leiter des renommierten "Philosophicum Lech" seit Bestehen (1997). Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Bildung und Wissen. Obmann der Internationalen Günther Anders Gesellschaft. Leiter des Universitätslehrganges Philosophische Praxis an der Universität Wien. Regelmäßige TV-Auftritte und Publikationen in nationalen und internationalen Medien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik, Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln, VIZE 97 der Vacláv Havel-Stiftung Prag, Wissenschaftspreis der Stadt Wien, Österreichischer Wissenschafter des Jahres 2006. Vielgelesener Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschienen: Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren (Hg. 2016); Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen (2016, gem. mit Michael Köhlmeier). Mehr…

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie interne und externe Experten aus, die sich in Unternehmen und Institutionen auf das professionelle Meistern komplexer Situationen konzentrieren.

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