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Bild: Pixabay 

Bauen 4.0: Wie in Zukunft Gebäude entstehen

20.06.2016 | 10:04 |  von Andrea Lehky (Die Presse)

Vernetzte Baustelle. Wenn intelligente Systeme künftig Pläne, Abläufe und Kosten optimieren, ändert das die Arbeit von Architekten, Projektleitern und Ingenieuren. Vor allem, weil diese für alle Beteiligten transparent wird.

Frühmorgens betritt der Bauleiter seine Baustelle. Er checkt den Wochenplan, bricht ihn auf Tagespläne herunter und teilt seine Leute ein. So läuft das heute.

So lief das auch vor zehn Jahren. Mit einem Unterschied: Heute arbeitet der Bauleiter nur mehr zu einem Drittel technikbezogen. Zwei Drittel verbringt er mit Rechtsthemen – etwa Behördenauflagen, Dokumentationspflichten, Umweltstandards oder Fragen zur Vertragsabwicklung. Früher war das Verhältnis umgekehrt.

Virtuelle Blickwinkel

Demnächst wird sich wieder etwas ändern. Es zeichnet sich bereits ab: Auf den Baustellen sieht man Leiter und Ingenieure nur mehr mit mobilen Geräten herumlaufen. Über diese greifen sie auf Baupläne zu, ergänzen sie, erfassen Mängel, schießen Belegfotos und scannen Dokumente. All das synchronisieren sie mit dem Zentralserver, der ihnen die Daten zur Verfügung stellt. Und: „Das ist erst der Anfang“, sagt Strabag-Österreich-Vorstand Herbert Krutina.

Gehen wir noch einen Schritt zurück in der Entstehung eines Gebäudes. Schon heute planen Architekten mit 3-D-Modellen. Durch die lassen sie ihre Auftraggeber virtuell spazieren und verschiedene Blickwinkel einnehmen.

Die Zahlen stehen in der Wand

Noch immer aber bekommt die Baufirma in der Folge zweidimensionale Pläne mit langen Listen von Beschreibungen: etwa, ob eine Wand verfliest, tapeziert oder beschichtet wird; ob der Anstrich wasserfest sein muss und vieles mehr.

In naher Zukunft sind all diese Informationen in einem dreidimensionalen Modell enthalten, BIM.5D genannt. Der Bauleiter klickt dann auf den Bauteil „Wand“, das Menü klappt auf und zeigt alle Details zur Wand: Ziegel, Fenster und Fliesen, dazu Kalkulation, Bauablauf und Termine.

Wünscht sich der Auftraggeber später im Bauverlauf ein zusätzliches Dachfenster, passt das System automatisch Ablauf und Kosten an. Es warnt aber auch, wenn das neue Fenster mit Leitungen kollidieren würde, die genau an dieser Stelle durchlaufen.

Für den Bauleiter und sein Team bedeutet das gewaltiges Umdenken. Heute schreiten sie noch linear von Bauphase zu Bauphase. Morgen müssen sie das große Ganze im Griff haben. Dann heißt es nicht nur fit in Technik und Rechtsthemen zu sein, sondern auch virtuos mit Datenbanken, Hard- und Software umgehen zu können.

Durchsichtige Preise

Noch herrscht hier ein babylonisches Systemgewirr. Jeder Anbieter versucht, seinen Standard zu etablieren. Doch nicht mehr lang, meint Krutina, bis sich auch hier ein Industriestandard durchsetzt.

Auch kostenseitig wird sich die vernetzte Baustelle auswirken. Einerseits errechnet das System die günstigste Bauvariante, höchst willkommen in der von Preisdruck und Margenverfall gebeutelten Branche. Der Bauleiter kann dann auf Knopfdruck Angebote und Preise vergleichen. Das System minimiert kostensparend die Warte- und Stehzeiten von Geräten und steuert Betankung, Wartung und Service.

Andererseits macht es Kosten und Preise auch für andere transparent, etwa für den Auftraggeber oder die finanzierende Bank. Auch diese beiden können dann jederzeit den Baufortschritt und die Kostenentwicklung einsehen. Tipp daher für alle Beteiligten: schon jetzt die eigene Verhandlungsstärke trainieren.

Die Reise geht weiter

Steht ein Bauplan von Anfang an in allen Details fest, ist der nächste Schritt die kostenoptimierte Vorabfertigung immer größerer Module. Strabag-Experte Krutina erzählt von einem Hotelbau, in den sämtliche Nasszellen fertig eingehoben wurden, samt Fliesen, Sanitäreinrichtungen, Armaturen und Rohren. Weil alles millimetergenau passte, mussten Letztere nur noch mit der Hausverrohrung verbunden werden.

Denken wir noch eine Nummer größer und vernetzen gleich mehrere Bauprojekte. Aus Deutschland kennt Krutina einen Pilotversuch, für den alle Baustellen einer Region in ein geografisches Informationssystem eingepflegt wurden. Ein übergeordneter Baulogistiker optimiert etwa die Fuhrleistungen: Ein Lkw versorgt eine Baustelle mit Material, lädt ihren Aushub auf und führt ihn gleich weiter zur nächsten Baustelle, die ihn als Schüttmaterial benötigt – und all das abgestimmt mit den täglichen Wetterdaten. Heute würde der Lkw noch leer zurückfahren.

Für unseren Bauleiter und seine Ingenieure bedeutet das in Zukunft weniger improvisieren, dafür mehr planen. Ein bisschen Zeit haben sie noch: All diese Systeme entstehen gerade erst.


[MF7XP]

(Print-Ausgabe, 18.06.2016)

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