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Bild: Pixabay 

Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

21.05.2016 | 07:00 |  Von Andrea Lehky (Die Presse)

Arbeits- und Organisationspsychologie-Professor Christian Korunka über Zementsäcke, das persönliche Seelenheil und die Kunst, in der Arbeitswelt das richtige Maß zu finden.

Zementsäcke wogen einmal 50 Kilo. Das führte unter den Bauarbeitern rasch zu einer Zunahme der Bandscheibenvorfälle. Deshalb wiegen Zementsäcke heute nur mehr 25 Kilo – ein simples Beispiel, wie einfach sich physische Zusammenhänge quantifizieren lassen.

Bei psychischen Belastungen sei das nicht so leicht, meint Christian Korunka, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Wien. Wie wolle man hier Wenn-dann-Zusammenhänge quantifizieren? Wie den Zeitraum bis zu einem Burn-out-Ausbruch messen?

Die gesetzlich vorgeschriebene psychische Arbeitsplatzevaluierung sei ein Schritt in die richtige Richtung, meint Korunka. Aber: „Unternehmenskulturen lassen sich nicht mit gesetzlichen Maßnahmen entwickeln.“ Der Einzelne – der Psychologieprofessor spricht hier vom gebildeten Wissensarbeiter – sei auf sich selbst zurückgeworfen. Sprich: Er muss sich selbst um sein Seelenheil kümmern.

Vier Merkmale „gesunder“ Jobs

Demnach befriedigt ein „gesunder“ Job vier Grundbedürfnisse.

  • Autonomes Arbeiten. Verwirklicht ist, wer selbst entscheiden darf. Doch in der Ära der entgrenzten Arbeit (jederzeit und überall) gibt es schon zu viel Freiraum. Etwa bei Zielvereinbarungen: Das Ziel ist gesteckt, wie man dorthin gelangt, obliegt jedem selbst. Manche können damit besser, andere schlechter umgehen. Quintessenz: „Gesunde“ Jobs bieten nicht das Maximum an Autonomie, sondern Möglichkeiten, das individuelle Optimum zu finden.

  • Kompetenz und Wissen. Dazulernen ist gut. Aber jeden Tag eine EDV-Umstellung, das sei zu viel des Guten, meint Korunka. Wieder sei das Individuum auf sich allein gestellt und müsse seine individuelle Lerndosis finden.

  • Soziale Eingebundenheit. Im Bedürfnis nach Zugehörigkeit unterscheiden sich die Generationen kaum. In der Umsetzung schon. Die einen klopfen im Nebenzimmer an und fragen, wer auf Mittagspause mitgehen will. Die anderen schmausen in Facebook-Begleitung. „Soziale Einbindung lässt sich nicht virtualisieren“, meint Korunka. Augenscheinlich verändere sich die Qualität sozialer Beziehungen – die Folgen sind noch nicht zu überblicken.

  • Struktur und Sicherheit. Menschen brauchen Stabilität, unabhängig von ihrer Generation. Flexible Arbeitsplätze (heute dieser Schreibtisch, morgen jener), Projektnomadentum und Virtualisierung wirken dem entgegen. Welche Folgen das für die seelische Gesundheit hat, ist ebenfalls heute noch nicht abzuschätzen.

Daher gilt erneut: Jeder muss sich selbst um das für ihn richtige Maß kümmern. Bietet ein Unternehmen etwa All-in-Verträge an, muss der Mitarbeiter auf seinem freien Freitag bestehen. Den Personalisten auf der anderen Seite mag das verärgern – die eigene Gesundheit aber wird es einem danken.


[MC1J2]

(Print-Ausgabe, 21.05.2016)

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