„Der ist halt ein bisserl komisch“

27.03.2016 | 16:00 |  Von Andrea Lehky (Die Presse)

Welt-Autismustag 2. April. Es ist ein Klischee, dass sich Menschen mit Störungen im Bereich des Autismusspektrums nur in der IT einsetzen lassen. Sie können viel mehr, wenn man sie nur lässt. Und wenn man weiß, wie man mit ihnen umgeht.

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Wolfgang U. (31 Jahre, Bild, voller Name der Redaktion bekannt) transkribiert Geburts-, Hochzeits- und Sterberegister aus alter Kurrentschrift in computerlesbare Excel-Tabellen. „Mitsamt Schreibfehlern“, wie er betont.

Matthias P. (35 Jahre) wird gerade zum Softwaretester ausgebildet. Wenn er seinen Kurs abgeschlossen hat, warten Projekte auf ihn, die er mit der ihm eigenen Genauigkeit und Präzision erledigen wird.

Die beiden jungen Männer leiden am Aspergersyndrom, einer milden Form von Autismus. Als angeborene Veränderung im Gehirn ist sie weder ursächlich behandelbar noch heilbar. Man schätzt in Österreich etwa 27.000 Betroffene, bei insgesamt 80.000 Autisten. Sie können durchschnittlich bis hoch intelligent sein (Matthias P. hat einen IQ von 137, der Schnitt liegt bei 100) und besitzen oft herausragende Talente für gleichbleibende logisch-analytische Aufgaben mit hoher Detailanforderung. „Normale“ Menschen hingegen können sich nicht so lang konzentrieren.

Der Preis des Genies

Ihre Gabe bringt allerdings drei Schwächen mit sich: Erstens, bei so viel Blick fürs Detail verstehen sie das große Ganze manchmal nur sehr schwer. Zweitens, Tätigkeiten, die Planung und Flexibilität verlangen, liegen ihnen gar nicht. Deshalb schaffen auch bei hoher Intelligenz nur wenige einen Universitätsabschluss. Drittens tun sie sich schwer damit, die Emotionen ihrer Mitmenschen richtig zu deuten. Sie sind aber in der Lage, kognitiv zu lernen, welcher Gesichtsausdruck welche Stimmung bedeutet – intuitiv wissen sie es meist nicht.

Anders zu sein, sind auch diese beiden jungen Männer von Kindheit an gewohnt. Typisch sind ungewöhnliche Interessen. Wolfgang U. etwa faszinierten Autoradkappen. „Meine Verwandtschaft hat gemeint, ich bin halt ein bisserl komisch“, erinnert er sich, „nur der Opa, der hat mir Radkappen aufs Fahrrad geschraubt.“

Der hochbegabte Matthias P. versuchte sich in drei verschiedenen Studienrichtungen. Doch vor Prüfungen quälten ihn Panikattacken. Vor lauter Angst zu scheitern (ein Grundmuster) gelang es ihm nicht, die Unterlagen zu öffnen. Oder er gab sich Tagträumen hin: „Es ist leichter, geistig als körperlich zu fliehen.“

Beide erhielten ihre Diagnose erst vor Kurzem. Das liegt an sehr unterschiedlichen individuellen Ausprägungen, die das Erkennen der Störung erschweren, an deren geringem Bekanntheitsgrad (auch in der Ärzteschaft) und an relativ hohen Testkosten von ca. 500 Euro.

80 Prozent arbeitslos

Daher sind auch die Lebens- und Berufswege der Betroffenen von Außenseitertum, Depression und langen Phasen der Arbeitslosigkeit geprägt. Kein Wunder: Bewerbungsgespräche sind ihnen ein Gräuel, müssen sie sich dabei doch präsentieren und möglichst dem Blick des Recruiters standhalten. Beides irritiert sie.

Tatsächlich sind 80 Prozent arbeitslos, weiß Elisabeth Krön, Geschäftsleiterin des gemeinnützigen Vereins Specialisterne. Der Name kommt aus dem Dänischen und bedeutet „Die Spezialisten“. Der Österreich-Ableger der dänischen Organisation schult und vermittelt Menschen mit Aspergersyndrom für Jobs und Projekte, in denen sie ihre Stärken ausspielen können.

Bitte nicht ironisch sein

Ein Beispiel ist die Kooperation mit dem Softwarehaus Anecon. Specialisterne und Anecon bilden mit Förderung des AMS zurzeit zehn Softwaretester (Matthias P. ist einer von ihnen) für mehrere große Projekte aus. Anecon-Geschäftsführer Hannes Färberböck gibt seine anfängliche Skepsis zu. Diese löste sich jedoch angesichts der besonderen Talente der Kandidaten und des angenehmen Umgangs mit ihnen rasch in Luft auf.

Gemäß dem Motto, in diesem Fall sei es einfacher, die Umwelt an die Betroffenen anzupassen als umgekehrt, lernen auch die verantwortlichen Projektmanager bei Anecon, wie sie mit ihren künftigen Mitarbeitern umgehen müssen: bewältigbare Arbeitsportionen, eindeutige Anweisungen – und bitte keine Ironie. Diese kann nämlich nicht gedeutet werden. Bewährt hat sich auch, den Projektmitarbeitern bei komplizierteren sozialen Interaktionen zur Seite zu stehen.

Oft in der Qualitätssicherung

Dass Menschen mit Aspergersyndrom jedoch nicht teamfähig seien, ist schlichtweg falsch. „Sie arbeiten auch im Großraumbüro“, weiß Specialisterne-Chefin Krön, „aber lieber am Rand.“ Ihre Pausen verbringen sie jedoch eher im Internet als beim gemeinsamen Essen.

Ein Klischee ist auch, das Talent nur auf den IT-Bereich zu reduzieren. Sie passen gut in Abteilungen der Qualitätssicherung, -kontrolle, Datenpflege, Buchhaltung, Logistik, des Lektorats und Archivwesens. Zwei von Specialisterne vermittelte Mitarbeiter arbeiten bei der Qualitätssicherung der ÖBB, drei als Datenanalysten bei T-Mobile, einer als Lektor im juristischen Fachverlag Lexis Nexis.

Ein weiterer vergleicht für eine Pharmafirma gedruckte Beipackzettel mit dem Original in 17 Sprachen. Auch auf Koreanisch – obwohl er davon kein Wort versteht.

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