Zweifache Arbeit, die sich lohnt

22.11.2015 | 13:00 |  Eva Reisinger (Die Presse)

Bewerbungssoftware. Um bei Onlinebewerbungen erfolgreich zu sein, müssen Bewerber zuerst die Maschine überzeugen, um dann zum Menschen zu gelangen. Das ist gar nicht so schwer, wenn man weiß, wie die Software tickt.

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Früher lag ein großer Stapel mit Bewerbungen vor dem Personalbeauftragten. Die Bewerbungen wurden gesammelt und geordnet, dann studiert. Eine mühsame Arbeit, die dank Digitalisierung heute immer öfter von Software übernommen wird. „Das klingt nach einer geringen Veränderung, hat aber massive Folgen“, sagt Markus Roth, Softwarespezialist bei Klaros.

Denn durch dieses Studieren der Unterlagen trafen Personalbeauftragte bereits eine Vorauswahl. Faktoren wie Ordentlichkeit, Eselsohren, Foto und Name beeinflussten die unterbewusste Entscheidung darüber, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde und wer nicht. „Bei einer Onlinebewerbung ist es egal, ob jemand Iluna oder Herbert heißt, es wird nach sachlichen Informationen wie Abschlüssen und Schlüsselwörtern gereiht“, sagt Roth. Diese automatisierte Reihung entscheidet darüber, wer im Rennen um eine ausgeschriebene Stelle bleibt. Diese Umstellung hat natürlich auch Auswirkungen für den Bewerber. Darum rät Christian Scholz, Professor an der Universität des Saarlandes, zu drei Schritten:

Onlinebewerbung vermeiden:

„Ich würde“, sagt Scholz, „alles Erdenkliche versuchen, um der Online-Bewerbung zu entkommen.“ Im automatisierten Ranking gibt es kein Individuum mehr, sondern nur noch Mainstream. Um aus der Masse hervorzustechen, hilft es, die Personalabteilung persönlich zu kontaktieren.

► Den Computer überzeugen:

Gibt es keinen Weg an der Onlinemaske vorbei, ist es wichtig, auf die Schlüsselwörter des Inserates zu achten: Die dort verwendeten Adjektive gilt es, in die Bewerbung einfließen zu lassen. Das erscheint als nicht gerade originell, ist aber essenziell für die Software.

Den Mensch überzeugen:

Ist der Computer zufrieden und die Bewerbung wird aufgrund von Schlüsselwörtern und Vollständigkeit nach oben gereiht, geht es im dritten Schritt darum, den Menschen zu überzeugen. Nach dem Computer wirft auch ein Mensch noch einen Blick auf die Reihung. Anders ist das im amerikanischen Raum. Dort findet bei großen Firmen wie Google ein sogenanntes Roboter-Recruiting ganz ohne Menschen statt. „Bewerbungen sind zwar automatisiert, menscheln aber in Europa immer noch gewaltig“, sagt auch Roth. Um den Menschen in der Personalabteilung zu überzeugen, braucht es ein ordentliches Layout, Struktur und eine Beschreibung, warum man glaubt, genau der Richtige für die Stelle zu sein.

Sorgen darum, dass einander der Teil für den Computer und der für den Menschen negativ beeinflussen, sind unbegründet. „Der Computer ist feige, weil er keine Fehlentscheidungen treffen will. Er sucht mittels Algorithmen. Dinge, die er nicht versteht, ignoriert er einfach“, sagt Scholz. Der Computer ist also fleißig, aber dumm.

War die Onlinebewerbung erfolgreich, folgt meist ein Bewerbungsgespräch. Auch dieses hat sich durch die automatisierten Prozesse verändert. Die Onlinebewerbung bringt alle Grundinformationen und Fähigkeiten schon vor dem Gespräch in Erfahrung. Beim Treffen geht es dann nicht mehr darum, was eine Person kann und welche Ausbildung sie hat, sondern konkret um die Stelle und die mögliche Zusammenarbeit.

„Darum ist es besonders wichtig, bei der Onlinebewerbung ehrlich zu sein und die Tests selbst auszufüllen. Wir hören immer wieder von Bewerbungs-Ghostwritern. Lügen haben kurze Beine, und spätestens beim Gespräch fällt es auf“, meint Roth.

Einen großen Vorteil der Onlinebewerbung sieht die Karriereberaterin Bianca Sievert darin, dass Unternehmen sich dabei einen Bewerberpool anlegen – und wenn es bei einer Stelle nicht klappt, dann vielleicht bei der nächsten.

Software gegen den Bewerbungsmüll

Mitschuld daran, dass es heute überhaupt eine Software braucht, sind unter anderem die Bewerber selbst. Sie bewerben sich für immer mehr Stellen, auch wenn Qualifikationen und Voraussetzungen nicht passen und versenden zahllose 08/15-Bewerbungen. Dadurch entsteht ein regelrechter „Bewerbungsmüll“. In diesem Chaos sind Unternehmen auf die Hilfe automatisierter Prozesse angewiesen. Prozesse, in denen dann aber leicht Talente verloren gehen.

Darum erwartet Scholz von Bewerbern auch eine aufwendige Bewerbungsmappe, sodass sich die meisten allein aufgrund des Aufwands gar nicht bewerben. „Die Hürden müssen wieder viel höher werden.“ Wenn Bewerber danach keine Reaktion darauf und nicht einmal eine Absage bekommen, ist das nicht die Schuld der Software, sondern einfach nur fehlender menschlicher Anstand.

AUF EINEN BLICK: ONLINEBEWERBUNG – WAS BESONDERS WICHTIG IST

Ehrlich ausfüllen: Im Lebenslauf und der Online-Bewerbungsmaske keine Qualifikationen dazuerfinden und etwaige Tests unbedingt selbst durchführen. Ähnlich wie beim Bewerbungsgespräch sind Lügen auch bei der Onlinebewerbung kontraproduktiv.

Vollständig ausfüllen:Wenn möglich keine Felder frei- oder auslassen, das bewertet die Software negativ. Besonders wichtig ist die korrekte Angabe von Bildung und Abschlüssen. Viele Firmen suchen gezielt danach.

Ausreichend Zeit einplanen: Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, Onlinebewerbungen sind sehr zeitaufwendig.

Auf die Größe der Anhänge achten: Meist werden Bewerber gebeten, Lebenslauf und Motivationsschreiben hochzuladen. Dabei ist es besonders wichtig, auf die maximale Größe der Datei zu achten und diese zu komprimieren. Sonst lassen sich Anhänge nicht versenden.

Business-Profile pflegen: Auf Plattformen wie Xing oder LinkedIn können Netzwerke geknüpft und so Jobs ergattert werden. Diese Profile müssen gepflegt werden. Darum regelmäßig updaten und mit der Bewerbung abgleichen.

Bewerbungsgespräche via Skype: Sich dabei am besten genauso vorbereiten, wie auf ein klassisches Bewerbungsgespräch – inhaltlich wie auch äußerlich. Und Vorsicht: Es ist ein Hintergrund zu sehen. Also einen neutralen Raum wählen und wenn nötig aufräumen.

Schlüsselwörter verwenden: Das Inserat und die Homepage der Firma zeigen, welche Wörter, Einstellungen und Qualifikationen wichtig sind. Diese Wörter unbedingt in die Onlinebewerbung einfließen lassen.

Es kann einiges schiefgehen: Bei Onlinebewerbungen empfiehlt es sich, nicht bis zum letzten Moment zu warten: Server können abstürzen, Internetverbindungen ausfallen. (er)


[LN19E]

("undefined", Print-Ausgabe, 21.11.2015)

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2 Kommentare
Bianca Sievert
27.11.2015 11:15
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Richtigstellung und ein paar Gedanken zum Bewerben

Als Karriereberaterin, die seit 15 Jahren mit Menschen an ihrer beruflichen Orientierung und Bewerbung arbeitet - und dem familiären Hintergrund eines mittelständischen Unternehmens - möchte ich folgendes ergänzen:
1. Eine online Bewerbung zu umgehen halte ich für kontraproduktiv. Natürlich ist es sinnvoll, Kontakte zu nutzen, die man hat, um vielleicht vorab darüber zu informieren, dass eine Bewerbung stattfindet. Vielleicht wird an dieser Stelle auch die Möglichkeit gegeben, die Unterlagen anders zu versenden. Onlinebewerbung per se als 'das Böse' zu sehen, ist falsch. Unternehmen haben gute Gründe, diese einzusetzen.
2. Ich bin vollkommen der Meinung von Herrn Scholz, dass die Bewerber/innen eine Passung zur Stelle haben müssen und entsprechende Schlüsselbegriffe nutzen sollen, um nicht 'aussortiert' zu werden. Und das ist der entscheidende Punkt! Die Unternehmen müssen daran arbeiten, Bewerbungskontexte so transparent zu machen, dass sich Bewerber/innen angesprochen fühlen und wissen, was Ihre Aufgaben sein werden und welches Profil dafür notwendig ist!
3. Solange es noch unzählige Stellenausschreibungen gibt, die Angaben machen, aus denen Bewerber/innen weder Aufgaben noch ein dazu passenden Profil vernünftig ableiten können, wird es auch zu viele Bewerbungen geben. Die 'Hürden zu erhöhen' ist ein Mittel, das von Hilflosigkeit zeugt und nicht dazu beiträgt, einen Bewerbungsprozess auf Augenhöhe zu führen. Zeigt den Bewerber/innen, wie online bewerben geht - dann klappts
Owenn
24.11.2015 14:12
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Computerarbeit

Computer filtern bestimmte Begriffe, ohne dabei die Fachkenntnis eines Menschen beurteilen zu können und das finde ich schon bedenklich.
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