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Kapitäne auf Kurs aus der Krise

01.05.2009 | 20:21 |  (Die Presse)

Navigationsregel Nummer eins ist die Konzentration auf das Wesentliche. Wer keinen unternehmerischen Schiffbruch erleiden will, braucht die beste Mannschaft.

„Die Krise ist bei allen angekommen“, sagt Antonella Mei-Pochtler. In Umfragen würden etwa 70 Prozent der Unternehmen angeben, dass sie vom wirtschaftlichen
Abschwung betroffen wären. Die aktuelle Situation mache es den Unternehmenskapitänen schier unmöglich, Planungen für die Zukunft anzustellen und einen klaren Kurs zu setzen, so die Senior-Partnerin
der Boston Consulting Group (BCG) beim KarriereTalk „Navigieren im Nebel – sicher entscheiden im Unsicherheitszeitalter“. Dieser fand mit Unterstützung von Capgemini Consulting, Mobilkom Austria, der Industriellenvereinigung, Constantia Packaging, der WKÖ, Bank Austria und den ÖBB vergangenen  Dienstag im „Haus der Musik“ statt.
Die Unternehmensberaterin geht davon aus, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis die wirtschaftliche
Flaute vorüber ist und die konjunkturelle Schönwetterlage zurückkehrt. Mei-Pochtler begründet
ihre Analyse damit, dass erstens die Kreditvergabe noch immer stocke und zweitens die Exporte
nun einbrechen. „China kauft weniger Rohstoffe, und die Konsumenten in den Vereinigten Staaten
schränken sich ebenfalls ein. Somit wird es zu einer Konsumkrise kommen, die lange andauern wird.“
Die „Steuermänner“ bestätigen den hohen Seegang und den rauen Wind, der ihnen derzeit ins Gesicht
weht: „Wir erwarten einen Rückgang von 20 bis 30 Millionen Euro in diesem Jahr“, sagt Franz Nigl. Er steuert als Personalleiter und Geschäftsführer
die Geschicke der ÖBB Dienstleistungs GmbH. „Wir müssen unsere Umsätze nach unten revidieren.“
Ähnlich äußert sich auch Frank Wiegmann, CEO der Bene AG: „Letztes Jahr haben wir nur leichte Rückgänge verzeichnet, nun trifft es uns
stärker.“ Der international tätige Produzent von Büromöbeln hat diese Woche angekündigt, dass er nach Abschluss eines umfassenden Kosteneinsparungsprogrammes nun seine Personal kapazitäten anpassen wird und bis Ende Juni im Rahmen eines Sozialplanes 125 Mitarbeiter abbauen wird. Darüber hinaus platziert das börsennotierte Unternehmen eine Anleihe in Höhe von 40
Millionen Euro zur Verbesserung der Liquidität.

Nicht auf Tauchstation gehen

„In stürmischen Zeiten zeigen sich die guten Segler“, sagt Gerhard Speckbacher, Universitätsprofessor und Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der WU. Die Mannschaft – sprich die Mitarbeiter – stehe unter besonderer Beobachtung und sei dazu aufgerufen, von sich aus aktiv zu werden. „Niemand darf nun auf Tauchstation gehen“, wirft Hanno Soravia, Gründer und Geschäftsführer der Soravia Group, ein. Eigeninitiative und Kreativität stehen hoch im Kurs.
„Innovative Ideen sind nun besonders gefragt.“ Wer sich absichern möchte, indem er still die Krise durchtaucht, werde wahrscheinlich von Bord gehen müssen. Schlechter qualifizierte Mitarbeiter müssten aufgrund der wirtschaftlichen Situation aktuell abgebaut werden, bestätigt auch Nigl. Allerdings, so räumt der HR-Experte ein, haben kreative Bewerber geradejetzt Chancen, bei Unternehmen
anzuheuern. „Wir suchen auch jetzt Mitarbeiter,
die nicht nur ihre Aufgaben erfüllen, sondern darüber hinaus Mehrwert für die Organisation stiften“, sagt Nigl. In dieselbe Kerbe schlägt auch Mei-Pochtler:
„Wir rekrutieren – zwar weniger als noch vor einem Jahr, aber wir nehmen Kandidaten auf.“ Konkret
spricht sie von rund zehn Prozent der Belegschaft, die jedes Jahr neu zu BCG kommen.
Stürmische Zeiten verlangen nicht nur der Mannschaft viel ab – auch die Unternehmenskapitäne und Steuermänner sind mehr denn je gefordert. „Im Orkan zeigt sich, wer ein sicherer Kapitän ist“, sagt
Wiegmann. Es komme zu einem „gnadenlosen Ausleseprozess, aus dem klar hervorgeht, wer wirklich
innovativ ist“. Kapitäne verlassen als Letzte das sinkende Schiff, wirft Nigl ein. Sie stehen daher nun unter besonderer Beobachtung und müssten
mit gutem Beispiel und vollem Elan zur Mannschaft und dem Unternehmen stehen.
Dazu gehöre auch, Vorbildwirkung zu entfalten. „Wir haben die Spesen für Manager heruntergefahren
und kaufen in diesen Zeiten keine teuren Firmenwagen“, nennt Nigl einige Beispiele: „Transparenz und Offenheit bewirken, dass alle in dieselbe Richtung segeln.“ Kommunikationsstärke sei dabei vor allem gefragt, sagt Speckbacher. „Die Manager müssen der Belegschaft klar zeigen, wie sie mit der Krise umgehen, und offen ihre Ziele kommunizieren.“ Das Wichtigste sei allerdings,
so der Universitätsprofessor, Sicherheit auszustrahlen. Soravia unterstreicht seinerseits die besondere
Bedeutung der Kommunikation. „Wir müssen auch mit den Banken Klartext reden und ihnen offen unsere Situation erklären“, so der Unternehmer.
Navigationsregel Nummer eins in der aktuellen Krise sei aber die Konzentration auf das Wesentliche,
hebt Mei-Pochtler hervor. Der Fokus müsse vor allem in der Verstärkung des Sales-Bereichs sowie
der Reduzierung des Working Capitals liegen. „Partnerschaften“ rücken in das Zentrum des Geschehens: Kundenbeziehungen werden wieder zur Chefsache. „Führungskräfte sind wieder draußen bei den Klienten zu finden und delegieren diese Aufgaben nicht mehr an Mitarbeiter“, betont Soravia. Die Psychologie der Krise sei außerdem nicht zu unterschätzen. „Angst zerfrisst das Unternehmen sehr
schnell“, so Wiegmann.

Expansion möglich

Hoher Krisenseegang biete Unternehmenskapitänen
allerdings nicht nur Risken, sondern auch neue Chancen. „Für Betriebe, die gut aufgestellt sind, ist jetzt ein idealer Zeitpunkt, günstig auf Expansionstour
zu gehen“, erklärt Soravia. Bei rauem Gegenwind werden Firmen außerdem zunehmend innovativer. „In der Krise werden oft die meisten Innovationen kreiert“,
sagt Mei-Pochtler: „Nun finden am Markt die Überholmanöver statt.“ Wer kreative Köpfe an
Bord habe, könne mit genug Wind in den Segeln rechnen.

Die Beraterin vergleicht die aktuelle Situationfür Unternehmen mit einer Segelregatta. „Der besteKapitän zeigt sich in der schwierigsten Situation:
der Kurve.“


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