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„Nicht gekämpft ist auch verloren“

„Nicht gekämpft ist auch verloren“

04.07.2014 | 08:22 |  Johanna Zugmann (Die Presse)

Wer es bis ganz nach oben bringen will, darf sich an das Motto „Zubeißen statt durchbeißen“ halten und muss penibel darauf achten, nicht als netter Kollege oder Vorgesetzter für den Aufstieg disqualifiziert zu werden.

Dass uns brav sein karrieremäßig nicht wirklich weiterbringt, hat die Psychologin Ute Ehrhardt schon im Jahr 1996 in ihrem Buch „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ klargestellt. Ein bisschen abgeändert und gegendert räumt fast 20 Jahre später auch Jens Weidner, Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, mit dem Mythos „aggressionsfreie Arbeitswelt“ auf.

Blutdrucksenker
„Zubeißen statt durchbeißen“ empfiehlt er im Umgang mit fiesen Kollegen und cholerischen Vorgesetzten, deren Verhaltensmuster es zu durchschauen und strategisch zu nutzen gelte. Zum Wohle der eigenen Karriere und zugunsten eines deutlich niedrigeren Blutdrucks. 

Wer nämlich machtbewussten, nur auf den persönlichen Vorteil bedachten Charakteren auf höheren Hierarchieebenen mit allzu viel Nettigkeit entgegentritt, könnte für schwach gehalten werden, warnt Weidner in seinem Buch „Hart, aber unfair“. Und wer hoch qualifiziert, aber einfach zu nett sei, bleibe mit seinen guten Ideen ohnehin auf der Strecke und laufe sogar Gefahr, zum Opfer zu werden, so die These des Autors.

Bedeutet das Auszucken, Zurückbrüllen, wenn der cholerische Vorgesetzte sich wieder einmal im Ton vergriffen hat, Türenknallen oder ihm gar den Kaffee über das Haupt schütten, wenn die eigene Frustrationstoleranzgrenze überschritten wurde? Österreichs Machtexpertin Christine Bauer-Jelinek empfiehlt eine Doppelstrategie. Wer beruflich reüssieren will, sollte zweisprachig kommunizieren: sowohl die Beziehungssprache, also nett zu sein und auf andere einzugehen, die eigenen Bedürfnisse auch einmal zurückzustellen, einzusetzen, als auch die Ergebnissprache, mit der die eigenen Ziele in den Vordergrund gestellt und verfolgt werden.

Ob es stimmt, dass es die Wohlerzogenen, Netten, Sanftmütigen nie in die Chefetagen bringen? „Ganz oben trifft man sicher nur die Durchsetzungsstarken, die keine Scheu haben, klar und deutlich zu sagen, was sie erwarten“, sagt Georg Horacek, Human Resources-Chef der OMV, und damit verantwortlich für weltweit 27.000 Mitarbeiter und direkter Vorgesetzter von 50 Personen in der eigenen Personalabteilung im Headquarter in Wien. Darin sind unsere Landsleute nicht gerade Weltmeister: Der Personalchef beobachtet gerade in Österreich eine Tendenz zu diffundieren. „Statt eines klaren Ja oder Nein kommt oft das ,Schau ma mal‘, was einem japanischen Nein entspricht“, so Horacek.

Zwar glaubt er, dass das Auszucken am Arbeitsplatz schädlich sei, umgekehrt aber sehr nette Leute Gefahr laufen, nicht ernst genommen zu werden. „Weil an die Spitze nur die wirklich Durchsetzungsstarken kommen“, und es für diese Fähigkeit kein Training gibt, durchlaufen 60 Prozent der Nachwuchsführungskräfte seines Unternehmens Mentoring- und Coachingprogramme, in denen sie lernen, „sich unmissverständlich mitzuteilen“. Wobei Horacek auch noch einen geschlechtsspezifischen Unterschied sieht: Seiner Beobachtung nach tun sich Frauen eindeutig schwerer mit Durchsetzungsstärke und Härte als ihre männlichen Kollegen.

Wohldosiertes Auszucken
Den Ellbogeneinsatz bei konsequenter Verfolgung eigener Ziele gilt es aber wohlzudosieren: „Wer nur rücksichtslos ist, hat es bloß in speziellen Umgebungen leicht“, konstatiert Bauer-Jelinek, im angelsächsischen oder amerikanischen Raum etwa, wo das Leistungsprinzip samt hire and fire dominiert, was oft durch oberflächliche Freundlichkeit getarnt werde.

Es gebe niemanden, der allein mit der Holzhammermethode Karriere mache, sagt Bauer-Jelinek, die auch zahlreiche Topmanager coacht. Aber auch das umgekehrte Persönlichkeitsprofil hat keine guten Karten. Wer sich nur um das gute Betriebsklima kümmert, zur Klagemauer für die Kollegenschaft wird und dabei die eigenen Ziele aus den Augen verliert, bringt es nicht weiter. Traditionell seien dies eher Frauen.

Neuerdings aber beobachtet sie in ihrer Coaching-Praxis auch immer mehr junge Männer, Söhne der 68er-Generation, die in der Kindheit angehalten wurden, mit Puppen zu spielen.

Aggressionsbefreiendes Verhalten vom offenen Zornausbruch, der schon wegen der Verblüffung wirke, bis zu Zynismus wären jeweils mit Risiko verbunden: An falscher Stelle zu falscher Zeit praktiziert, könnten sie verheerende Auswirkungen haben, von Job- bis Imageverlust, etwa durch einen Shitstorm. Umgekehrt gelte aber: „Nicht gekämpft ist auch verloren“, sagt Bauer-Jelinek.

Auf einen Blick
Karrieretaktik. Autor Jens Weidner empfiehlt in seinem im Campus-Verlag erschienen „gemeinen Ratgeber für Arbeitnehmer“ mehr Mut zur „Aggression am Arbeitsplatz“ und deckt auf, warum allzu nette Zeitgenossen nicht wirklich ernst genommen, sondern gar als schwach abgestempelt werden. Anhand von neun Grundregeln leitet er dazu an, seinen Gegenspielern einen dornigen Rosenstrauß zu binden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2014)

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