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Immer Ärger mit der Airline

Immer Ärger mit der Airline

16.05.2013 | 18:04 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Entschädigung. Flugpassagiere können aus Verspätungen, Umbuchungen und Ausfällen Geld herausschlagen. Sofern sie sich durch den Gesetzesdschungel kämpfen.

Dreieinhalb Mal hat er die Welt umrundet, erzählt der stellvertretende Strabag-Vorstandsvorsitzende Thomas Birtel in der Abta Business Travel Lounge, 167 Flüge allein in den letzten 14 Monaten absolviert. Alle möglichen Widrigkeiten vonseiten der Airline sind ihm dabei widerfahren: stundenlange Wartezeiten am Gate und in der Kabine, umgeleitete oder gestrichene Flüge, verloren gegangene Gepäckstücke, sogar einen verunglückten Start mit einer gebrochenen Radaufhängung musste er erdulden.

Viel Ärger, für den man für gewöhnlich mit einem labbrigen Sandwich abgespeist wird. Reiseverbände rufen nun geschädigte Passagiere auf, ihre Rechte einzufordern. Was aufgrund der Vielzahl der anzuwendenden Richtlinien nicht gerade einfach ist. Rechtsanwalt Eike Lindinger nennt vier, über die er sogar ein Buch geschrieben hat (Fluggastrechte, Manz Verlag): Das Montrealer und das Warschauer Übereinkommen, die Pauschalreiserichtlinie und die Fluggastreiseverordnung. Lindinger: „Meine erste Frage lautet immer: Pauschal- oder Individualreise?“ Aus Ersterer lässt sich deutlich mehr herausschlagen. Bereits ab vier Stunden Verspätung können pro angefangene Stunde fünf Prozent Preisminderung geltend gemacht werden. Individualreisende schauen hier durch die Finger.

Verschuldensfrage

Vorab: Selbstverständlich muss der Fluggast eine gültige Reservierung besitzen und selbst pünktlich am Check-in gewesen sein. Chancen auf Refundierung oder Entschädigungszahlung bestehen grundsätzlich nur bei Verschulden der Airline. Da fallen Schnee, Sturm und Eisregen ebenso wenig darunter wie Streiks von Luft- und Bodenpersonal. Hat die Fluggesellschaft aber beim Eissturm verschlampt, die Tragflächen rechtzeitig enteisen zu lassen, trifft sie ebenso ein Verschulden wie bei technischen Defekten.

Flugverspätung. Einiges Kopfzerbrechen bereitet wohl den Fluglinien ein Urteil des EuGH vom 26. Februar 2013. Demnach haben Fluggäste ein Anrecht auf Entschädigungszahlung, wenn sie aufgrund eines auch nur wenige Minuten verspäteten Zubringerfluges ihren Anschluss verpasst haben. Für die Schadensberechnung wird nun nicht mehr nur die vielleicht minimale Verspätung des Einzelfluges herangezogen, sondern die Summe aller Flüge bis zur Landung am Endziel.

In Deutschland hat sich bereits das Webportal Flightright.de für einfache Fälle nach der Fluggastrechtverordnung auf die erhoffte Marktlücke gesetzt. Gegen eine Provision von 25 Prozent der erstrittenen Refundierung verspricht sie geschädigten Passagieren für Flüge, die in der EU starten bzw. für alle, die in der EU landen, wenn die Fluglinie ihren Sitz in der EU hat, je nach Flugstrecke
– 250 Euro bei Entfernungen bis zu 1500 Kilometern,
– 400 Euro bei EU-Flügen von mehr als 1500 Kilometern und bei allen anderen von 1500 bis 3500 Kilometern und
– 600 Euro bei allen anderen.

Verpflegung. Stundenlang gewartet ohne Essen und Trinken? Passagieren stehen kostenlose Versorgungsleistungen wie Mahlzeiten, Getränke, Telefonate oder andere Kommunikationsmittel zu, im Notfall auch Hotelunterkünfte einschließlich Transfer dorthin:
– ab zwei Stunden Verspätung bei Entfernungen bis zu 1500 Kilometern,
– ab drei Stunden Verspätung bei EU-Flügen von mehr als 1500 Kilometern und bei allen anderen von 1500 bis 3500 Kilometern und
– ab vier Stunden bei allen anderen Flügen.
– Ab fünf Stunden Delay kann der Fluggast vom Flug zurücktreten und innerhalb von sieben Tagen die Kosten zurückfordern.

Nichtbeförderung. Bucht die Fluglinie den Passagier zum eigenen Vorteil auf eine andere Gesellschaft um (etwa um sich die Kosten für nicht ausgelastete Maschinen zu sparen), spricht man von Nichtbeförderung. Gebühren für diese Umbuchung dürfen nicht anfallen. Auch hier besteht ein Entschädigungsanspruch von 250 bis 600 Euro.

Flugausfall. Trifft die Fluggesellschaft zumindest eine Mitschuld am Ausfall, muss sie schnellstmöglich einen Ersatzflug und gegebenenfalls Versorgungsleistungen anbieten. Die Höhe der Entschädigungsleistung wird nach obigem Schlüssel berechnet. Der Passagier muss allerdings zur Wahrung seiner Rechte am Flughafen weilen – dreht er schon auf der Autobahn um, weil er im Radio vom Ausfall hört, hat er verspielt.

Mehren sich solche Regressansprüche, wird den angeschlagenen Airlines nichts anderes übrig bleiben, als sich nach neuen Einnahmequellen umzuschauen. Man ist kreativ: Nach steigenden Gepäckspreisen sind dafür bereits kostenpflichtige Sitzplatzreservierungen und Kopfhörer im Gespräch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2013)

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