Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
Ploetzlich

Plötzlich Job

12.04.2013 | 14:00 |  Daniel Kunc und Andrea Lehky (Die Presse)

Kaltstart ins Berufsleben: Der Anfang bringt große Umstellungen mit sich. Einsteiger berichten.

Lisa (24) hat es gut getroffen. Nach dem Jusstudium landet sie am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, wo sie die juristische Realität erlebt und dabei mit mehreren Sprachen jongliert. Das klingt toll und ist es auch für sie. Was ihre größte Umstellung zum Studium war? „Einen Chef zu haben!“, lacht Lisa.

Doch hinter ihrem Lachen steht ein Thema, mit dem gar nicht so wenige Absolventen kämpfen. Während des Studiums teilten sie sich ihr Leben und ihren Tagesablauf weitgehend selbst ein (wer das heute noch nicht glaubt: wartet ab!). Sind sie erst einmal im Beruf, sind sie (zumindest) nine to five angebunden und müssen selbst für einen simplen Lebensmitteleinkauf eine Lücke finden. Freunde treffen? Immer seltener. An ihre Stelle treten Chefs und Kollegen, mit denen man bald mehr Zeit verbringt als mit dem eigenen Partner. „Ich sehe sie öfter als meine Familie“, stellt Lisa nicht ohne Bedauern fest. Auch wenn sie es mit ihrem Team gut getroffen hat – ausgesucht hat sie sich diese Menschen nicht, so wie sie sich früher Studienkollegen und Professoren selbst aussuchen konnte.

Den Unterschied zwischen Theorie und Praxis wiederum erlebt Lisa positiv: „Auf der Uni hatten wir erfundene Fälle zu lösen, die weit von der Realität entfernt waren. Als praktizierender Jurist siehst du, wie sich das Recht auf das Leben der Menschen auswirkt.“ Dieser Status als „Problemlöser“ gefällt ihr. Weniger dagegen behagt ihr die Enge der Fachgebiete, sobald man sich auf einen Spezialbereich festgelegt hat. Monatelange Beschäftigung mit immer demselben Gebiet ist eben nicht so spannend wie früher die Vorlesungen mit stets anderen Themen.

Es ist die verlorene Freiheit, die viele Young Professionals so schmerzlich vermissen. Eben noch Herr (oder Frau) ihrer Zeit und offen für die hundert Optionen, die das Leben so bietet, finden sie sich plötzlich in ein enges Korsett gepresst. Nicht, dass es unmenschlich oder grausam wäre – es ist nur anders, als man es gewohnt war. Diese Umgewöhnung kann ganz schön schwierig sein.

Biorhythmus außer Takt

„Ich bin ein Nachtmensch“, sagt Michael (25). Das war während seines Geschichte- und Politikwissenschaften-Studiums kein Problem. Da inskribierte er einfach nur Vorlesungen, die nach zehn Uhr früh begannen. Schließlich lernte er ja auch bis weit nach Mitternacht. Heute arbeitet Michael in der PR-Abteilung eines großen Reisebüros. Da er immer noch spätabends zur Bestform aufläuft, nimmt er sich Arbeit mit nach Hause – und kommt zum Pressetermin am nächsten Morgen um acht mit dunklen Augenringen. Wie lange es noch dauern wird, bis sich sein Biorhythmus umstellt? „Ewig“, befürchtet Michael, dem auch seine gewohnten sportlichen Workouts abgehen: „Ich bin jetzt viel weniger ausgeglichen.“

Auch, weil ihm die Erholungspausen in den Ferien fehlen: „Zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich jetzt der Einzige in meiner Familie, der arbeiten muss. Von den langen Sommerferien will ich gar nicht reden.“ Bis zu 21 Uni-Ferienwochen (Feiertage gar nicht mitgezählt) lassen sich durch fünf Urlaubswochen als kleiner Angestellter eben nicht aufwiegen.

Keine Zeit fürs Kino

Noch härter trifft der Zeitmangel Sandra (26). Die Theaterwissenschaftlerin verdient sich ihren Lebensunterhalt als freie Mitarbeiterin gleich bei mehreren Medien. Daneben macht sie ihren Master. „Ich habe nicht einmal mehr Zeit zum Schlafen“, jammert sie. „Ich würde gern wieder einmal ins Kino gehen. Aber woher soll ich die zwei Stunden nehmen?“ Warum sie sich die multiple Belastung antut? „Ich bin halt ehrgeizig“, zuckt sie mit den Achseln und hofft, dass sich der Aufwand auszahlt: „Irgendwann einmal.“

Apropos bezahlt machen: Sein festes Gehalt weiß PR-Mann Michael natürlich schon sehr zu schätzen. Kein Hüpfen mehr von Job zu Job (einer schlechter bezahlt als der andere), sondern ein fixer Betrag zu jedem Monatsersten, 14-mal im Jahr. Wobei kaum ein Absolvent mit seinem Einstiegsgehalt zufrieden ist. Juristin Lisa, als sie noch in Wien lebte: „Als Rechtspraktikantin habe ich für 40?Wochenstunden 860?Euro bekommen – weniger als eine Billa-Verkäuferin!“

Geld statt Freiheit


FH Bank- und Finanzwirtschafter Philipp (29) war volle sieben Monate auf Jobsuche. Danach musste er nehmen, was er bekam: „Das erste Jahr war ich befristet angestellt. Da sie in der Bank aber so zufrieden mit mir waren, haben sie mir den Vertrag schon vorzeitig und unbefristet verlängert – samt Bonus und satter Gehaltserhöhung.“

Auch wenn ihm sein Mittagsschlaf abgeht (ein Luxus, den er sich während seiner Suchzeit angewöhnt hat), weiß er die Gleitzeitregelung in seiner Bank schon sehr zu schätzen: „Die Uhr läuft, sobald ich meine Karte einscanne. Brauche ich mit der Arbeit länger, bekomme ich Überstunden ausbezahlt oder gehe an anderen Tagen früher heim.“ Leerläufe wie auf der Uni, als er so manche Vorlesung einfach „absaß“, gibt es keine mehr. Auch kein Daheimbleiben vor wichtigen Prüfungen, oder wenn er sich krank fühlte: „Früher hast du nur für dich Verantwortung getragen. Jetzt trägst du sie für die Firma.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2013)

1 Kommentare
Ertl
18.04.2013 19:22
0 0

Luxus

Hoffentlich ist sowohl den Presse Redakteuren als auch den interviewten Berufseinsteigern klar,dass sie sich zu einem Luxusproblem äußern.Hunderttausende in der EU wären froh,nicht arbeitslos (egal ob nach dem Studium oder während der Berufslaufbahn)zu sein und würden dafür gerne darauf verzichten,ins Kino gehen oder ausschlafen zu können.
AnmeldenAnmelden
DiePresse.com