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Vergleiche, die sich (nicht) rechnen

28.03.2013 | 17:58 |  Nikolaus Koller (Die Presse)

Kommende Woche ist „Equal Pay Day“: Diskriminierungen beim Salär finden statt. Uneinigkeit herrscht darüber, ob es sich dabei um mehr als nur Einzelfälle handelt.

Gehaltsstatistiken können auf unterschiedlichen Wegen errechnet werden – das gilt auch für den „Tag der Einkommensgleiche“. Diesen gibt es gleich zwei Mal im Jahr: Bis kommenden Freitag, den 5. April, müssen Frauen in Österreich (weiter-)arbeiten, um auf dasselbe Jahressalär 2012 wie ihre männlichen Kollegen zu kommen. Auf den zweiten „Equal Pay Day“ im Herbst – im letzten Jahr war es der 6. Oktober – wird hingegen „zurückgerechnet“: Mit diesem Datum haben Männer bereits dieselbe Summe verdient, für welche Frauen noch bis zum 31. Dezember werken mussten.

Beiden Rechenwegen liegen die Zahlen der Statistik Austria aus dem Jahr 2011 zugrunde, wonach Frauen hierzulande 23,7 Prozent weniger verdienen würden als Männer. Laut aktuellem Eurostat-Vergleich derselben Daten in der EU ist die sogenannte Lohnschere nur noch in Estland größer als in Österreich.

Vergleich ist „Obstsalatstudie“


Bei genauem Hinsehen entpuppe sich diese so gern verwendete Statistik aber als „Äpfel-Birnen-Vergleich“, wie Conrad Pramböck vorrechnet, da hier nur die Bruttostundenverdienste aller männlichen und weiblichen Beschäftigten des Landes verglichen werden. Eine solche Statistik sei eine „Obstsalatstudie, in der Äpfel, Birnen und Orangen in einen Topf geworfen werden“. Sie unterscheide nicht zwischen Voll- und Teilzeitstellen, Branchen und Funktionen. So werden die hohen Stundensätze der – meist noch immer männlich dominierten – Managerriegen ebenso dazugezählt wie der weitaus schlechter bezahlte (und stark weibliche) Assistenzbereich, erklärt der Gehaltsexperte von Pedersen & Partner. Ein geschlechterspezifischer Unterschied könne daher aus diesen Daten nicht herausgelesen werden. Um die Saläre von Männern und Frauen miteinander vergleichen zu können, müsste es sich um denselben Job bei Unternehmen in derselben Branche handeln. Auch sollten die Personen über dieselbe Berufserfahrung verfügen, Manager etwa denselben Verantwortungsbereich haben.

Er selbst habe solche Vergleiche in Studien durchgeführt. Eine Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts habe er nicht erkennen können. Ist die oft beklagte „Gehaltsschere“ also nur eine statistische Unschärfe? Ines Stilling, Leiterin der Sektion II im Frauenministerium und somit zuständig für Frauenangelegenheiten und Gleichstellung bestätigt Pramböcks „Äpfel-Birnen-Vergleich“. Die Daten müssten bereinigt werden. Eine Diskriminierung will sie trotzdem erkennen: „Wenn man alle Bereinigungen durchgeführt hat, bleiben zehn Prozent Differenz über, die rein auf Geschlechterdiskriminierung zurückzuführen sind.“

Spart oder diskriminiert HR?

Christa Kirchmair, Vizepräsidentin von BPW (Business and Professional Women), setzt „den unerklärlichen Bereich bei 16 bis 18 Prozent“ an. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ – so die politische Forderung des Frauennetzwerks, das den „Equal Pay Day“ nach Österreich gebracht hat – sei noch lange nicht erreicht.

Dieser Einschätzung kann Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek wenig abgewinnen: Es gebe keine Unterschiede in der Bezahlung aufgrund des Geschlechts, weil – vor allem bei Arbeitern angewandte – Kollektivverträge und Beamtengehälter auch für beide Geschlechter gelten und es in der Privatwirtschaft keine Ausreißer bei den Gehaltsbandbreiten gebe. „Wenn das so wäre: Warum stellen Personalleiter dann nicht nur Frauen ein, wenn sie sich ein Viertel der Kosten ersparen können?“

In Konzernen würden sich die Unterschiede auch anders darstellen, erwidert Stilling: Beide Geschlechter würden innerhalb vorgegebener Gehaltsbandbreiten bezahlt werden. Größere Unterschiede gebe es allerdings bei den Bonifikationen. Hier käme es immer noch zu Benachteiligungen von Frauen. Gänzlich ausschließen kann auch Bauer-Jelinek Diskriminierungen nicht. „Im Einzelfall gibt es leider schon welche, aber sie kommen nicht systematisch vor“, ist sich die Autorin des Buches „Der falsche Feind. Schuld sind nicht die Männer“ sicher.

„Diskriminierung passiert“, stellt auch Stilling klar. Ein Personalchef, der einer Bewerberin, die weniger verlangt, als sie könnte, nicht das mögliche Salär zugesteht, sei sich nur nicht bewusst, dass er damit auch jemanden aufgrund seines Geschlechts diskriminiere. Frauen verhandeln oft bei Gehaltsgesprächen weniger hart. Sie achten bei einem neuen Job vielmehr auf andere Dinge – etwa die Arbeitsatmosphäre oder flexible Arbeitszeiten –, so die Sektionsleiterin. Auch Kirchmair meint, dass die Thematik in einem breiten Kontext zu sehen sei.

Beruf, Branche, Teilzeit hindern

Wie die BPW-Vizepräsidentin sehen auch die anderen die Ausbildungs- und Berufswahl als einen Grund für die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen erlernen nicht nur seltener gut bezahlte Berufe – Stichwort: Technik –, sie arbeiten auch seltener in den besser bezahlten Branchen. „Frauen verdienen zwischen 25 und 30 Prozent weniger, weil sie meist andere Jobs machen“, bestätigt Pramböck anhand seiner Gehaltsdaten. Teilzeitbeschäftigung führe ebenfalls zu einer Verschlechterung der Einkommenssituation: Um bis zu acht Prozent pro Stunde verdiene man weniger, wenn man nicht „voll“ arbeite, sagt Stilling. Diesem Befund stimmt auch Pramböck zu: „Teilzeit ist sicherlich der Karrierekiller Nummer eins.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

4 Kommentare
warum nicht
02.04.2013 14:34
2 0

schwammiger Vergleich

Werden hier wieder mal Frauen die Teilzeit im Einzelhandel arbeiten mit Männer die nach einem HTL-Abschluss einen 50-Stunden-Job haben verglichen? *gähn*

Lasst euch mal was neues einfallen, dieser "Vergleich" stinkt.
periskop
31.03.2013 18:30
3 0

Wahrscheinlich werden Frauen wegen ihres Geschlechtes öfter bevorzugt als benachteiligt!


Aber sowohl das Eine wie das Andere sind nur Ausnahmen. Das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" funktioniert praktisch überall dort, wo es das Gesetz erlaubt. Nach der "Allgemeinen Dienstnehmerschutzverordnung" dürfen aber Frauen nicht mit schweren, gefährlichen oder gesundheitsgefährdenden Arbeiten beschäftigt werden. Da diese Arbeiten natürlich höher bezahlt werden, gibt es hier eine vom Gesetz erzwungene Diskriminierung von Frauen!

Zu berücksichtigen ist aber auch, dass gleiche Ausbildung nicht dasselbe ist wie gleiche Leistung, weshalb es Unsinn ist, bei der Suche nach Ungleichbehandlung immer nur die Ausbildung heranzuziehen!

Außerdem ist es völlig unbedeutend, ob Männer mehr als Frauen verdienen oder nicht! Geld verdienen bringt ja noch keinen Nutzen, der entsteht erst beim Geld ausgeben und da zeigen alle Statistiken, dass Frauen über den größeren Teil des Familieneinkommens verfügen. Bei den Ausgaben der Männer ist auch noch zu berücksichtigen, dass sie oft Geld für ihre Frauen ausgeben, was das Verhältnis verändert.

Alles in allem ist die von Frauenpolitikerinnen ausgestreute Behauptung, dass Frauen finanziell schlechter gestellt sind als Männer, völlig aus der Luft gegriffen und falsch!
Margret_Fasan
30.03.2013 12:58
2 0

Die Statistik lügt ...

... das sieht man hier sehr genau. Danke, dass hier geprüft wurde!
DE.K.P.
29.03.2013 21:54
1 0

+1

einer der besten artikel zum them einkommensvergleich der geschlechter den ich gelesen habe. unaufgeregt, unterschiedliche (ernstzunehmende) u oppinionleader berücksichtigt und eingebaut und das thema in seiner breite erfasst (wo hört diskriminierung auf?).
chapeu, wirklich toll gemacht!! nachahmenswert!
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