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„Sie sind ein Goldfisch“

01.02.2013 | 10:49 |  (Die Presse)

Kreativität. Innovationen braucht das Land, will es im globalen Wettbewerb bestehen. Doch woher die Ideen dafür nehmen? Querschnitt durch einen bunten Teich.

1. Der Pragmatiker

Für Beraterfürst Fredmund Malik ist Management ein Handwerk – und damit erlernbar. Ebenso geht sein Mitarbeiter Wolfgang A. Erharter in „Kreativität gibt es nicht“ (Redline) an das Thema heran. Vier Schaffensmodi gebe es, wobei die wahre Kreativarbeit im ersten Modus stattfände, dem defokussierten Zulassen, am besten im Halbschlaf oder in leichter Trance, unter der Dusche oder beim Joggen. Heureka-Ideen seien schlichte Abfallprodukte der täglichen Routine, tauchen aus dem Nichts auf und lassen einen nicht wieder los. Aufschreiben ist trotzdem hilfreich.

Schaffensmodus zwei akkordiert die Idee mit den Regelbedingungen des Metiers, „den Formalkriterien, die für Popsongs ebenso gelten wie für Dissertationen“. Schritt drei umfasst Fokussieren, Perfektionieren und „den Sack zumachen“; Schritt vier das Loslassen – das Werk ist abgeschlossen und entzieht sich dem weiteren Einfluss, „wie ein Kind, das sein Elternhaus verlässt“.

2. Der Techniker

Innovationen „beseelen“ ICG-Geschäftsführer Stefan Posch. Als TU-Elektrotechniker sucht er „den Hebel“ für Kreativität. Zuerst: Beobachte die Nöte deiner Kunden, wo müssen sie vier Tasten drücken statt nur einer? Definiere dann konkret das Problem – kein vages „Lasst uns die Weihnachtsfeier gestalten“, sondern Zeit, Ort, Personenzahl und Budget, dann sehen die Teilnehmer klarer. Finde heraus, was das ideale Ergebnis ist und was sie bisher daran hindert.

Für den eigentlichen Kreativitätsprozess gibt es Tricks. Die 6-3-5-Methode etwa, bewährt bei Vorgesetzten, die das freie Entfalten behindern: Sechs Personen schreiben je drei Ideen in fünf Minuten auf Zettel und geben diese an ihre Nachbarn weiter, die sie ergänzen und ihrerseits weitergeben, bis am Ende alle von den besten – und nunmehr überprüften – Ideen „angezündet“ sind. Oder die 1-2- alle-Methode für tendenziell schüchterne Teilnehmer: Man schreibe seine Ideen erst für sich selbst auf, teile und ergänze sie dann mit einem Nachbarn und pinne sie schließlich an eine Wand. Öffentliche Punktebewertungen mag Posch wiederum gar nicht: Der Herdentrieb verleite dazu, sich der Masse anzuschließen.

3. Die Sammler

Ernst Pöppel und Beatrice Wagner verarbeiteten in ihrem (bemerkenswert unkreativ gestalteten) Buch „Von Natur aus kreativ“ (Hanser) Dutzende Interviews, Gedanken und sogar Gedichte ohne erkennbaren roten Faden. Wir erfahren, dass es hilfreich ist, den vorgegebenen Denkrahmen zu verlassen oder das Problem mit anderen zu besprechen, weil man dann den Sachverhalt strukturieren und verständlich vortragen muss. Auch dass das Gehirn beim Denken Energie verbrennt, lässt sich gut in eine Diät einbauen.

4. Der Provokateur


Alf Rehn, finnischer Ordinarius für Management und Organisationslehre, gefällt sich in der Rolle des Enfant terrible. Seinen Studenten kündigt er schon einmal den Rauswurf aus seinem Kurs an, sollte ihm nicht jeder binnen einer Stunde 20 Geschäftsideen liefern. Sein Augenmerk gilt den letzten fünf: Erst wenn das bequeme Hirn alle naheliegenden Ideen abgedroschen hat, wechselt es in den Panikmodus und wird richtig kreativ. „Sie sind ein Goldfisch“, das ist noch das netteste, was Rehn seinen Jüngern in „Gefährliche Ideen“ (Campus) an den Kopf wirft. Um „den Kreativmotor zu frisieren“, empfiehlt er, 20 Dinge aufzuschreiben, vor denen es sie ekelt. Schneckenbrei zu essen etwa, übrigens die Delikatesse eines Michelin-besternten britischen Restaurants: „Man wird viel kreativer, wenn man ein klein wenig Ekel zulässt.“ Oder obszönes Denken, das funktioniere auch.
Schnelltest für die Unternehmenskreativität: Beantworten Sie erst die drei Fragen, was in Ihrer Firma/Branche gar nicht geht, was verboten ist und welches Verhalten unangebracht ist. Dann fragen Sie sich, wann Sie diese Dinge zuletzt getan haben bzw. warum Sie keines davon getan haben. Ergebnis ist das (unterdrückte) schlummernde Potenzial.

Kopieren ist übrigens gar nicht böse, sondern klug: Hat doch der erste Akteur die hohen Entwicklungskosten zu stemmen, während kreative Nachahmer die Gewinne einstreifen. Die chinesische Kopiermafia hört das sicher gern.


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