Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
Manager Strasse stehen

Manager, die auf der Straße stehen

01.02.2013 | 11:00 |  Nikolaus Koller (Die Presse)

Langzeitarbeitslose. Wer über ein Jahr ohne Job ist, bekommt schwer wieder einen: Nur ein Drittel der gekündigten Führungskräfte schafft es wieder zurück in die Vorstandsetagen.

Die Karriere von Werner Granofszky las sich lang, als wäre sie dem Bilderbuch entsprungen: Vom Innendiensttechniker arbeitete sich der gebürtige Wiener Schritt für Schritt in die Führungsebenen des internationalen Hydraulik-Konzerns KSB, der nach eigenen Angaben weltweit rund 14.500 Mitarbeiter beschäftigt, hinauf. Der gelernte Maschinenbauingenieur zeichnete dabei als Country Manager für die Aktivitäten des Unternehmens in Ungarn ebenso verantwortlich wie als Leiter einer Vertriebsgruppe in der deutschen Unternehmenszentrale. 2005 kehrte er als Geschäftsführer der österreichischen Niederlassung nach Wien zurück. Granofszky war für über 100?Mitarbeiter sowie einen Umsatz von zuletzt 49 Mio. Euro verantwortlich. 2010 kam es zum Bruch. Der damals 55-Jährige habe „nicht mit den Vorgaben des Vorstands korrespondiert“, formuliert Granofszky seinen Abgang aus dem Konzern in die Arbeitslose diplomatisch.

Obwohl der Manager mit einer technischen Ausbildung sowie internationalen Erfahrungen zwei Karriere-Atouts in seiner Tasche hatte, blieb er über ein Jahr lang ohne Beschäftigung. Damit war Granofszky einer von rund 5400?Langzeitarbeitslosen in diesem Land. Rund 5,5 Prozent davon sind Akademiker – Tendenz steigend, wie Martin Mair, Obmann des Selbsthilfevereins „Aktive Arbeitslose“, bestätigt.

„Langzeitarbeitslosigkeit trifft jetzt auch vermehrt Akademiker und gut ausgebildete Leute“, so der 48-jährige Universitätsabsolvent, der selbst seit zehn Jahren arbeitslos ist. ist. Etwa ein Fünftel tel der 110 Mitglieder des Vereins verfügt über ein Studium.
Doch nicht nur immer mehr arbeitslose Akademiker finden nicht in den Job zurück, auch die Zahl der Führungskräfte unter den Langzeitarbeitslosen wird größer, berichtet Josef Siess, Leiter von EUSPUG. Das Europäische Service für Personalvermittlung und Unternehmensgründung vermittelt arbeitslose Führungskräfte sowie Akademiker in den Arbeitsmarkt. Einig sind sich beide, dass Langzeitarbeitslose nur sehr schwer wieder den Einstieg in den Berufsalltag finden.

Schweden als Vorbild?

Das zeigt auch ein Blick über die Grenzen: In Schweden sind 19 Prozent aller Arbeitslosen länger als ein Jahr ohne Job. Das ist der niedrigste Wert in Europa. In Österreich handelt es sich bei knapp einem Viertel aller Unbeschäftigten um Langzeitarbeitslose. Wer lang ohne Job bleibe, der laufe sehr leicht Gefahr, den Bezug zur Jobrealität zu verlieren und dadurch nur noch sehr schwer vermittelbar zu sein, sagt Johnny Zetterberg von der „Arbetsformedlingen“, dem schwedischen Arbeitsmarktservice.

Daher werde – unter anderem mittels Steuererleichterungen für Unternehmen, die Langzeitarbeitslose einstellen – versucht, die Menschen „aktiv“ zu halten. „Oft denken Recruiter, dass Menschen, die lang ohne Job sind, ihre Fähigkeiten verloren haben, nicht mehr einsetzbar sind.“ Die Schweden setzen daher stark auf Ausbildungsprogramme – nicht immer erfolgreich, wie Zetterberg einräumt: „Viele Arbeitslose sind sehr lang in Schulungen. Manche behaupten daher, unsere Statistiken seien künstlich.“

Private Probleme

Wie kommt es dazu, dass Manager auf der Straße landen? Meist seien Restrukturierungen der Grund dafür: „99 Prozent der Manager glauben, gleich wieder einen Job zu finden – dabei übersehen sie, dass die Luft an der Spitze sehr dünn ist“, sagt Siess. Bis die ehemaligen Vorstände wieder einer Beschäftigung nachgehen, dauere es oft mehrere Jahre. Auch, wie Siess aus seiner umfangreichen Beratungspraxis erzählt, weil mit dem Abflug aus der Chefetage oft der Lebenspartner „Adieu“ sagt. „Den Satz ,Ich habe doch einen Vorstand geheiratet, keinen Arbeitslosen‘ habe ich nicht nur einmal in den letzten Jahren gehört.“

Auch die Tatsache, dass ehemals „gute Geschäftsfreunde oft nicht mehr das Telefon abheben“ ließe viele ehemalige Management-Stars tief auf den Boden der beschäftigungslosen Realität fallen. Dann folge oft der Absturz: Bei einem Drittel seiner Fälle sei dieser „eklatant“, sagt Siess: Drogen seien weniger verbreitet, dafür greifen gefrustete Ex-Vorstände öfter zur Flasche oder zocken im Casino.

Nur einem Drittel gelingt der Sprung aus der Arbeitslosigkeit zurück in eine Führungsetage; andere steigen einige Stufen tiefer auf der Karriereleiter ein; wieder andere machen sich – wie der Ex-KBS-Österreich-Chef Granofszky, der nun als Berater tätig ist, – selbstständig. Headhunter und Personalberater sind in diesen Situationen auch keine Hilfe: „Ein guter Berater erkennt, dass er diese Manager keinem Kunden vorschlagen kann.“

Was können arbeitslose Akademiker und Führungskräfte nun machen? „Man muss sich mit etwas Sinnvollem beschäftigten, damit es einem selbst gut geht. Eigene Interessen weiter pflegen, sich persönlich weiterentwickeln“, rät Mair. Die Gefahr, sich abzukapseln, ist groß. „Daher sollten gesellschaftliche Kontakte gepflegt werden.“ Das größte Problem können aber nicht die Arbeitslosen, sondern nur die Recruiter lösen: „Das Märchen vom lückenlosen Lebenslauf muss endlich aufhören“, sagt Mair.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 2.2.2013)

AnmeldenAnmelden
DiePresse.com