Größe ist nicht alles
11.01.2013 | 12:45 | Andrea Lehky (Die Presse)
Wirtschaftstreuhänder. Bei einem der „Big Four“ anzuheuern gilt als Ziel vieler hoffnungsfroher Absolventen. Doch einige wären in mittelgroßen Kanzleien besser aufgehoben.
Der Markt für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer wächst stetig (siehe Kasten weiter unten) und verlangt weit mehr Nachwuchs als tatsächlich vorhanden ist. Bislang waren die „Großen Vier“ (Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PwC) in ihrem Werben im Vorteil, erlaubten ihnen ihre Ressourcen doch, Studenten und Absolventen dank ausgeklügelter Recruiting-Programme direkt von der Uni abzuholen.
Doch es macht sich ein Stimmungsschwenk bemerkbar. „In 18 Monaten hatte ich genau einen Kundenkontakt“, erzählt ein (anonym bleiben wollendes) gebranntes Kind. „Millionenprojekte habe ich abgewickelt“, sagt ein anderes, „ohne Feedback und ohne Dank.“ „Nie bin ich vor 20 Uhr heimgekommen. Meine jetzige Kanzlei ist eine Nummer kleiner, dafür habe ich wieder ein Privatleben.“ Drei Einzelstimmen, die keinesfalls repräsentativ sind, und doch spiegeln sie die Schwachstellen der Großen wider – und die Stärken des Mittelbaus.
Marktverschiebung
Die Branche kämpft sich durch unruhige Zeiten. Die Big Four mit je bis zu 1000 Mitarbeitern in Österreich können alles und bieten alles. Sie stöhnen unter Kosten-, Preis- und Wettbewerbsdruck. Letzteren nicht nur untereinander: Auch die Zunft der Rechtsanwälte buhlt um die jungen Treuhänder, um mit deren Leistung ihr eigenes Portfolio aufzuwerten, skizziert Heinrich Mathis von der Kammer der Wirtschaftstreuhänder (KTW).
Die „Goldene Mitte“ wiederum hat zwei Optionen: Entweder die Kanzleien positionieren sich als Allrounder oder sie profilieren sich mit einer klaren Spezialisierung. Der Trend zu letzterem verstärkt sich, verlangen doch auch die immer komplexeren regulatorischen Vorschriften nach zunehmender Expertise. Die Beweglichkeit solcher überschaubar großen Einheiten erlaubt ihnen, fehlende Kompetenzen durch Kooperationen mit anderen, unterschiedlich spezialisierten Kanzleien oder mit Einzelkämpfern auszugleichen. Eben ist im Markt ein starker Zug zu solchen Zusammenschlüssen auf Projekt- und Kundenbasis zu beobachten. Seine Berufsanwärterprüfung könne man in einer Kanzlei beliebiger Größenordnung machen, meint Mathis, „da ist eine so gut wie die andere.“ Wer jedoch „viel selber machen und nahe beim Kunden“ sein wolle, der solle besser im Reich der Mitte anheuern.
Lernen bei den Mittelgroßen
Eine Ausbildung im Mittelfeld werde zunehmend „wegen des vollen Überblicks geschätzt“, meint auch Klaus Gaedke. Der Steirer führt in der KWT den sperrigen Titel „Obmann des Berufsgruppenausschusses der Berufsanwärter“ und kümmert sich um die Sorgen und Nöte des Nachwuchses: „Für viele steht von Anfang an fest, dass sie zu einem der Big Four wollen. Ein guter und richtiger Weg, keine Frage. Aber sie werden dort in ihrer Berufsanwärterzeit nicht alles sehen können.“ Man werde in einem Bereich eingesetzt und gehe dort in die Tiefe – eine Fokussierung, die sich bereits bei der bekannt fordernden Prüfung als Nachteil erweisen könne: „Dann hat man zwar in diesem einen Feld Profiwissen, bekommt aber wenig Rundum-Einblick, etwa in betriebswirtschaftliche, steuer- oder sozialversicherungsrechtliche Aspekte.“ Das sei allerdings ein typisches Wiener Problem: In den Bundesländern hätten auch die Dependancen der Großen Vier überschaubare Dimensionen.
Vorsicht sei jedoch geboten, wolle man bei einer sehr kleinen Kanzlei mit bis zu etwa zehn Mitarbeitern ankern. Dort hänge viel von der Person des Vorgesetzten ab. Gaedke kennt Geschichten von Eigentümern, die ihre Fachliteratur im Kasten wegsperrten, um ihr Wissen nicht mit den Jungen teilen zu müssen. Solchen Protektionismus hilft meist schon die bloße Präsenz mehrerer Steuerberater und der Gruppendruck mehrerer Berufsanwärter in der Kanzlei zu vereiteln.
Gesamtsicht statt Zahnrad
Seine Lektion hat der junge Steuerberater Paul Heissenberger gelernt. Nach kurzen Lehrjahren (natürlich bei einem der Big Four) gründete er in Maria Enzersdorf nahe Wien seine eigene Kanzlei. „Das Leuchten in den Augen meiner Klienten, wenn ich ihnen ein paar tausend Euro erspare“ war ihm wichtiger als ein Zahnrad im großen Getriebe zu sein. Ob sein Karrierestart richtig gewählt war? Bei einem Mittelständer hätte er eher gelernt, was heute sein tägliches Brot ist, meint er: „Vom ersten Buchungssatz an miterleben, wie eine Bilanz entsteht.“ Solche Gesamtsicht wäre für seine Selbstständigkeit nützlicher gewesen.
Die Big Four werden dank ihrer Marktmacht im Kampf um den Nachwuchs erfolgreich bleiben. Doch PwC Personalchefin Liz Hull ist wachsam: „Die Generation hat Ansprüche. Wenn sich die Teamleiter nicht um sie bemühen, bleiben ihnen die Leute nicht.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)













