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Sicherheit Personalfaktor

Sicherheit als Personalfaktor

21.12.2012 | 10:45 |  Jürgen Leidinger (Die Presse)

International. Die russische IT-Pionierin Natalia Kaspersky sieht Datenlecks nicht nur als Softwareproblem: Lösungen können nicht an den Mitarbeitern vorbeigehen.

Natalia Kaspersky hat gelernt, mit dem Ungewissen umzugehen. Eigentlich wollte sie vor Kurzem nur einen äußerst knapp getimten Ausflug nach Wien machen – um an der Galanacht der russischen Wirtschaft teilzunehmen, ein paar Interviews zu geben und dann wieder zurück zu ihrem Nachwuchs zu jetten. Das Moskauer Schneechaos machte aus dem Kurztrip eine Odyssee, die sich über einen Tag und eine Nacht erstrecken sollte. 

Und auch von der russischen Wirtschaft hatte Kaspersky keine besonders positiven Nachrichten mitgebracht: „Insgesamt ist die Stimmung nicht besonders gut. Die Kunden unseres Unternehmens Infowatch sind große Unternehmen. Da war das letzte Jahr schon schwierig“, meint die Unternehmerin gleichmütig. „Langfristig sehe ich aber eine gute Perspektive. Schließlich gibt es ständig zunehmendes Interesse am Thema Sicherheit.“

Die Gefahr von innen 

Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann hat Kaspersky schon in den 1990ern Pionierarbeit im Bereich der Antivirensoftware geleistet (siehe Infokasten). Mit ihrem aktuellen Unternehmen versucht sie nun eine Stufe weiterzugehen. Sicherheit soll künftig nicht mehr nur als reines IT-Thema betrachtet werden. In den vergangenen Jahren haben Arbeitgeber gelernt, mit Gefahrenherden wie Viren oder auch der Spam-E-Mail-Flut relativ sicher umzugehen. „Bedrohungen, die von innerhalb des Unternehmens kommen, werden oft noch nicht beachtet“, sagt Kaspersky. „Mit verschiedenen Viren haben die Menschen schon ihre Erfahrungen gemacht und ein Verständnis dafür entwickelt. Bei inneren Bedrohungen ist es dagegen ganz schwierig, etwas zu tun. Hier gibt es einen starken Personalfaktor.“

Es geht um die eigenen Mitarbeiter, die leichtfertig mit vertraulichen Informationen umgehen oder sie gar absichtlich veruntreuen. Während sich ihr früheres Unternehmen Kaspersky Lab hauptsächlich mit Attacken von außen beschäftigte, legt Infowatch den Schwerpunkt auf solche Gefahren von innen, konkret auf das Phänomen „Data Leakage“, also Datenlecks in der Organisation: „Wir entwickeln Software, doch die Software allein löst das Problem einfach nicht“, sagt Kaspersky. Stattdessen müssten verschiedene Schritte ineinandergreifen: Organisation, Personal und dessen Schulung.

Die Arbeitgeber müssen es schaffen, den Arbeitnehmern ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, welche Informationen das Unternehmen verlassen dürfen und wo Vorsicht geboten ist. Doch dafür müssen die Unternehmen das zunächst einmal selbst wissen.

Datenberge managen
 
„Wenn man sich mit Datenlecks beschäftigt, stößt man auf ein weltweit vorhandenes Problem: Organisationen schaffen es nicht, wichtige und kritische Informationen zu identifizieren“, erklärt die Expertin. „Stellen Sie sich eine Firma mit 10.000 Angestellten vor. Jeder erstellt jeden Tag eine neue Datei. Das sind viele tausend pro Tag. Wir müssen den Unternehmen helfen, diese Informationen zu kategorisieren.“

Heute erzeugen Organisationen auf täglicher Basis riesige Mengen an Daten. Wie man von dieser Informationsflut profitieren kann, gehört zu den aktuell größten Herausforderungen der IT-Welt. „In Zukunft müssen wir dieses Thema mit dem Thema der inneren Sicherheit verknüpfen“, so Kaspersky. „Natürlich braucht es dann auch entsprechende Regeln für die Mitarbeiter. Aber ohne eine funktionierende Kategorisierung der Daten sind diese Regeln schwierig zu vermitteln.“

Zur Person
Natalia Kaspersky gründete 1997 gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Jewgeni das IT-Unter- nehmen Kaspersky Labs. Zehn Jahre agierte sie als Geschäftsführerin des Spezialanbieters für Antivirenprogramme und Sicherheitssoftware, der sich in dieser Zeit zu einem der führenden Anbieter weltweit entwickelte.
Seit 2007 steht sie an der Spitze des Tochterunternehmens Infowatch, das sich auf Sicherheitslösungen für Unternehmen spezialisiert hat. Die 46-jährige Unternehmerin ist fünffache Mutter.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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