Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentieren Artikel senden Senden
statt drauf

Hut ab statt Hut drauf

21.12.2012 | 11:35 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Social Business. Eines Tages wollte Martin Winkler „nicht mehr die Augen verschließen“. Auf seiner Plattform Respekt.net kann jeder gesellschaftspolitische Projekte zur Finanzierung einreichen und um Unterstützung werben.

Die Presse: Als Treasury Manager ist Ihnen sicher nicht langweilig – warum haben Sie sich daneben ein gemeinnütziges Engagement (siehe Kasten) angetan?

Martin Winkler: Da gibt es nie nur eine einzige Antwort, da müssen immer mehrere Dinge zusammenkommen. Bei mir waren die Auslöser Konflikte in der Schule meiner Tochter. Dort herrscht ein hoher Zuwandereranteil. Mich hat alarmiert, wie damit umgegangen wurde. Ich hatte das latente Gefühl, ich leiste zwar meine Beiträge und liefere meine Steuern ab, aber ich beteilige mich zu wenig am politischen Prozess in diesem Land. Ich wollte etwas tun.

Ein Gefühl haben ist gut, aber woher nimmt man die Idee, was man tun will?

2007 kamen meine Kinder aus den USA zurück und brachten Myspace (den Vorläufer von Facebook, Anm.) mit. Sie haben ihre Fotos und Geschichten hochgeladen – und ich dachte, das kann man doch auch mit Projekten ins Leben rufen. Wenn jemandem ein Projekt oder ein Engagement auf der Plattform gefällt, kann er es mit Geld unterstützen. Wer Zeit hat, der bringt seine Zeit ein. Ich habe Freunde und Bekannte gefragt und zu meiner Überraschung haben sie sofort gesagt: „Wir sind dabei.“

Sie hätten es sich doch auch leicht machen und die Arbeit den anderen überlassen können . . .

Ich bin der unternehmerische Typ. Wenn mich etwas interessiert, will ich es auf die Beine stellen. Das war dann gar nicht so einfach. Jeder von uns hat einen Fulltime-Job. Als Erstes mussten wir unsere Idee spezifizieren, sonst hätten wir nie jemanden gefunden, der uns die Software programmiert. Allein das hat uns Monate zurückgeworfen. Dann war die Seite endlich fertig programmiert, und wir mussten sie testen. Und so ging es über Jahre, bis wir 2010 endlich online waren. 

Wenn ich Ihren Ansatz mit dem anderer gemeinnütziger Engagements vergleiche, fallen mir drei gemeinsame Merkmale auf. Erstens: Alle Projekte kommen von der Basis und nicht von oben.

Das ist ein wichtiger Punkt. Ich denke, die etablierten Strukturen, Institutionen oder Parteien haben ein Problem, engagierte Menschen anzusprechen, egal ob sie jung oder alt sind.

Das führt uns zum zweiten Punkt: Man sucht nicht mehr nach großen, verbindenden Ideologien, sondern nach seiner „eigenen“ Aufgabe, einem einzelnen, kleinen Mosaikstein . . .

Die Menschen begeistern sich heute nicht mehr für die großen Strukturen mit ihren großen Ansprüchen. Sie sind misstrauisch geworden, was von großen Ideen am Ende übrig bleibt . . .

Und drittens: Keiner will mehr die Welt retten. Man pickt sich einen überschaubaren Missstand heraus, den man auch aus eigener Kraft ändern kann. Haben die Superhelden ausgedient?

(lacht) Ein Thema, ein Projekt muss heute konkret sein. Nur aus konkreten Ideen entsteht etwas. Der erste Schritt kann dann auch ein ganz kleiner sein, doch daraus entstehen Gruppen, Netzwerke, von denen man vorher gar nichts wusste. Aus vielen Grassroots-Aktivitäten sind richtig große Sachen geworden.

Viele suchen danach – aber wie findet man seine „eigene“ Aufgabe?


Meist aus persönlicher Betroffenheit heraus. Wir leben in einer Mediengesellschaft, da kann sich jeder rasch einen Überblick ,anlesen‘ oder ,anhören‘. Die Menschen haben zwei kostbare Güter zu verschenken, Zeit und Geld. Und das tun sie auch gerne. Die Möglichkeiten dazu haben sich in den letzten Jahren stark entwickelt.

Was ist für Sie bei der Entscheidung für ein Projekt wichtiger: das Kopf- oder das Bauchgefühl?

Manche Projekte sprechen mich hirnmäßig an, manche im Bauch. Wenn Seniorinnen und Senioren mit Zuwandererkindern lesen und lernen, dann ist das für mich eine irrsinnig schöne ,Wow!‘-Idee. Die Demokratie-Initiative „Mein Österreich“ etwa spricht mich im Kopf an. Da geht es um das Volksbegehren 2013 zur Stärkung der direkten Demokratie und zur Verhinderung von Korruption. Das Projekt ist nicht von uns, es wird aber über unsere Börse Geld dafür gesammelt.

Wie sieht Ihre Vorstellung von einer „idealen Gesellschaft“ aus?

Da halte ich es mit dem ungarischen Schriftsteller Ferenc Szijj: „Wenn ich groß bin, werde ich schweigen.“ Ich habe keinen fertigen Gesellschaftsentwurf. In meiner Jugend hätten Sie mich darauf ansprechen können, heute kann ich nicht mehr damit dienen. Aber ich will vor den Dingen der Welt nicht mehr die Augen verschließen. Ich sehe eine Verantwortung, bei der Unternehmerschaft und bei Menschen mit hohem Einkommen und Vermögen, dass sie nicht wegschauen, sondern einen glaubwürdigen Beitrag leisten. Das sehe ich sehr deutlich.

 

Zur Person
Im Hauptberuf ist Martin Winkler (49) Partner und Geschäftsführer bei Schwabe, Ley & Greiner Finanz- und Treasury-Management. Da- neben hat der Volkswirt gemeinsam mit Freunden den Verein Projekt.net aufgezogen, dessen erster Schritt eine Börse für konkrete gesellschaftspolitische Projekte ist.
Interessierte bekommen über die Plattform einen Überblick über österreichische Initiativen und können sie mit Zeit oder Geld unterstützen. Der aktuelle Investitionsstand beträgt 403.781 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

3 Kommentare
jetzt_aber
26.12.2012 19:41
0 0

Schwabe, Ley & Greiner?

Sind das nicht die, die im Salzburger Derivate-Beirat sitzen? Und ist respekt.net nicht nur eine nette Lobbying-Veranstaltung?
ewoewo
21.12.2012 14:55
0 0

eigentlich

arbeiten viele unbezahlt, wenn sie sich dort eintragen werden sie auch noch zugespamt... das ist meine erfahrung...
ewoewo
21.12.2012 14:56
0 0

Re: eigentlich

ich mag sowas nicht die presse schon - wieso wohl? (hinthint werbung ist toll)
AnmeldenAnmelden
DiePresse.com