Verlernen wir Deutsch?
09.11.2012 | 10:47 | Andrea Lehky (Die Presse)
Sprachkompetenz. In den Nachbarländern schlagen Professoren Alarm, weil ihre Studenten immer schlechter lesen, schreiben und sprechen können. In Österreich melden sich vereinzelte Stimmen aus dem Arbeitsmarkt.
Diese Geschichte nahm ihren Anfang anhand zweier Indizien. Zuerst einem Interview mit Hermann Studnitzka, dem Leiter der Technikerschmiede Festo Didactic. In einem Nebensatz beklagte er die schwindende Lesekompetenz seiner Schützlinge: „Ich bin dabei, die Lehrmaterialien umzustellen. Selbst Erwachsene tun sich immer schwerer, Texte zu lesen, die länger als eine A4-Seite sind.“
Kurz darauf ein Gespräch mit Susanne Hochwarter, Geschäftsführerin der auf Juristen spezialisierten Personalberatung Lawyers & More: „Trotz hervorragender Noten ist die muttersprachliche Kompetenz vieler Bewerber so schlecht, dass ich ihnen einfach keine Plädoyers zutraue.“ Auf Nachfrage präzisiert sie: Verbale und schriftliche Ausdrucksweise wirken gleichermaßen ungeschult, Sätze sind logisch nicht nachvollziehbar, Antworten zu lange und zu ausschweifend: „Beobachten Sie einmal eine Verhandlung – jeden Richter bringt es auf die Palme, wenn man nicht rasch auf den Punkt kommt!“
Aus der Liste ihrer persönlichen Ärgernisse: Bewerbungs-Mails mit klein geschriebenem „Sie“ in der direkten Anrede – „Wenn ein Jurist nicht weiß, wie er mich richtig anspricht, weiß er es bei seinen Klienten auch nicht“ –, falscher Interpunktion, dass/das- und seid/seit-Fehlern sowie Dativ/Akkusativ-Verwechslungen: „Ich rede hier nicht von der Rechtschreibreform. Nur von Zeichen, dass jemand die Basisregeln verstanden hat.“
Schwächelnde Sprachkompetenz findet die Personalberaterin auf allen Ausbildungsebenen. Bewerbern für klassische GF-Assistenzpositionen (Mindestabschluss: HASCH/HAK) legt sie einen in Umgangssprache verfassten zweiseitigen Text vor: Ein Direktor Müller komme morgens um 9 Uhr auf dem Flughafen Wien-Schwechat an, müsse ins „Sacher“ gebracht werden und hasse öffentliche Taxis. Den Kandidaten werden im Anschluss konkrete Fragen zur Abholung des Herrn Direktor gestellt. Jedoch: Ein Drittel sei nicht in der Lage, den Text mit einmaligem Durchlesen sinnerfassend aufzunehmen und konkrete Handlungsanweisungen abzuleiten. Hochwarter: „Früher haben wir so das Sprachverständnis für Englisch abgetestet. Heute müssen wir es auch für Deutsch tun.“
Krämpfe in der Hand
Bei unseren deutschen und Schweizer Nachbarn hat das muttersprachliche Dilemma bereits die Hochschulen erreicht. Trotz mutmaßlich gestiegenem IQ verlören die Studierenden ihre Fähigkeit, selbstständig zu formulieren und zusammenfassende Texte zu erstellen, ärgert sich Germanistikprofessor Gerhard Wolf von der Universität Bayreuth. Gleichzeitig schrumpfe ihr Wortschatz, während der Jargon zunehme: „Sie verwenden Begriffe, die sie einmal gehört haben. Ohne zu wissen, was sie bedeuten.“
Soziologieprofessorin Gabriella Schmid von der FH St. Gallen wiederum wies schon Seminararbeiten wegen sprachlicher Unzumutbarkeit zurück. Auch handschriftlich abgefasste Klausuren wären zunehmend unleserlich und somit nicht bewertbar. Die Studenten rechtfertigen sich: Bei vierstündigen Tests bekämen sie schlichtweg Krämpfe in der Hand. Schließlich sei man an zeitgeistiges Tippen am Laptop gewohnt.
„Deidsch“-Schularbeit
Die Wurzel allen Übels orten heimische Beteiligte im ohnehin PISA-geprügelten Schulsystem. Was hat sich denn so dramatisch in der Deutschausbildung geändert? Gar nichts, weist Karl Blüml, Landesschulinspektor i. R., Österreich-Vertreter in der Bodenseekonferenz für die neue Rechtschreibung und Mastermind der aktuellen „Soko-Lesen“ zurück: „Lehrpläne und Lehrbücher sind seit Jahrzehnten vollkommen gleich.“ Allerdings vergesse man nur zu leicht, dass auch in der guten alten Zeit nur ein geringer Teil der Schüler für literarische Texte zu begeistern gewesen war: „Ich habe im 19. Bezirk unterrichtet, einer nicht gerade bildungsfernen Gegend. Sogar dort haben manche Schüler ihr Schularbeitsheft mit ,Deidsch‘ übertitelt.“
Er glaube daher nicht an ein Schwinden der Deutschkenntnisse, sondern an ein Hochschrauben der Ansprüche: „Früher hat die Lehrerin nach dem gemeinsamen Lesen eines Textes gefragt, was denn da jetzt dringestanden ist. Zwei oder drei Schüler haben sich immer gemeldet. Aber niemand hat je eruiert, ob es denn alle verstanden haben.“ Rund ein Viertel versteht es nicht, so die gerafften Erkenntnisse der PISA-Studie. Weil deren Stichprobe österreichweit nur knapp 5000 Probanden erfasst, wird nun eine systematische Überprüfung aller Wiener Schüler „erzwungen“, so Projektleiter Blüml. Festgestellte Schwächen werden ausgemerzt. Mit „einigem finanziellen und logistischen Aufwand“ werden allen Wiener Schulen im Rahmen seiner „Soko-Lesen“ Test-, Diagnose- und Übungsmaterialien zur Verfügung gestellt.
Neue Anforderungen
Ein Bereich habe sich schon gewandelt, gibt der ehemalige Landesschulinspektor zu. Früher waren Texte die einzigen Informationsquellen. Heute kämen mit den neuen Medien auch neue Darstellungsformen auf die überlasteten Schüler zu: „Eine simple Gebrauchsanweisung ist heute von Koreanisch ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt und dazu noch mit Grafiken und Bildern gespickt. Selbst eine Ikea-Bauanleitung muss man erst interpretieren lernen.“
Und für die Schüler hätte es schließlich einen größeren praktischen Nutzen, einen Fahrplan lesen, als Heinrich Böll zusammenfassen zu können.













