Europa: Womit in CEE noch zu verdienen ist
19.10.2012 | 10:09 | Andrea Lehky (Die Presse)
Der heurige Cyrill-Award ging an ein Infrastrukturprojekt – ein Wirtschaftsbereich, in dem für Experten Erhard Busek „unendliche Zukunftsperspektiven“ liegen.
Wer früher vom „Osten“ sprach, der meinte Wien, ließ ein gut gelaunter Erhard Busek, Schirmherr des Cyrill-Award, bei der Preisverleihung im Management Club die Historie Revue passieren. Heute ist der Blickwinkel weiter. Unter „Osten“ wird jetzt selbstverständlich die Region Zentral- und Osteuropa verstanden, eine neue Entität namens Mitteleuropa mit Österreich in ihrem Kern. Ein Blick ins Wiener Telefonbuch genüge, um die Nähe der Wiener zu ihr zu verstehen.
1,3 Millionen Einwohner hatte Wien zu Buseks Zeit als Stadtrat in den 1970er-Jahren, mit guter Aussicht, unter eine Million zu sinken. Das hat sich geändert: In absehbarer Zeit kratzt die Hauptstadt an der Zwei-Millionen-Marke – kein Verdienst der Geburtenrate, sondern eines gesunden Zuzugs aus der Region. Hier liege Österreichs Stärke: „Wenn wir etwas zu verkaufen haben, dann die partnerschaftliche und identitätsstiftende Funktion. Weil – groß sind wir heute nicht mehr.“
EU-Erweiterung
Auch in der EU bewegt sich für den Osteuropa-Experten einiges in Richtung CEE. Eingefrorene Beitrittsprozesse werden wieder aufgenommen: Kroatien werde bald das Licht der Union erblicken, Albanien rücke näher, die Anerkennung des Kosovo stünde an und die „schandhaft lange Kandidatschaft Mazedoniens“. CEE hätte die Krise besser weggesteckt als erwartet, mit Ausnahme des Südens natürlich. Jene, die den Zusammenbruch prophezeit hatten, „haben sich entschuldigen müssen“.
Für die heimischen Unternehmen ist Busek voll des Lobes. Ihnen ist es nach dem Fall der Mauer gelungen, die neu gewonnenen Freiheiten zu nutzen, „jedenfalls besser als der Politik“. Das geschah „aus einem gesunden Instinkt heraus“, weniger aus strategischer Planung. Der neue Osten werde die Triebfeder für die Erholung des gesamten europäischen Raumes sein. Grund: „Die unendlichen Zukunftsperspektiven im Bereich der Infrastruktur.“
Siegerprojekt
Womit Busek auch gleich die Brücke zum aktuellen Gewinner schlug. Der „Cyrill 2012“ für herausragende unternehmerische Leistungen in einem zentral- oder osteuropäischen Land wurde an den Intercompany-Manager Christoph Drescher von Kapsch Telematic Services verliehen (siehe Kasten).
Ihm gelang es, in Polen in nur sieben Monaten das erste vollelektronische Mautsystem für 1750 Straßenkilometer umzusetzen. Innerhalb von drei Wochen baute der 37-Jährige ein Office für das Wiener Projektteam auf, innerhalb von sechs Monaten ein Bürogebäude für 170 Mitarbeiter vor Ort. Als besondere Hürde mussten diese nicht bloß rekrutiert, sondern erst einmal entsprechend ausgebildet werden, handelte es sich doch um das erste Mautprojekt in Polen. Drescher: "Wie ich durch das Bürogebäude gegangen bin und die ersten Mitarbeiter angefangen haben, habe ich Gänsehaut bekommen, weil das der Grundstein für die Zukunft der lokalen Gesellschaft war."
Doch der Intercompany-Manager hielt Liefertermin und Kostenrahmen, die Mautbewirtschaftung startete pünktlich. Die polnischen Behörden dankten es mit Aufträgen für weitere 6750 Straßenkilometer. Gesamtauftragsvolumen: 1,24 Milliarden Euro. Des Cyrill-Siegers nicht ganz uneigennütziger Wunsch: EU-weit einheitliche Mautsysteme. Müßig zu erwähnen, dass er selbst großelterliche Wurzeln in der Region hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)













